Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Rottenburger Lokalposse

Milder Spott entlarvt den schönen Schein

Bei Klöpfer & Meyer ist just ein neuer Roman des Tübinger Schriftstellers Egon Gramer erschienen. „Allerscheinheiligen“ knüpft an ein Ereignis aus dem Jahr 1912 an und führt ins Rottenburg kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs zurück.

15.09.2012
  • uLRICH eISELE

Wobei die Oberamtsstadt in Egon Gramers neuem Roman nur mäßig verfremdet als „Rottenberg“ daherkommt. Aus seinem Heimatort Dettingen machte er „Dettenbach“, aus Hemmendorf „Hemmenhofen“. Lernte man den Autor in seinem Debütroman „Gezeichnet: Franz Klett“ als präzisen Realisten kennen, so hat er seiner neuen Geschichte nun einen Sprachfilter nachlässigen Spotts vorgehängt, der sofort signalisiert: Obacht, hier wird geflunkert!

Als „schwäbische Köpenickiade“ preist der Verlag das schmale, 169 Seiten starken Oktavbändchen an, das auf ein überliefertes, jedoch wenig ausgeleuchtetes Ereignis des Jahres 1912 zurückgreift: Damals habe ein dunkelhäutiger Mann, der sich „Bischof von Bethlehem“ nannte, mancherorts auch als „Bischof von Nazareth“ auftrat, im Oberland und auch im Rottenburgischen missioniert, Messen gelesen, Segen gespendet und Geld für arme afrikanische Kinder eingesammelt. Eine Art religiösen Fiebers griff um sich, verursachte Unruhe in der Bevölkerung. Die Spuren des falschen Bischofs und seines geistlichen Sekretärs sind verwischt. War wohl zu peinlich für viele, die ihm aufsaßen.

Egon Gramer stieß auf diese Geschichte in Josef Eberles Jugenderinnerungen „Aller Tage Morgen“, recherchierte weiter, fand Belege dafür in der „Tübinger Chronik“ und anderen Tageszeitungen. Vor 20 Jahren hat er die Geschichte schon einmal zu einem kurzen Hörspiel verarbeitet, doch nun erst die Muße gefunden, sie zu einer Posse umzugestalten.

Für Rottenburger und alle mit der Bischofsstadt Verbundenen ist diese äußerst vergnüglich zu lesen. Man findet vieles wieder, was man kennt: die Wasser des Flusses, der die alte und neue Stadt trennt; das Schloss, in dem heute wie damals die Unglücklichen für ihre Taten büß(t)en; das Bischofspalais und das Weggental, dort „Weggintal“ genannt; den Eulenstein.

Aber auch die Gesellschaft in dieser Stadt erscheint noch nicht ganz vergangen. Es gibt den Bischof und seine Verwaltung, den Sparkassendirektor, Pfarrer und Lehrer, das „Juste Milieu“ – und auf der anderen Seite die Landbevölkerung, Arbeiter und Bauern, Ladenangestellte und Handwerker. Zwischendurch wuselt Sebastian, ein aufgeweckter, schlagfertiger Knabe von 13 bis 14 Jahren, der mit wachen Blicken Widersprüche registriert – ein Alter Ego des Autors und zugleich Hommage an Josef Eberle alias Sebastian Blau, den Erst-Überlieferer der Story.

Der Auerbach-Literaturpreisträger Gramer hat darin vieles aus anderen Quellen verwoben, was zumindest der Spur nach bekannt sein dürfte. Am bekanntesten vielleicht die Geschichte von der Restaurierung des Marktbrunnens vor 100 Jahren, bei der die Steinmetze zwei kleinen Brunnenfiguren, Adam und Eva, auf Bischof von Kepplers Geheiß „Tierfelle“ antun mussten, damit durch den Anblick der Blößen nicht Kinder und Jugendliche gefährdet würden. Das ist überliefert.

Dass sich allerdings an der Täuschung des falschen Bischofs in Gramers Roman Mönche aus dem „Weggintal“ beteiligten, sogar der Sparkassendirektor, und in Flaschen abgefülltes „Wunderwasser“ verkauften, ist dichterische Freiheit, erinnert an Filme wie „Daheim sterben die Leut‘“ oder „Wer’s glaubt, wird selig“. Wollte sich der Autor nach anstrengender Jugend-Aufarbeitung in seinem zweiten Roman „Zwischen den Schreien“ mal eine satirisch-fabulierende Pause gönnen?

Info Egon Gramer, Allerscheinheiligen, 175 Seiten, 17,90 Euro. Buchpräsentation am 28. Oktober in der Festhalle Rottenburg.

Milder Spott entlarvt den schönen Schein
Egon GramerBild: Mozer

Milder Spott entlarvt den schönen Schein

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

15.09.2012, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Wirtschaft im Profil

Die aktuelle Ausgabe unseres Business-Magazins Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball