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Geringfügige Beschäftigung: Löhne klingen oft besser als sie sind

Minijobs zu Maxizeiten

400 Euro steuerfrei neben Studium oder Schule, das klingt verlockend. 400 Euro als Einkommensgrundlage, die aufgestockt werden muss, dagegen nicht. Minijobber ist nicht gleich Minijobber. Und Minijob ist auch nicht gleich Minijob. Die Stundenzahl, die für eine geringfügige Beschäftigung aufgebracht werden muss, unterscheidet sich ebenfalls stark.

27.07.2012
  • Susanne Fiebig, Ulla Steuernagel

Tübingen. Am Schaufenster hängt ein Zettel: Teilzeitkräfte und Mitarbeiter auf 400-Euro-Basis gesucht. Der Abiturientin gefällt das Angebot des Ladens: Hier zu jobben wäre cool, denkt sie sich. Die Nachfrage im Inneren von „Butlers“ ergibt: Für die 400 Euro müsste sie 60 Stunden pro Monat arbeiten. Das ergibt einen Stundenlohn von 6,66 Euro. Außerdem hätte sie keine klar vorgegebenen Arbeitszeiten, statt dessen müsste sie bei Bedarf einspringen können.

Die 6,66 Euro betragen etwas mehr als zwei Drittel des Tariflohnes für ungelernte Arbeitskräfte im Einzelhandel: 9,25 Euro ist der geringste Stundenlohn. „Minijobber“, so hat Martin Gross, Bezirkssekretär der Gewerkschaft Verdi beobachtet, „werden oft beim Stundenlohn beschissen.“ Dabei gilt ab der ersten Arbeitsstunde, also auch bei geringfügiger Beschäftigung, Tariflohn.

Der „Moritz“-Verlag in Heilbronn sucht Verteiler für sein Stadt- und Werbemagazin auf Minijob-Basis. Der Lohn berechnet sich pauschal nach Kilometern und Stunden „im Vorhinein“. Für Tübinger Minijob-Suchende ist die Tour „Pfullingen“, also der Weg Eningen, Pfullingen und Engstingen im Angebot und mit fünf Stunden und 48,60 Euro angesetzt. Eigenes Auto wird vorausgesetzt, Spritkosten sind in dem Lohn enthalten. 6,14 Euro bleiben, heißt es in der Zentrale, als Stundenlohn übrig. Wie hoch er wirklich ist, hängt auch vom Verkehr ab.

Ob 18, 25 oder 67 Jahre alt: Die Bandbreite der Minijobber ist groß. Und so sieht es auch mit der Vielfalt der Erfahrungen aus. „Es wäre schrecklich, wenn man die ganze Zeit nur zu Hause hocken müsste“, erklärt eine 67-jährige Rentnerin, die für die Tübinger Familien- und Altershilfe arbeitet und ihren Namen nicht nennen will. Sie möchte ihre 700-Euro-Rente aufstocken.

Als ihr Mann und sie ein Haus bauten, ließ sie sich die Rente nämlich vorzeitig ausbezahlen. Nach der Scheidung habe sie wieder bei Null anfangen müssen. Dennoch bedeutet ihr die Arbeit mehr als nur finanzielle Aufstockung. Trotz der Flexibilität, die ihr Tag für Tag abverlangt wird, hat sie ihren „Traumjob“ gefunden.

Bei der Stadt Tübingen gibt es so gut wie keine Minijobs, das betont Sozialreferatsleiterin Uta Schwarz-Österreicher. Im Kinderbetreuungsbereich habe man bewusst darauf verzichtet, weil die Arbeitnehmer/innen nicht ohne Sozialversicherung dastehen sollen.

Als Knochenjob könnte man dagegen die Arbeit einer 25-jährigen Studentin bezeichnen, die sich in einer Restaurantküche etwas dazuverdient. Sie ist ausgebildete Köchin und bekommt derzeit ein Stipendium, deshalb braucht der Zusatzverdienst nicht allzu hoch zu sein. Zehn Euro die Stunde sind ihr sicher und weil das Klima im Haus angenehm ist, ist sie mit ihrem Nebenjob zufrieden.

Sittenwidrigkeit liegt zwischen 3 und 5 Euro

Anders ist das bei einer 18-jährigen Schülerin, die bis vor kurzem noch in der Tübinger Filiale einer großen Einkaufskette an der Kasse saß. Ihr Stundenlohn von 9,07 Euro bezieht sich nur auf die Öffnungszeiten des Geschäfts. Nach Ladenschluss hat sie noch mit Aufräumen und Putzen zu tun – unbezahlt.

„Unsere Erfahrung ist, dass im Einzelhandel immer mehr reguläre Stellen vernichtet werden und immer mehr Mini-Jobs entstehen“, sagt Gewerkschaftsmann Gross: „Viele Beschäftigte suchen eine Teilzeitarbeit und bekommen nur einen 400-Euro-Job angeboten.“ Die Zahl der Mini-Jobs im Einzelhandel stieg seit 2004 bundesweit um 60 000 – für den Gewerkschafter Gross ist das eine direkte Folge der Hartz-Gesetze.

Wann kann man bei Minijobs von Sittenwidrigkeit sprechen? „Es gibt keine definierten Löhne“, sagt Arbeitsagentur-Leiter Ulrich Häfele. „Aber irgendwo zwischen 3 und 5 Euro muss man sich die Frage stellen.“ Für Rentner und Jugendliche könnten Minijobs schon attraktiv sein, für alle, die eine feste Arbeit suchen, sei es nur ein letzter Notanker und eine mögliche Brücke zum festen Job, „eben besser als nix“.

Minijobs zu Maxizeiten
Nein, 106 Stunden müssen Minijobber nicht arbeiten, aber flexible 60 Stunden im Monat werden verlangt, dies erfährt man bei „Butlers“ auf Nachfrage.Bild: Steuernagel

Rund 85 Prozent der Minijobber werden mit Niedriglöhnen abgespeist. Bundesweit sind fast 1,4 Millionen aller Beschäftigten auf ergänzendes Arbeitslosengeld II (Hartz 4) angewiesen, die Hälfte davon sind Minijobber. Minijobber sind nicht sozial abgesichert. Sie müssen sich selber krankenversichern, sind bei Arbeitslosigkeit nicht abgesichert und die Rentenversicherung erkennt die Minijobzeiten nur als Pflichtbeitragszeiten an, wenn der Beitrag freiwillig vom Minijobber aufgestockt wird. Minijobs, so kritisieren die Gewerkschaften, verdrängen in den unteren Einkommensgruppen die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung. Spitzenreiter im Angebot von Minijobs sind Einzelhandel, Gastronomie, Reinigung, Kurierdienste aber auch das Gesundheits- und Sozialwesen, durchaus auch mit kirchlichen Trägern.

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27.07.2012, 12:00 Uhr

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