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Wenn der Kopf in einem Schraubstock steckt

Migräne: Schmerz, lass nach! Eine Patientengeschichte.

Julia Waldecker lebt seit ihrer Kindheit mit Migräne, aber es hat eine Weile gedauert, bis sie mit den tückischen Kopfschmerzen zu leben lernte.

20.11.2016
  • Ulla Steuernagel

Lange Zeit hatte Migräne den Ruf, nichts anderes als ein simuliertes Unwohlsein reicher Damen zu sein. Dieses Migräne-Klischee spielt im Salon des 19. Jahrhunderts, zwischen Riechfläschchen, Chaiselongue und Unpässlichkeit. Mittlerweile gibt es nur noch wenige Unwissende, die in Migräne den vorgetäuschten Schmerz unausgelasteter Gesellschaftsdamen vermuten. Es hat sich herumgesprochen, dass Migräne-Patientinnen und -Patienten mit schlimmen Schmerzattacken leben müssen, manche von ihnen schon von Kindheit an.

Bei Julia Waldecker aus Waiblingen ging es früh mit dieser speziellen Form des Kopfschmerzes los. Sie hatte ihre erste Migräne im Alter von zwölf Jahren. Nur wusste sie es damals nicht. Sie erinnert sich auch nur dunkel an die Situation: Sie war gerade in einer Jugendfreizeit, als ihr Kopf plötzlich und jäh schmerzte. Die Betreuerin habe ihr damals die Schläfen mit ätherischen Ölen eingerieben, danach schlief das Mädchen und als es erwachte, war der Spuk vorbei.

Weder Julia Waldecker noch ihre Eltern waren auf einen Migräneanfall vorbereitet. Es gibt keine familiäre Disposition dafür. Kein Familienangehöriger leidet unter Migräne. Anfangs waren auch bei ihr die Kopfschmerzen nicht besonders auffällig. „Am Anfang habe ich es auf die leichte Schulter genommen“, erklärt die 32-jährige Sekretärin. Wie oft sie Anfälle hatte, weiß sie nicht mehr. Nur dass die Schmerzen immer häufiger und heftiger wurden und ihr brachial auf den Magen schlugen. „Meine Mutter hat mich zu etlichen Ärzten geschleppt.“ Sie wurde vom Hausarzt und schließlich vom Neurologen durchgecheckt, sogar der Verdacht auf einen Tumor stand im Raum.

Es dauerte ungefähr drei Jahre, bis bei ihr Migräne diagnostiziert wurde. Möglicherweise hatte die Schwierigkeit, die richtige Diagnose zu stellen, auch damit zu tun, dass Waldeckers Migräne nicht den klassischen Verlauf nimmt. Bei vielen Patientinnen und Patienten beginnt die Attacke mit einer Aura, also mit Sehstörungen. Es folgen Wahrnehmungsstörungen und dann setzt der pochende und meist einseitige Kopfschmerz ein, der oft auch von Erbrechen begleitet wird.

Bei Julia Waldecker beginnt die Attacke nicht mit der Aura, sondern bei ihr stellen sich gleich die Kopfschmerzen ein. „Ich habe auch kein Problem mit Kribbeln in Armen und Beinen oder Taubheitsgefühle“, sagt sie. Das heißt jedoch nicht, dass sie deshalb unter einer abgeschwächten Form von Migräne leidet. Dieses charakteristische „Schraubstockgefühl“, so beschreibt sie eine Variante des Schmerzes, war für sie Grund genug, zu starken Schmerzmitteln zu greifen. Sie nahm zunächst die üblichen Tabletten und, da der Magen rebellierte, Zäpfchen. Sie probierte diverse Schmerzpräparate aus. Mal war es der Arzt, mal eine Apothekerin, die ein Mittel empfahl. Ohne Schmerzmittel ging es nicht, aber mit irgendwann auch nicht mehr. Die Nachwirkung des Tablettenkonsums merkt sie noch heute: Selbst starke Mittel schlagen bei ihr nicht mehr an.

Die Attacken stellten sich immer häufiger ein, konnten aber auch mal eine gewisse Zeit ausbleiben. „Manchmal ein bis zwei Mal pro Woche und dann auch mal vier Wochen nichts“, sagt Waldecker. Auch die Dauer der Anfälle war unterschiedlich. Mal dauerten sie ein paar Stunden, mal ein bis zwei Tage.

Es war für sie nicht damit getan, sich in ein abgedunkeltes Zimmer zu legen und darauf zu warten, dass der Schmerz nachlässt. „Ich musste schon einige Male in die Notaufnahme gebracht werden“, sagt die junge Frau. Die Schmerzen im Kopf wurden unerträglich und der Rest war: „Übergeben, Übergeben, Übergeben“. Waldecker begann nach jedem Strohhalm zu greifen, der sich ihr bot. Sie versuchte es mit Akupunktur, mit Entspannungstechniken, mit Yoga, mit Ernährungsumstellung, Diäten, Sport trieb sie ohnehin schon – im Fitnessstudio und als Joggerin. Auf ihrem Pferd ist sie außerdem täglich an der frischen Luft unterwegs. Doch alle Bewegung und alles bewusste Essen brachten keine merkliche Verbesserung.

