Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Wohnung verzweifelt gesucht

Mietshäuser-Syndikat lud zur Debatte über „Mietenwahnsinn“

In Tübingen explodieren die Mieten. Weniger explosiv als konzentriert war am Donnerstag die Stimmung unter den bald 150 Besucher/innen in der Volkshochschule. Lebhaft diskutiert wurde über die Thesen des Berliner Soziologen Andrej Holm zum „Mietenwahnsinn“.

26.09.2014
  • Volker Rekittke

Tübingen. Nicht nur in Studentenstädten wie Tübingen ist der Wohnungsmarkt völlig überhitzt. Andrej Holm berichtete aus Berlin, wo Rentner sich verzweifelt gegen Zwangsräumungen wehren, wo Miet- in Eigentumswohnungen umgewandelt werden („ein gutes Geschäft“), wo Mieter mit juristischen Finessen und fiesen Tricks zum Auszug aus eben solchen Häusern bewegt werden sollen – „aktives Mietmanagement“ heiße diese Form des (illegalen) Rauswurfs von Altmietern, so Holm.

Seine Schlussfolgerung: „Der Markt wird aus freien Stücken keine preiswerten Wohnungen zur Verfügung stellen.“ Meist heißt es dann: Die Öffentliche Hand muss ran, Geld für den Sozialwohnungsbau ausgeben, über Wohngeld oder Mietpreisbremsen für Ausgleich sorgen. Doch wie nachhaltig sind solche Strategien, die unter Grün-Rot auch im Südwesten eine Renaissance erleben? Die Sozialbindung etwa läuft nach 15 Jahren aus. „Ein teures Programm, das nicht zu dauerhaft niedrigen Mieten führt“, konstatierte Holm. Der Markt folge seiner eigenen Logik.

Ein Beispiel hatte Gitta Rosenkranz parat, die für die Linke neu im Tübinger Gemeinderat sitzt. Seit kurzem wohnt sie in der Alten Weberei in Lustnau. Baugruppen hätten dort zu Quadratmeter-Preisen zwischen 2800 und 3000 Euro gebaut. Unlängst bekam sie mit, dass eine der gerade errichteten Wohnungen bereits von privat weiterverkauft wurde: für rund 3800 Euro pro Quadratmeter.

„Tübingen ächzt an allen Ecken und Enden“, bestätigte Baubürgermeister Cord Soehlke den Ernst der Lage. Es gebe ein zu geringes Angebot in der Unistadt, und egal ob Rentner oder junge Familien, Studierende oder Mitarbeiter von boomenden Firmen wie Forschungsinstituten: „Alle wollen in die Stadt.“

Beispiele, die zeigen, dass es auch anders geht

Es soll weitere Neubaugebiete in der Kernstadt (siehe Kasten unten) und in den Ortsteilen geben. Der wahlkämpfende OB Boris Palmer versprach unlängst, die Zahl der Sozialwohnungen in zehn Jahren verdoppeln zu wollen. „Mit mehr Wohnungen kann man die Preise nicht senken“, widersprach Südstadtplaner Andreas Feldtkeller: „Die Stadt ist zu attraktiv.“ Und ein Besucher merkte am Rande der Veranstaltung an: Warum Tübingen denn zu den teuersten Städten Deutschlands gehöre, wo die Stadt doch angeblich so viel tue?

Was kann denn nun getan werden gegen den „Mietenwahnsinn“? „Der Markt ist das Problem“, sagte Andrej Holm, und plädierte fürs Ausprobieren von Alternativen: Was kann von anderen Zeiten oder anderen Ländern gelernt werden. Etwa vom riesigen kommunalen Sozialwohnungsbestand im „roten Wien“ 1918 bis 34, oder aktuell von „revolvierenden Fonds“ in Salzburg. Die vergleichsweise niedrigen Mieten fließen dort langfristig in einen Wohnbaufonds zur Finanzierung neuer Förderprojekte.

Eine andere Idee hatte der Tübinger Linken-Kreisrat Bernhard Strasdeit: Die Stadt könnte Baugruppen, denen sie Land zu einem akzeptablem Preis verkauft, dafür vorschreiben, dass eine Wohnung bei Weiterverkauf zuerst der Stadt angeboten werden muss – ebenfalls zu einem akzeptablem Preis, um Spekulationsgewinne zu verhindern. Vorgeschlagen wurde auch eine Sozialwohnungs-Mindestquote bei Neubaugebieten – in München liegt diese bei 30 bis 50 Prozent.

Für Gelächter im gestopft vollen Vhs-Saal sorgte Holms Schlusswort: „Kommunaler Sozialismus wäre wohl auch in Tübingen im Moment nicht durchsetzbar.“ Aber sehr wohl Beispiele, die zeigen, dass es auch anders geht. Wie bei den Projekten des Mietshäuser-Syndikats.

Mietshäuser-Syndikat lud zur Debatte über „Mietenwahnsinn“
Wohnungssuche in Tübingen ist für viele Menschen eine zeitraubende, oft reichlich frustrierende Angelegenheit.Archivbild: Löffelholz

Das nächste Tübinger Baugebiet wird am Güterbahnhof sein, danach kommt das Areal am Hechinger Eck dran. Ab 2016 soll entlang der Hechinger Straße/B 27 ein kleines Quartier für rund 400 Menschen entstehen, zudem Arbeitsplätze in Handel und Dienstleistung. Dabei soll auch die städtische GWG mit im Boot sein; von einem Sozialwohnungsanteil von bis zu 30 Prozent war bereits die Rede.

Auf der Veranstaltung „Mietenwahnsinn“ am Donnerstag erläuterte Baubürgermeister Cord Soehlke, dass die Verwaltung sich für das Areal zwischen Grundschule am Hechinger Eck und Heinlenstraße einen „Wettbewerb der Konzepte“ wünscht: Dort solle ein „Schwerpunkt für Soziales Wohnen“ entstehen, mit verschiedenen Modellen wie Erbpacht, „Low-Budget“-Bauen, Mietshäuser-Syndikats-Projekten sowie „klassischem sozialen Wohnungsbau“.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

26.09.2014, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Wirtschaft im Profil

Die aktuelle Ausgabe unseres Business-Magazins Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball