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Wei Tsin Fu schildert Karriere, Heirat, Scheidung und Foyer-Debakel

Mit 11,6 Millionen Euro verschuldet

Vom Autismus in der Kindheit über eine erfolgreiche Karriere als Klavierpädagoge bis zum gescheiterten Konzerthaus-Erbauer – diesen Bogen schlug Wei Tsin Fu in seinem Lebensbericht vor dem Landgericht.

01.08.2012
  • raimund weible

Tübingen. Gestern Nachmittag hatte der Angeklagte das Wort im Schwurgerichtssaal des Landgerichts Tübingen. Wei Tsin Fu, wegen sexuellen Missbrauchs von Schülern angeklagt, beschrieb so ausführlich wie temperamentvoll seinen Werdegang. Über eine Stunde lang erzählte der 64-jährige Klavierpädagoge und Konzertpianist aus seinem Leben, immer mal wieder abschweifend.

Er streifte auch das Thema Foyer, ohne dabei präzise auf die Gründe einzugehen, warum das Konzerthaus-Projekt an der Blauen Brücke geplatzt war. Die Folge des Debakels war eine Privatinsolvenz – mit 11,6 Millionen Euro sei er verschuldet, erteilte Wei der 3. Großen Jugendkammer auf Nachfrage Auskunft.

Drei wertvolle Häuser in Tübingen, Stuttgart und Berlin hat er durch die Foyer-Misere verloren. Wie er sich diese Immobilien habe leisten können, bohrte Staatsanwältin Rotraud Hölscher nach. Die Antwort von Wei Tsin Fu: Als Musikschulinhaber habe er im Jahr 500 000 verdient. Ob in Mark oder in Euro, das blieb unklar.

Wei berichtete auch, wie er um das Jahr 2008 herum noch versucht habe, die Foyer-Ruine von Goldmann-Sachs zurückzuerwerben. Investoren hätten ihn unterstützt. Die Bank habe aber sein Gebot von 4,2 Millionen Euro ausgeschlagen. Dass Wei Tsin Fu ein Pianist mit genialen Zügen ist, das attestieren ihm Freunde und Gegner.

Wie er dies werden konnte, das erscheint nach Weis eigenen Worten wie ein Wunder. Er kam als fünftes von sieben Kinder in Ostjava zur Welt, als Sohn eines Chinesen, der im Zweiten Weltkrieg nach Indonesien flüchtete und dort eine Karriere vom Kofferträger zum Zuckerfabrikanten machte. Als Kind habe er an Autismus gelitten, erzählte Wei Tsin Fu, konnte Gefühle anderer nicht einordnen, sei scheu, schwach und unsportlich gewesen, habe gestottert.

Er kam aus diesem Dilemma heraus – durch Selbstheilung. Reste der Entwicklungsstörung blieben ihm freilich: Streiten und sich verteidigen, das sei ihm nicht gegeben. Mit 16 erteilte er Unterricht in Mathematik, Physik und Chemie. Acht Semester studierte er in Indonesien. Als der Vater enteignet wurde und bald danach starb, flüchtete Wei Tsin Fu 1970 nach Deutschland, studierte an der Stuttgarter Musikhochschule.

Sein Anspruch war ganzheitlicher Art, und so belegte er auch Fächer wie Mathematik, Physik und Evangelische Theologie, insgesamt 28 Semester lang, lernte acht Fremdsprachen von Chinesisch bis Hebräisch. Nebenher gründete er Musikschulen, die erste 1979 in Waldenbuch, weitere folgten in Ansbach und Dinkelsbühl.

Das alles, dieses riesige Pensum mit Studien und Klavierunterricht, habe er dank einer vom Vater geerbten Eigenschaft leisten können, sagte Wei: Er benötige nur drei bis vier Stunden Schlaf, könne 16 Stunden am Tag arbeiten.

1985 machte er seine Tübinger Musikschule in der Herrenberger Straße auf. Sie florierte rasch. Über 500 Schüler aus 30 verschiedenen Nationen betreute er mit seinen Mitarbeitern. Etwa zur gleichen Zeit heiratete der nach eigenen Angaben bisexuell veranlagte Künstler eine Frau, die elf Jahre zuvor an einem Stuttgarter Mädchengymnasium seine Lieblingsschülerin gewesen sei, wobei dabei ausländerrechtliche Gründe eine Rolle gespielt hätten. Acht Jahre später ließen sich die beiden wieder scheiden.

Das Gericht hörte gestern nicht nur den Angeklagten an. Es beschäftigte sich außerdem mit vier Beweisanträgen von Verteidiger Urs Heck. Nach längerer Beratung wies die Kammer sämtliche Anträge ab, darunter auch einen, bei dem der Beweis geführt werden sollte, dass es einem Klavierlehrer unmöglich sei,, seinem neben ihm sitzenden Schüler in die Hose zu fassen. Eine solche Demonstration, so Vorsitzender Martin Streicher, könne man niemandem zumuten. Der Prozess wird kommenden Dienstag fortgesetzt.

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01.08.2012, 12:00 Uhr

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