Besser wurde die chronische Erkrankung erst, als Waldecker die Kopfschmerz-Sprechstunde am Tübinger Universitätsklinikum entdeckte. Wie sie dazu kam, die rund einstündige Autofahrt zur Behandlung auf sich zu nehmen? „Es war ein großer Zufall“, sagt die Waiblingerin. Weil ihr damaliger Freund in Tübingen studierte und sie während eines Besuches wieder eine schwere Migräneattacke hatte, brachte der Freund sie in die Notaufnahme des Klinikums. „Waren Sie schon mal in unserer Kopfschmerz-Sprechstunde?“, wurde sie da gefragt. Von deren Existenz hatte sie bis dahin nichts gewusst.

Also ließ sie sich dort beraten. Sie begann ein Migräne-Tagebuch zu schreiben, das Aufschluss über mögliche Trigger, also Auslöser, geben sollte. Ihr wurde hier zunächst das Antiepileptikum Topiramat verschrieben, das ebenfalls zur Migräneprophylaxe eingesetzt wird. Morgens und abends nahm sie eine Tablette, die Dosis wurde langsam gesteigert. Für den akuten Fall empfahl man ihr das Nasenspray Ascotop, dessen Wirkstoff aus der Gruppe der Triptane zur selektiven Stimulierung von Serotonin-Rezeptoren führt. Serotonin ist ein Neurotransmitter, der dazu beiträgt, die Spannung der Blutgefäße zu regulieren. Unter dem Einfluss des Antiepileptikums nahmen die Migräneattacken bei Waldecker ab – sowohl an Häufigkeit, als auch an Intensität. Mit dem Nasenspray bekämpfte sie den akuten Schmerz. „Nach ungefähr einer halben Stunde ist die Attacke vorbei.“

Die Antiepileptika muss die Patientin mittlerweile nicht mehr einnehmen. Erst hatte sie Angst davor, das sei so eine „Kopfsache“ gewesen. „Ich dachte, wenn ich es absetze, kommt die Migräne bestimmt wieder häufiger.“

Mittlerweile befällt der Kopfschmerz sie nur noch ein bis zwei Mal im Monat, meist vor oder nach der Menstruation, und er hält sich in medikamentös eingeschränkten Grenzen. Außerdem achtet sie darauf, ein paar Auslöser zu vermeiden: Sie trinkt nur wenig Alkohol, sie achtet auf regelmäßigen Schlaf und versucht, wenn möglich, Stress zu vermeiden. In ihrer Arbeit als Sekretärin sei es zwar „phasenweise stressig“, aber sie habe keinen 12-Stunden-Tag, sondern geregelte Arbeitszeiten. Arbeitsstress als Migräne-Auslöser setzt Waldecker bei sich nicht allzu hoch an, denn auch in ihrer dreimonatigen Auszeit im letzten Jahr, die sie für eine große Reise nutzte, bekam sie Migräne.

„Ausgelöst wird sie meist von mehreren Faktoren“, hat Waldecker an sich beobachtet. Luftdruckschwankungen spielen ebenfalls eine Rolle, aber was kann schon gegen das falsche Wetter unternehmen? Auffällig viele Krankentage sammeln sich bei der Sekretärin jedenfalls nicht an. „Ich bin generell wenig krank“, stellt sie fest. Und sollten die gefürchteten Kopfschmerzen auftreten, dann ruft sie ihren Chef an und sagt, dass sie Migräne habe und etwas später ins Geschäft komme.

Die Zeiten, in denen sie manchmal vor lauter Pein am liebsten den Kopf gegen die Wand geschlagen hätte, scheinen für Julia Waldecker vorbei zu sein. Sie glaubt, sie hat „gelernt, mit der Migräne zu leben“. Gleichzeitig hütet sie sich davor, der Migräne einen zu großen Platz in ihrem Leben einzuräumen. „Ich lass mich davon nicht kirre machen“, so ihr Vorsatz. Die Kopfschmerzen sollen schließlich nicht zum Mittelpunkt ihres Lebens werden.

Migräne, was ist das?

Migräne tritt anfallsartig in Form von pochenden und meist einseitigen Kopfschmerzen auf. Sechs bis acht Prozent der Männer und 12 bis 14 Prozent der Frauen leiden unter solchen Attacken. Es gibt verschiedene Varianten von Migräne, manche Patienten erleben eine sogenannte Aura als Vorbote. Jeder vierte bis fünfte Patient leidet zu Beginn einer Attacke unter solchen Sehstörungen. Dazu kommt Kribbeln in Armen und Beinen und eine hohe Licht- oder Geräuschempfindlichkeit. Außerdem ist bei vielen der Magen in Mitleidenschaft gezogen. Es kommt zu starkem Erbrechen. Verschiedene Ursachen werden als Auslöser der Migräne diskutiert: zum Beispiel eine gestörte Serotonin-Ausschüttung. Die „Trigger“ für Migräne sind von Patientin zu Patient unterschiedlich.

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20.11.2016, 07:00 Uhr

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