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Landgericht: Jugendleiter in freikirchlicher Pfadfindergruppe war auf Durchsuchung vorbereitet

Missbrauchsprozess: Angeklagter soll Belastungsmaterial entsorgt haben

Im Prozess gegen den ehemaligen Pfadfinder-Jugendleiter, dem vielfacher sexueller Missbrauch von Jungen angelastet wird, beleuchtete gestern der leitende Ermittler die Tatumstände und das Umfeld.

18.12.2014
  • DOROTHEE HERMANN

Tübingen / Kreis Reutlingen. Der 24-jährige Angeklagte soll vom Frühjahr 2012 bis Frühjahr 2014 eine Vielzahl sexueller Übergriffe in einer Jugendgruppe begangen oder angestiftet haben. Es handelte sich um Pfadfinder, die dem Bund freikirchlicher Pfingstgemeinden angegliedert sind. Der Mann war für neun Jungen verantwortlich, damals zwölf bis 14 Jahre alt. Sechs von ihnen sind von den angeklagten Straftaten betroffen.

Am 6. Juni wandte sich der Vater eines der Jugendlichen mit einem verdächtigen Chat-Protokoll vom Handy seines Sohnes an die Reutlinger Polizei. Der Angeklagte war dem Vater bereits etwa ein Jahr zuvor bei einer Übernachtungsaktion der Pfadfinder aufgefallen. Als der Vater zusätzliche Getränke vorbeibrachte, habe der Angeklagte in der Küche bei normal bekleidetem Oberkörper nur eine Unterhose getragen, berichtete der Vater der Polizei. Seit einiger Zeit habe er keinen Zugang mehr zu seinem Sohn gefunden, der auch sein Mobiltelefon nicht mehr aus der Hand gegeben habe. Die schulischen Leistungen des Jugendlichen verschlechterten sich. Das berichtete gestern der in dem Fall leitende Ermittler von der Kriminalpolizei Reutlingen.

Als das Handy am 4. Juni zufällig offen herumlag, nahm der Vater es an sich – mit großen Skrupeln, weil er sonst die Privatsphäre seines Sohnes respektierte, so der Beamte. Der Vater stieß auf das Chat-Protokoll, beriet sich mit einer weiteren Mutter und ging schließlich zur Polizei.

Bei der Durchsuchung des Zimmers des Angeklagten, der noch bei seiner Familie lebte, fand der Ermittler einige Tage später zwei Softairwaffen, die bei anderen freikirchlichen Pfadfindern verpönt waren, aber von dieser Gruppe bei Geländespielen benutzt wurden, so der Beamte. Der Raum hätte wie ein Jugendzimmer gewirkt. Als er dem Angeklagten sagte, er suche nach Sexspielzeug, soll dieser geantwortet haben: „Das ist bereits entsorgt.“

Offenbar wusste die gesamte Gruppe bereits sehr früh von der polizeilichen Anzeige, weil jemand ein Gespräch belauscht hatte. Dem Gericht liegen aber „Wunschzettel“ der Jugendlichen für die Gruppenstunden vor. „Überwiegend mit sexuellem Bezug“, wie der Kriminalbeamte berichtete.

Der Angeklagte hatte die Gruppe Ende 2011 übernommen. Der Mann hatte schon zuvor Pfadfindergruppen in einer anderen Reutlinger Kreisgemeinde geleitet. Allerdings sei es auch dort zu Auffälligkeiten gekommen, als er zwischen 2007 und 2009 ebenfalls Jungen betreute, damals zwischen elf und 13 Jahre alt.

Die Eltern hätten ihre Söhne mit der Erwartung zu den freikirchlichen Pfadfindern geschickt, „dass die Kinder im Sinne Gottes erzogen und angeleitet werden“, berichtete der Ermittler. „Sie sollten das Pfadfinderhandwerk lernen: Knoten binden, Zelte aufbauen.“

Der Angeklagte habe jedoch bald zu verstehen gegeben, „dass man mit ihm über sexuelle Dinge offen reden könne“, sagte der Kriminalbeamte. Der Mann habe auch angedeutet, Erfahrungen mit dem Drogenmilieu und Kontakte zu einem Rockerklub zu haben. Wenn etwas nach außen dringe, könne er für nichts garantieren.

„An diesen Ehrenkodex haben sich die Kinder strikt gehalten. Bis zur Anzeigeerstattung durch den Vater gelangte nichts nach außen“, sagte der Ermittler. Nach seiner Einschätzung wurde im Jahr 2013 in der Gruppe ganz offen über sexuelle Praktiken gesprochen. „Das war fester Bestandteil der Gruppenstunden.“ Der Angeklagte habe auch hochprozentigen Alkohol mitgebracht, den die Jugendlichen in Mixgetränken zu sich nahmen. Einige von ihnen hätten der Polizei gesagt, ohne diese Enthemmung hätten sie niemals mitgemacht. „Es waren so viele Vorfälle, dass die Jugendlichen sie zeitlich nicht mehr im Einzelnen zuordnen konnten.“ Die Jugendlichen hätten die Vorgänge in einer auffallend abgestumpften, „nicht altersgerechten“ Sprache geschildert.

Der Angeklagte ist durch Familie und Verwandtschaft von Kindheit an mit der Freikirche verbunden. Nach seinem Hauptschulabschluss holte er die Mittlere Reife nach und machte Abitur. Ein Theologiestudium brach er ab, weil er Schwierigkeiten mit den verlangten Sprachkenntnissen hatte. Der Prozess wird am 8. Januar fortgesetzt.

Info Vorsitzender Richter: Martin Streicher; Beisitzer: Benedikt Quarthal und Diana Scherzinger; Schöffen: Ingrid Hassberg und Michael Schäfer. Staatsanwältin: Rotraud Hölscher. Nebenklage: Andrea Sautter. Verteidigerin: Julia Geprägs. Gutachter: Dr. Stephan Bork.

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18.12.2014, 12:00 Uhr

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