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Landgericht: Positiv auf den Lebensweg einwirken

Mildes Urteil nach Genkinger Überfall – vormals drogenkranker Angeklagter kommt auf Bewährung frei

Der 52-jährige Italiener, der am 16. August 1996 mit einem Komplizen eine Bäckerei in Genkingen überfallen hatte, wurde gestern vom Landgericht wegen schweren Raubes zu zwei Jahren Haft verurteilt – auf Bewährung.

24.07.2015
  • Dorothee Hermann

Tübingen/Genkingen. Der damals heroinabhängige Angeklagte war am 16. August 1996 kurz vor Ladenschluss in eine Genkinger Bäckerei eingedrungen. Während er eine der beiden Verkäuferinnen mit einem Messer bedrohte, holte der Mittäter 400 Mark aus der Kasse. Bei der Flucht aus der Bäckerei hatte der Angeklagte auch einen der beiden Söhne der Betreiberfamilie, die herbeigeeilt waren, mit dem Messer bedroht (wir berichteten). Der Mann war erst Ende Januar 2015 gefasst worden, als er sich auf dem Reutlinger Einwohnermeldeamt wieder in Deutschland registrieren lassen wollte. Die fast sieben Monate bis zum Urteil saß er in Untersuchungshaft.

„Wenn man sich die Tat von außen anschaut, spricht nichts für einen minderschweren Fall“, sage gestern der Vorsitzende Richter Ulrich Polachowski. Der Angeklagte habe die Verkäuferin nicht nur mit dem Messer bedroht, sondern es ihr auch an den Hals gehalten. Durch die Aussicht auf das Gerichtsverfahren hatten sich die durch die Tat bedingten Ängste der Frau erneut verstärkt. Als Bewährungsauflage muss der Angeklagte der traumatisierten Verkäuferin nun 2000 Euro Schmerzensgeld zahlen. Falls es dazu nicht kommt, wird die auf drei Jahre festgesetzte Bewährung widerrufen.

Allerdings hat es der 52-Jährige der Verkäuferin durch sein Geständnis erspart, die Tat durch eine Aussage vor Gericht erneut durchleben zu müssen. „Andernfalls hätte er mit einer Gefängnisstrafe nicht unter fünf Jahren rechnen müssen“, so der Richter. „Durch das Geständnis hat er signalisiert, dass er die Ängste der damals Überfallenen ernst nimmt.“ Der Mann habe sich bemüht, sich der Tat zu stellen. „Er hat sich entschuldigt und mit der Verkäuferin einen Vergleich geschlossen.“

Beide Täter waren zur Tatzeit drogenabhängig. Sie hätten den Überfall nur begangen, weil sie Angst vor Entzugserscheinungen hatten, sagte Polachowski. „Das unterscheidet sie von anderen Tätern, denen es allein um das Geld geht.“ Die beiden agierten eher unprofessionell: Sie waren nicht maskiert und benutzten das Auto des Mittäters, dessen Kennzeichen sie nicht verändert hatten.

Die Tat liege fast 19 Jahre zurück und sei kurz vor der Verjährung gestanden, so der Richter. Zuvor habe der Angeklagte keine Straftaten begangen, und danach auch nicht. In seiner Heimatregion in Süditalien ist der Mann wegen ein paar Kleindelikten aktenkundig. Das letzte liegt zehn Jahre zurück.

„Man möchte ja mit dem Urteil positiv auf den Lebensweg von Angeklagten einwirken“, so Polachowski. Der Mittäter war 1997 wegen gemeinschaftlichen schweren Raubes zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt worden, ebenfalls in einem minderschweren Fall. Kurz nach dem Prozess begann er eine erfolgreiche Drogentherapie. Der Angeklagte litt im Tatjahr unter einer Depression, die durch die schwere Krankheit und den Tod seiner Mutter noch verstärkt wurde. Doch er habe aus eigenem Antrieb eine Therapie angetreten. Im Zuge der gelingenden Behandlung sei auch sein Verlangen nach harten Drogen geschwunden.

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24.07.2015, 12:00 Uhr

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