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Tod an der Scheibe

Millionen von Vögeln donnern jährlich an transparente Gebäudefassaden

Millionen von Vögeln donnern jährlich an transparente Gebäudefassaden. Der Landesnaturschutzverband fordert eine Änderung der Bauordnung.

15.11.2018

Von PETRA WALHEIM

Ein Kernbeißer liegt tot auf einer Terrasse. Zuvor war er gegen ein Fenster geflogen. Foto: Timelynx/Shutterstock.com

Stuttgart. Ein dumpfer Schlag an der Scheibe des Buswartehäuschens erschreckt die Wartenden. Diejenigen, die sehr schnell reagieren, sehen gerade noch, wie ein Vogel wie ein Stein zu Boden fällt. Er ist kein Einzelfall. Nach Auskunft des Landesnaturschutzverbands (LNV) sterben im Südwesten jährlich rund 15 Millionen Vögel, weil sie gegen transparente oder spiegelnde Scheiben und Flächen fliegen. Bundesweit sollen es 100 Millionen Tiere sein, vor allem Singvögel. So, wie die Glasflächen an Gebäuden zunehmen, steige auch die Zahl der Vögel, die dagegen donnern und sich das Genick brechen. Der LNV fordert deshalb, eine Änderung der Landesbauordnung, die ohnehin gerade überarbeitet wird.

Für viele Windkraftgegner sind Windräder die Vogel-Killer Nummer eins. „Das stimmt nicht“, sagt Gerhard Bronner, Vorsitzender des LNV. „Windräder haben keine Auswirkung auf die Vogel-Population.“ Der Bestand des Rotmilans, der im Zusammenhang mit Windkraft immer wieder als gefährdete Vogelart angeführt wird, steige in Deutschland, sagt Bronner. „Wenn die Standard-Vorgaben eingehalten werden, sind Windräder für Vögel kein Problem.“ Ein Standard ist die Abstandsvorgabe zu den Horsten der Rotmilane. Jährlich werden in Deutschland laut Bronner 10 000 bis 100 000 Vögel durch Windkraftanlagen getötet.

Keine belastbaren Zählungen

Der LNV-Vorsitzende räumt jedoch ein, dass es in Deutschland „keine belastbaren Zählungen“ für tote Vögel an Glasfassaden oder -flächen gibt. Die Zahlen, die er nennt, stammen aus einer Studie aus den USA. Sie wurden auf Deutschland übertragen, „um die Größenordnung abschätzen zu können“. Einfach die Vögel zu zählen, die tot vor Häusern, Wind- und Lärmschutzwänden sowie an Buswartehäuschen liegen, funktioniert nicht. „Die toten Vögel werden rasch weggefressen“, sagt Bronner. Von Krähen, Elstern, Katzen, Füchsen, Hunden, Mardern und Ratten. Die Dunkelziffer sei sehr hoch.

Das Problem der Vögel ist, dass sie von spiegelnden Glasflächen irritiert werden. Besonders gefährlich ist laut Bronner, wenn Glasfassaden über Eck gebaut werden, und in der Ecke Bäume oder Wiesen zu sehen sind. „Die Vögel meinen, sie könnten direkt durchfliegen und knallen dann gegen die Glasecke.“ Vögel könnten Glas nicht wahrnehmen, betont der Naturschützer. Spiegeln sich in Scheiben Bäume oder Himmel, erkennen Vögel den Unterschied nicht. Sie lassen sich täuschen und landen oft im vollen Flug an der Scheibe. Nur manchmal hinterlassen sie einen Abdruck aus Federn und Fett am Glas.

An den Scheiben vieler Buswartehäuschen kleben die bekannten schwarzen Abziehbilder von Greifvögeln. Sie sollen die kleineren Vögel abschrecken. „Aber sie nutzen nichts. Sie werden nicht wahrgenommen.“ Forschungen der Schweizer Vogelwarte hätten ergeben, dass Glas intransparent gemacht werden muss. „Sie können mattiert oder sandgestrahlt werden“, sagt der LNV-Vorsitzende. Guten Schutz bieten offenbar auch senkrechte Streifen in einem Abstand von zehn Zentimetern. „Sobald Glas nicht mehr transparent ist, können Vögel es wahrnehmen.“

Für den Schutz der Vögel an Glasfassaden könnten auch Architekten einiges beitragen. Die Pressestelle der Architektenkammer versichert, dass die Problematik des Vogelschlags „uns durchaus bewusst ist“. Das kammereigene Institut „Fortbildung Bau“ biete für Mitglieder regelmäßig Seminare an, auch zum Thema Bauen mit Glas und Vogelschlag. Viele Architekten seien gut informiert. „Die Entscheidung liegt aber letztlich beim Bauherrn“, sagt Carmen Mundorff von der Pressestelle.

Stellungnahmen werden geprüft

Ein Regulativ könnte auch die Landesbauordnung sein. Nach Auskunft des Wirtschaftsministeriums ist bislang bei der Überarbeitung nicht vorgesehen, darin Vorgaben für den Bau vogelschlagsicherer Gebäude und Fassaden aufzunehmen. Das aber fordert der LNV in einer Resolution. Im Übrigen ist das Ministerium der Ansicht, dass sich die Zahl von jährlich 15 Millionen toten Vögeln im Land nicht belegen lässt. Susanne Bay, Sprecherin für Bauen und Wohnen der Grünen-Fraktion im Landtag, weist darauf hin, dass Stellungnahmen zum Beispiel des LNV „ernsthaft“ geprüft werden.

Dass das Thema „Vogelschlag“ in der Landesbauordnung aufgenommen wird, hält Tobias Wald, wohnungsbaupolitischer Sprecher der CDU-Landtagsfraktion, für unwahrscheinlich. Eher noch in der Ausführungsverordnung. Er schlägt vor, dass Bauherren über Merkblätter auf das Thema aufmerksam gemacht werden.

Resolution für vogelsicheres Bauen

Bei einer Tagung des Landesnaturschutzverbands (LNV) in Stuttgart wurde einstimmig eine Resolution gegen Vogelschlag an Glasfassaden verabschiedet. Darin wird gefordert, dass Behörden, Architekten und Bauherren die Kriterien für ein vogelschlagsicheres Bauen mit Glas berücksichtigen. Weiter wird gefordert, dass das Land die Landesbauordnung um die Vorgabe ergänzt, dass Gebäude mit großen Glasflächen künftig vogelschlagsicher gebaut werden müssen.⇥wal

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Erstellt:
15. November 2018, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
15. November 2018, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 15. November 2018, 06:00 Uhr

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