Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Weiber-Wirtschaft

Miss Marbach

Astrid von Velsen-Zerweck – Angeblich soll Queen Elisabeth II. bei ihrem Besuch 1965 in Marbach gefragt haben: »Where are the horses?« Ein Name, zwei Städte. Schon damals waren die Pferde in Marbach auf der Schwäbischen Alb beheimatet. Die Monarchin war aber in Marbach am Neckar, der Geburtsstadt Friedrich Schillers. Fast 50 Jahre später ist heuer das Jubiläumsjahr im Gestüt Marbach: 500 Jahre Tradition. Astrid von Velsen-Zerweck ist in dieser langen Historie die erste weibliche Landoberstallmeisterin.

25.07.2014
  • TEXT: Simone Maier | FOTOs: Gestüt Marbach

Manchmal fehlt mir das Wasser,“ sagt Astrid von Velsen-Zerweck und lächelt. Kein Wunder, denn die Landoberstallmeisterin verbrachte ihre Kindheit mit ihren drei Geschwistern in einem kleinen Dorf bei Bad Segeberg – von Kindesbeinen an umgeben von Pferden und Stallgeruch. Ihr Vater war ein erfolgreicher Vielseitigkeitsreiter und langjähriger Zuchtleiter des Trakehner Zuchtverbands. Kein Zufall also, dass sich Astrid von Velsen-Zerweck schon in jungen Jahren der Ausbildung junger Pferde widmete. Die erfolgreiche Vielseitigkeitsreiterin gewann bereits 1994 als Studentin an ihrer heutigen Wirkungsstätte die Silbermedaille bei der Deutschen Hochschulmeisterschaft.

Nach dem Abitur machte sie erst einmal eine landwirtschaftliche Ausbildung, bevor sie nach Göttingen ging, um zu studieren. Agrarwissenschaft mit Schwerpunkt Tierzucht, begleitet von Publizistik und Kommunikationswissenschaft. Ihr Studium hat sie sich selbst mitfinanziert: durch das Einreiten junger Pferde, PR-Arbeit sowie das Schreiben von Artikeln für Special Interest Magazine.

1998 promovierte sie am Institut für Tierzucht und Haustiergenetik über „Integrierte Zuchtwertschätzung für Zuchtpferde“. Mit der PR-Agentur „Equimedium“ machte sie sich kurz darauf selbstständig. „Die Selbstständigkeit fand ich immer toll“, sagt die 46-Jährige und so klar, wie sie es sagt, und so strukturiert, wie sie erscheint, nimmt man es ihr zu einhundert Prozent ab. Deshalb fiel es ihr auch nicht ganz leicht, diese aufzugeben. „Doch dann war plötzlich die Stelle in Marbach ausgeschrieben und ich schickte nach einigem Überlegen am letzten Tag der Frist meine Bewerbung los“, erzählt von Velsen-Zerweck. 76 Bewerberinnen und Bewerber aus dem In- und Ausland hatten sich beworben und sieben davon wurden zu einem „spannenden“ Assessment Center nach Marbach eingeladen. Sie war eine davon. Als der damalige Minister für Ernährung und Ländlichen Raum, Peter Hauk, sie am 23. Dezember 1997 ins Ministerium einlud, um ihr zu eröffnen, dass sie die Auserwählte für Marbach sei, „war er, glaube ich, ein wenig verwundert, dass ich ihm nicht um den Hals gefallen bin“, lacht sie. Bedacht und mit der ihr eigenen hanseatischen Coolness, erbat sie sich einen Tag Bedenkzeit, um dann am Heiligen Abend zuzusagen.

Trotz gelegentlichem Großstadt-Blues ist sie von der Schwäbischen Alb begeistert. Ihr Vorgänger in Marbach, Dr. Helmut Gebhardt, hat sie vor ihrem offiziellen Amtsantritt im Herbst 2007 noch einige Monate begleitet; „das war sehr gut und auch sehr wichtig. Als erste Frau in diesem Amt, 39 Jahre jung, Quereinsteiger und dann auch noch aus dem Norden – da war in Marbach plötzlich alles anders als sonst“, schmunzelt sie heute. Doch hat sie sich nicht nur mit großem Fachverstand Gehör verschafft. „Sie hat viel Herzblut für die Sache, ist kreativ, hat Visionen und alles andere als einen autoritären Führungsstil“, so eine Mitarbeiterin. Nicht zuletzt deshalb sitzt sie seit nunmehr sieben Jahren fest im Sattel des Gestüts.

Vieles hat sich im Laufe der Jahre unter ihrer Ägide in Marbach verändert. Früher lag das Hauptaugenmerk auf der Landwirtschaft und den Pferden. Heute kommen der Tourismus, die Veranstaltungen, Turniere und einiges mehr dazu. Im Jahr 2013 unterstützte das Land Baden-Württemberg das Gestüt mit 4,47 Millionen Euro. Fast die Hälfte der Betriebskosten finanziert der Betrieb selbst durch Einnahmen aus der Fohlenaufzucht, dem Deckgeld der Hengste und durch Pferdeverkäufe. Zu den zusätzlichen Geldquellen gehören der Raps- und Getreideanbau, touristische Dienstleistungen, die erwähnten Veranstaltungen und Turniere.

Für 2020 hat sich das Land verpflichtet, keine neuen Schulden aufzunehmen – die Sparmaßnahmen bekommt auch das Gestüt zu spüren. Allein 70 Prozent des Budgets werden für Personal aufgewendet: Es gibt 85 feste Mitarbeiter und 40 auszubildende Pferdewirte. Die Tierärztin, die sich um die Vielzahl der Pferde kümmert fungiert übrigens auch gerne als Postbotin „wir geben ihr öfters mal Briefe mit, schließlich reist sie von Gestütshof zu Gestütshof“, schmunzelt von Velsen-Zerweck.

Die dynamische Landoberstallmeisterin hat die Zügel in Marbach im Griff, das wird klar. Auch dank ihres unermüdlichen Einsatzes. Sie hat sich keinen nine to five Job, geschweige denn eine Fünftage-Woche ausgesucht.

Im Frühsommer war sie seit langem einmal wieder zwei Wochen am Stück im Urlaub. Bei dem, was in diesem Jubiläumsjahr noch alles vor ihr liegt, dürfte dies eine mehr als verdiente kleine Verschnaufpause sein.

Miss Marbach
Araberhengst Nahdmi (ganz oben), darunter ein Panoramabild des Haupt- und Landgestüts Marbach, das im hügeligen Biosphärengebiet der Schwäbischen Alb liegt.

Miss Marbach

Über 500 Jahre Geschichte machen das Haupt- und Landgestüt Marbach zum ältesten deutschen Staatsgestüt. Von den baden-württembergischen Herzögen zur Verbesserung der Landespferdezucht und der Beschickung des Marstalls gegründet, ist es heute als landeseigener Betrieb dem Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz Baden-Württemberg unterstellt.
Die drei Gestütshöfe Marbach, Offenhausen und St. Johann liegen mit ihren Vorwerken inmitten des UNESCO-Biosphärengebietes Schwäbische Alb. Rund1000 Hektar Land sind die Futtergrundlage für über 500 Pferde. Edle Vollblutaraber, sportliche Warmblüter, seltene Altwürttemberger und liebenswerte Schwarzwälder Kaltblüter haben hier ihre Heimat.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

25.07.2014, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Wirtschaft im Profil

Die aktuelle Ausgabe unseres Business-Magazins Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball