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Michelangelo lernt laufen
Mit 3D-Effekten werden die Bilder der Sixtina zum Leben erweckt. Foto: Artainment
Vatikan

Michelangelo lernt laufen

Zu Ostern schenkt Rom seinen Touristen ein veritables Spektakel: Eine Multimedia-Show über die Geheimnisse der Sixtinischen Kapelle.

28.03.2018
  • BETTINA GABBE

Rom. Pünktlich zum Touristenansturm vor Ostern öffnet in Rom eine Multimedia-Show die Tore, die mit modernsten technischen Mitteln Michelangelo und die Sixtinische Kapelle sozusagen zum Leben erweckt. Die Erde bebt und der Zuschauer gleich mit: Das Spektakal über „Michelangelo and the Secrets of the Sistine Chapel“ spricht die Sinne an.

Bei täuschend echtem Blitz und Donner sorgt ein ausgeklügeltes Tonsystem nicht nur dafür, dass der Zuschauer das schwere Unwetter hört und sieht, sondern sich wie früher bei besonders tiefen Orgeltönen in der Kirche auch am ganzen Körper erbeben fühlt. Wenn die Kardinäle in feierlicher Prozession zum Konklave in die Sixtina einziehen, versetzen Schwaden von Weihrauch die Besucher in das Innere der Kapelle. Deren Geheimnisse bei der Papstwahl gehören zu den am besten gehüteten der Welt.

Kunst und Entertainment zugleich will die Show mit Spezialeffekten aus Kino, Videospiel, Tanz und Theater sein. „Wir wollen Tradition und Innovation miteinander verbinden“, erklärt Barbara Jatta, die erste Frau an der Spitze der Vatikanischen Museen. Dabei müsse man selbstverständlich auf der Höhe der technischen Möglichkeiten sein.

Die Vatikanischen Museen haben hochaufgelöste Digitalaufnahmen der Fresken geliefert. Vor den Augen der Zuschauer lernen die Bilder buchstäblich das Laufen. Nicht nur statische Aufnahmen umgeben mit 3D-Effekt auf Bühne, Leinwand, Decke und Wänden auf 270 Grad die Zuschauer. Stattdessen bewegen sich Gott als Schöpfer, Adam und Eva in Michelangelos Formen und Farben, um Menschen des digitalen Zeitalters die revolutionäre Kunst des Renaissance-Malers hautnah erleben zu lassen.

Allumfassendes Erlebnis

Bis ins Mark erschüttert die Musik von Mozarts Requiem, Händels freudestrahlendem Halleluja bis hin zu Stings zwischen Mittelalter und Pop schwankendem „Dies irae“ den Saal. „Wir wollten ein allumfassendes Erlebnis schaffen“, sagt Marco Balich, der vor dieser Show Massenevents wie die Olympia-Spektakel von Turin, Sotschi und Rio de Janeiro organisierte.

Die Show über die Sixtina soll keineswegs den Besuch der Kapelle ersetzen. Durch die Erzählung von ihrer Entstehung und die Schilderung des von Zweifeln und maßlosem künstlerischen Ehrgeiz geprägten Charakters ihres Schöpfers lernt der Besucher Michelangelo ganz anders kennen. Wie erst dieser Tage entdeckt wurde, versteckte Michelangelo eine Karikatur seiner selbst als mühselig gebückten, mit ausgestreckter Hand malenden Künstler in den Falten des Gewands seiner Freundin Vittoria Colonna. In einer Zeichnung und einem Sonett über die Arbeit an der Decke der Sixtina beklagt er sich, dass ihm Farbe auf das Gesicht tropfe.

Sechs Millionen Besucher schieben sich pro Jahr in engem Gedränge unter dem Gedröhne von Lautsprecheransagen durch die Sixtina. Michelangelos Schöpfungsdarstellungen sehen sie an der Decke so weit entrückt, dass viele Einzelheiten kaum auszumachen sind. Auch das Jüngste Gericht, das erst dreißig Jahre später über dem Altar entstand, entzieht sich in seinen Details durch die große Entfernung. Praktische Hindernisse für den Kunstgenuss räumt das neue Multimedia-Spektakel spielend aus dem Weg, indem es die Bilder an den Betrachter heranholt. Michelangelo wird dabei mit unsichtbarem Kran-Arm in Kulissen durch die Luft gewirbelt, von denen nie ganz klar ist, ob sie dreidimensional oder doch nur Projektionen sind.

Als nächstes Leonardo?

„Ich fand's toll“ sagt ein elfjähriger Römer nach dem Besuch der ersten Vorstellung, zu der gemeinsam mit dem ehemaligen Kulturminister Francesco Rutelli und Silvio Berlusconis rechter Hand Gianni Letta Roms High Society kam. „Es ist wie eine Reise ins Innere der Denkmäler im Sitzen“, schwärmt der Junge. Andere Kinder sind so überwältigt, dass sie gar nicht zu sagen wissen, warum sie so hingerissen sind.

Der Erfinder der Show sieht nicht die Gefahr, Kunst durch ihre Verwandlung in Spektakel zu entweihen. Balich möchte aus der Erfahrung von Massen-Events bei Olympischen Spielen Kunst näher an die Menschen heranbringen. Die Sixtina soll dabei nur das erste Projekt für eine neue Form sein. Als nächstes könnte er sich Leonardo da Vincis Abendmahl in Mailand vornehmen. Das verblasste Wandgemälde könnte für viele Besucher durch ein Multimedia-Spektakel zugänglicher sein als das Original in dem kleinen Refektorium eines Klosters.

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28.03.2018, 06:00 Uhr

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