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Stratege und Diplomat

Michael Embery ist als Behindertenbeauftragter städtische Anlaufstelle für die Bürger

Er ist im Rathaus die Anlaufstelle für alle Menschen mit Behinderung in Reutlingen. Michael Embery sieht sich als Mittler, der nicht nur Anfragen weiterleitet, sondern auch Themen in der Stadtverwaltung setzt.

13.08.2014
  • Matthias Reichert

Reutlingen. In seinem Büro im Rathaus hängt das Fingeralphabet der Gebärdensprache für Hörbehinderte. „Ich bin dabei, das zu lernen“, sagt der 29-Jährige. Er ist bei der Stadtverwaltung für alle Bürger-Anliegen zuständig, die mit Behinderungen zu tun haben. „Ich bin das Sprachrohr in die Verwaltung hinein.“ Das fängt bei Schwierigkeiten von Rollstuhlfahrern im Stadtverkehr an und hört mit der Frage, wo man einen Schwerbehindertenausweis bekommt, noch lange nicht auf. „Alles, was bei mir ankommt, wird bearbeitet“, verspricht Embery. Das koste mal mehr, mal weniger Zeit.

Er leitet Anfragen weiter, trägt Themen vor, adressiert sie an die richtigen Stellen und begleitet Prozesse. Manche Anrufer wollen auch wissen, wo sie einen barrierefreien Arbeitsplatz bekommen – sie werden an die Arbeitsagentur, an Beratungsstellen oder Hilfsorganisationen weitervermittelt.

Ein wichtiges Arbeitsfeld ist der Öffentliche Personennahverkehr. Hier sitzen Vertreter von Stadt, Kreis, Reutlinger Stadtverkehr, Behindertenverbänden und Menschen mit Behinderung an einem Runden Tisch, der zweimal im Jahr im Rathaus tagt. Wichtig sei, dass die Zielgruppe mit dabei ist – als Experten in eigener Sache. Ein häufiges Anliegen ist, dass in den Bussen Sitzplätze nicht freigemacht werden. Oder dass der Busfahrer keine Zeit hat, die Rollstuhl-Rampe auszuklappen. Die Stadtverwaltung hat nun seit Ende 2013 mit 10 600 Euro vom Land sogenannte Mobilitätsbegleiter geschult. 30 Ehrenamtliche haben die drei Kurse absolviert. Sie sollen Menschen mit Behinderungen in den Omnibussen helfen.

Nicht gleich alles professionalisieren

Die Ehrenamtlichen lernten, wie man besagte Rampe selbst aufklappt. „Das ist kein großes Thema. Man muss es nur einfach mal gemacht haben“, sagt der Behindertenbeauftragte. Die Kursteilnehmer erfuhren auch Grundlegendes im Umgang mit Behinderungen. Etwa, dass man Rollstuhlfahrern auf Augenhöhe begegnen soll. Oder dass man Sehbehinderte nicht von hinten anspricht, weil diese sonst erschrecken. „Wir wollen die Gesellschaft sensibilisieren und nicht alles professionalisieren. Da können alle mit anpacken“, sagt Embery.

Es tut sich hier etwas für Menschen mit Behinderung, sagt der 29-Jährige. Und verweist auf die vor einiger Zeit eingeführten Piktogramme an RSV-Bussen. Oder die von den Computer-Oldies herausgegebene Broschüre über barrierefreie Ausflüge im Landkreis. Auch die Innenstadt-Karte für Menschen mit Behinderung soll demnächst aktualisiert werden. Die letzte Auflage datiert aus dem Jahr 2000. „Wir sind immer im Austausch mit der Behindertenliga.“ Zentral sei der Interessenausgleich. So wollen Rollstuhlfahrer keine Randsteine, während diese den Sehbinderten zur Orientierung dienen.

Letzteren Zweck sollte auch die runde Rinne an der Seite der Wilhelmstraße erfüllen. Sie war eigentlich von allen Seiten gewünscht. Doch dann stellte sich heraus, dass die kleinen Vorder-Räder von Rollstühlen darin hängen bleiben. Die Interessenvertreter setzten sich erneut zusammen. Ergebnis: In der Katharinenstraße und rings um die Citykirche wurden und werden eckige Rinnen mit je einem Zentimeter Vorsatz auf beiden Seiten angebracht. Am besten wäre es, wenn auch die Rinnen der übrigen Wilhelmstraße schrittweise umgebaut würden. „Aber das hängt von der Politik ab“, sagt Embery. „Ich kann nichts bauen.“

Das Gleiche gelte für die angeblich barrierefreien öffentlichen Toiletten in Reutlingen. Im Mai hatte sich, wie berichtet, bei einem Rundgang mit Rollstuhlfahrern gezeigt, dass dieses Attribut in den meisten Fällen nicht zutrifft. Das liege daran, dass die DIN-Normen sich seit dem Bau geändert hätten, erklärt Embery. „Früher hat man auf Barrierefreiheit keinen Wert gelegt.“ Die Stadtverwaltung sei an dem Thema dran. Derzeit würden Konzeptionen abgestimmt. Doch er selbst könne nur Themen aufs Tapet bringen, entscheiden müsse dann der Gemeinderat. „Ich koordiniere, leite weiter und vernetze“, sagt Embery. „Ich bin Stratege und Diplomat in einem.“

gSiehe „Mit Engelszungen“

Info Michael Embery ist im Reutlinger Rathaus unter der Durchwahl 0 71 21 / 303-24 70 zu erreichen.

Michael Embery ist als Behindertenbeauftragter städtische Anlaufstelle für die Bürger
Sprachrohr in die Verwaltung: Der städtische Behindertenbeauftragte Michael Embery auf dem barrierefreien Steg vor dem Reutlinger Rathaus. Bild: Haas

Michael Embery, 29, ist gebürtiger Stuttgarter. Er hat 2009 sein Studium der Sozialwirtschaft an der dualen Hochschule Villingen-Schwenningen abgeschlossen. Nach einem Jahr in der Stuttgarter Stadtverwaltung kam er 2010 nach Reutlingen. Er leitet dort die Stabsstelle Finanzcontrolling und Sonderaufgaben der Amtsleitung im städtischen Sozialamt. Die Tätigkeit als Behindertenbeauftragter gehört zu diesen Sonderaufgaben. Zunächst war Embery kommissarisch tätig, im Januar 2013 wurde er offiziell ernannt. In der Stadtverwaltung arbeiteten zuletzt 130 Menschen mit Behinderung – mehr als die vorgeschriebenen fünf Prozent. Für sie ist freilich der städtische Schwerbehindertenbeauftragte zuständig, nicht Embery.

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13.08.2014, 12:00 Uhr

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