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Basketball-Coach Igor Perovic: Trainer-Typ der leisen Töne

Mister 100 Prozent

Mitreißende Trainer-Typen wie Jürgen Klopp beherrschen die Schlagzeilen. Igor Perovic hat bei den Walter Tigers Tübingen auf eine ganz andere, stille Art Erfolg. Drei Mal in Folge schaffte er mit dem kleinsten Etat der Basketball-Bundesliga den Klassenerhalt. Ein Kraftakt, der sich nicht beliebig wiederholen lässt, warnt der Serbe.

26.05.2012
  • hansjörg lösel

Tübingen. Fit sieht er aus, mit seinen 38 Jahren wirkt der Basketball-Trainer Igor Perovic auch heute noch eher wie ein Spieler – der äußere Eindruck täuscht nicht: „Ich bin viel entspannter heute als vor einem Jahr“, sagt der 1,91 Meter große ehemalige Aufbauspieler und erinnert sich an seinen letzten Besuch in der TAGBLATT-Redaktion. Im September 2011 war das, gerade hatte sich Tigers-Center Kenny Williams fluchtartig in die USA abgesetzt. „Das war hart damals, aber wir sind nie in Panik verfallen“, erinnert sich Perovic, der mit 102 Bundesliga-Partien auf der Tigers-Bank inzwischen die vereins-interne Rangliste anführt.

Die Saison ist seit Ende April vorbei, die Tigers schafften erneut den Sprung auf Platz zwölf. In den vergangenen vier Wochen stand Perovic dennoch täglich in der Trainingshalle, arbeitete mit den Nachwuchsspielern Ruben Spoden, Nicolai Simon und Julian Albus. „Jetzt ist die beste Zeit, sich weiter zu entwickeln, als Spieler habe ich jeden Sommer viel an mir gearbeitet“, sagt der Perfektionist.

Auch als Trainer kennt Perovic keine Sommerpause – allerdings verbringt er jetzt die meiste Zeit nicht in der Halle, sondern am Schreibtisch. Perovic ist ständig auf der Suche nach Talenten, ist bestens informiert über das Geschehen in der US-amerikanische Collegeliga NCAA sowie die wichtigsten europäischen Ligen. Andere Vereine haben das nötige Kleingeld, um gestandene Profis zu verpflichten – die Walter Tigers müssen immer wieder junge Talente ohne große Namen entdecken. Es ist das Verdienst von Perovic, dass in Tübingen Spieler wie Vaughn Duggins, der von einem eher unbekannten College-Team kommt, oder Josh Young, der in Deutschland zunächst nur in der dritten Liga unterkam, ihre Chance bekommen haben.

Das Geheimnis von Perovics Scouting-System? „Ich achte bei den Videos nicht nur auf die Highlights, sondern darauf, wie der Spieler auf Fehler oder Auswechslungen reagiert“, sagt der 38-Jährige. Bei der Auswahl der Spieler schaut Perovic deshalb nicht nur auf die Statistiken, sondern auch auf die Persönlichkeit. „Deshalb haben wir eine ganz besondere Gruppe beisammen“, sagt der Trainer. Von seinen Spielern verlangt er nur eines: vollen Einsatz. „Jeder darf bei mir Fehler machen, jeder wird mal einen Wurf vergeben, aber du musst immer 100 Prozent geben – wenn ich merke, dass das nicht der Fall ist, kann ich ungemütlich werden.“

Perovic ist eher ein Trainer der leisen Töne, in der Kabine könne er schon auch mal laut werden, sagt Perovic. Als ehemaliger Profi versteht er aber auch die Sorgen und Nöte der aktuellen Spielergeneration: „Wenn ein Spieler ein Problem hat, bin ich für ihn da – dann verbringe ich mehr Zeit mit ihm als mit meinen Kindern.“

Über Pfingsten aber ist Perovic ganz Familien-Mensch, mit seiner Frau und den beiden Töchtern geht es in den Urlaub. Zwei Wochen mal ganz ohne Basketball – und im Juni beginnt er einen Deutsch-Intensivkurs. „Da sind meine Frau und meine Kinder viel besser als ich.“ Die Familie fühlt sich wohl in Tübingen, die Töchter gehen aufs Kepler-Gymnasium, Perovics Frau arbeitet als Lehrerin in Reutlingen. Den Vertrag bei den Tigers hat Perovic erst im Februar bis 2014 verlängert – doch die Idylle trügt.

Der Tigers-Coach spricht offen an, dass die Rahmenbedingungen in Tübingen nicht mehr konkurrenzfähig sind. Ein eigenes Trainings-Zentrum für die Tigers ist wieder in weite Ferne gerückt, die Profis müssen weiter durch verschiedene Hallen tingeln, klagen zudem über Verletzungen aufgrund der schlechten Hallen-Böden. „Wenn sich in Tübingen nichts ändert, haben wir keine Chance, in dieser Liga zu überleben“, sagt Perovic.

Und rechnet vor: Der Durchschnitts-Etat der Bundesliga-Klubs lag bei fast vier Millionen, die Tigers haben nicht einmal die Hälfte zur Verfügung. Auf die Dauer kann diesen Nachteil auch das beste Talentsichtungs-System nicht wett machen. „Es ist frustrierend und ermüdend, dass wir so wenig Unterstützung von der Stadt bekommen – schließlich repräsentieren wir doch Tübingen“, sagt der Trainer.

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Basketball-Coach Igor Perovic: „Wenn ein Spieler ein Problem hat, bin ich für ihn da – dann verbringe ich mehr Zeit mit ihm als mit meinen Kindern“.Bild: Metz

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26.05.2012, 12:00 Uhr

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