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Mit 124 Sachen durch die Südstadt
Walter Zeller (links) legt sich hier beim ersten Tübinger Stadtring-Rennen noch vor Schorsch Meier in die Kurve. Der Münchner Motorrad-Mythos überholte mit seiner Kompressormaschine von BMW seinen Markengefährten aber noch und gewann. Zeller belegte – ohne Kompressor – den fünften Platz. Meier war spätestens seit seinem Sieg bei der „Tourist Trophy“ auf der Isle of Man zwischen Irland und Großbritannien eine Legende.
Das erste Tübinger Stadtring-Rennen war ein Publikumsmagnet

Mit 124 Sachen durch die Südstadt

So viele Menschen waren nie zuvor und danach nie wieder bei einem Sportereignis in Tübingen. 50.000 Leute strömten vor 60 Jahren zum Dreieck zwischen Hechinger, Stuttgarter und Reutlinger Straße, um Rennfahrer wie Schorsch Meier auf seiner Kompressor-BMW über den Dreieckskurs jagen zu sehen. In Tübingen fuhren die Rennmaschinen nur zwei Mal.

27.06.2009
  • Benjamin Hechler

Es war ein verrückter Plan: Ein Motorsport-Rennen in Tübingen, mitten in der Stadt. Das ist heute so undenkbar wie vor 60 Jahren. „Wir haben es halt gewagt“, sagte der 2001 verstorbene Eugen Genkinger dem SCHWÄBISCHEN TAGBLATT vor zehn Jahren mit Blick auf das erste Stadtring-Rennen 1949. Der damals 28-Jährige organisierte mit seinen Kameraden vom Automobil- und Motorsport-Club Württemberg-Hohenzollern (AMC) das zweitägige Ereignis.

Zum engeren Kreis der Sport-Begeisterten gehörten Will Hanns Hebsacker, TAGBLATT-Herausgeber und Präsident des AMC, Helmut Lingg, später Hebsackers Nachfolger als Präsident, und Hans Schumann, Motorrad-Europameister. Schon ein Jahr vor dem Tübinger Rennen hatten die jungen Männer ihren ersten großen Wettkampf auf die Beine gestellt. Damals in Reutlingen, weil mit den löchrigen Tübinger Straßen wenig anzufangen war. Das Rennen war es ein Erfolg: 70.000 Leute kamen, was unter anderem Publikumsliebling Schorsch (Georg) Meier zu verdanken war. Doch ein Unfall überschattete das Rennen, als ein Motorradfahrer stürzte und kam ums Leben kam.

Der Erfolg in Reutlingen reichte den Organisatoren nicht: Das Rennen sollte nach Tübingen kommen. Die jungen Männer sorgten dafür, dass Straßen gerichtet wurden, die französischen Besatzer einverstanden waren und sie organisierten 1500 Strohballen als Aufprallschutz an der Strecke. Durch hervorstehende Schachtdeckel, Schlaglöcher und Buckel auf der Straße waren die Vorkriegsfahrbahnen Tübingens überhaupt nicht für ein Rennen geeignet.

Für 10.000 Mark richteten Arbeiter die Straßen soweit her, dass die Motorräder, Rennwagen und Gespanne darauf um die Wette fahren konnten. Die Kosten übernahm der AMC. Auf der Blauen Brücke walzten Stadtarbeiter den Buckel zur Reutlinger Straße glatt. Unter städtischer Obhut stand auch die Markierung der Strecke. Für den Wettbewerb wurden gefährliche Abschnitte entschärft, wie etwa die Kreuzung von Stuttgarter und Reutlinger Straße, die so genannte Todeskreuzung, deren Name auf zahlreiche Unfälle zurück ging. Die Kreuzung gibt es heute nicht mehr, weil die B 27 mittlerweile über die B 28 führt.

Tübingen nimmt Teil an technischer Entwicklung

Der damalige Oberbürgermeister Wolf Mülberger war angetan von der Idee, knatternde Motorräder in die Südstadt zu holen. „Die Stadt Tübingen beweist damit, dass sie nicht nur eine stille Stadt der Wissenschaft ist, sondern dass sie an der modernen technischen Entwicklung lebhaften Anteil nimmt“, schrieb Mülberger in einem Grußwort zur Veranstaltung am letzten Juniwochenende 1949.

Auch das Innenministerium in der Nauklerstraße ließ sich vom Plan überzeugen. OB Mülberger war nicht nur an der Freude der Zuschauer gelegen. Er wollte auch, dass der Einzelhandel vom Rennen profitiert. Deshalb setzte er durch, dass die Geschäfte auch am Rennsonntag geöffnet haben durften. Im Amtsblatt appellierte er an die Tübinger, nett zu den Gästen zu sein und forderte die Händler auf, „an eine geschmackvolle Herrichtung ihrer Geschäfte zu denken“. Sogar eine Sonderbriefmarke war im Gespräch, kam dann aber nicht. Die Landesregierung lehnte den Sonderdruck ab. Auch Lotto und Toto durfte es nach dem Willen der Landeschefs an diesem Tag nicht geben.

Nachdem Plakate versprachen, dass die „gesamte Spitzenklasse am Start“ sei und bekannt wurde, dass auch Schorsch Meier auf den Rundkurs geht (3000 Mark bekam er dafür), gab es in Tübingen nur noch ein Gesprächsthema: Wer geht zum Rennen? Nach dem Krieg waren die drei Mark Eintritt (zwei Mark für Schüler und Versehrte) für die meisten viel Geld. Für den Betzinger Arztsohn Hans Baltisberger zahlten sich die Rennen in Tübingen und Reutlingen hingegen aus. Nicht in Form von Startgeld, sondern als Anfangspunkt seiner Karriere auf dem Motorrad. Beim Ringrennen gewann Baltisberger unter den Nachwuchsfahrern in der 500er-Klasse mit seiner Norton.

Start- und Ziel des Rundkurses waren in der Reutlinger Straße. Dahinter folgten drei Kehren, 3008 Meter Straße und die Runde wurde je nach Klasse zehn bis 25 Mal wiederholt. In zwölf Rennen über zwei Tage verteilt maßen sich die Motorradfahrer in Hubraumklassen von 125 bis 500 Kubikzentimetern – mit Seitenwagen waren bis zu 1,2 Liter Hubraum erlaubt. Die meisten Wettbewerbe waren für Zweiräder. Autos starteten nur in zwei Wettbewerben am Sonntag. 180 Rennfahrer waren zum Stadtring-Rennen angemeldet, zelteten teils neben der Strecke. Um 9.30 Uhr ging am Rennsonntag der erste Lauf los – einer Zeit, in der die Leute sonst in der Kirche saßen. Um die Gläubigen keinem Motorenlärm auszusetzen, wurde der Gottesdienst eigens vorverlegt.

Am Samstag um 14.30 Uhr war in der 125er-Klasse der einzige gemischte Wettbewerb von Nachwuchsfahrern und Lizenzfahrern. Danach waren an diesem Tag nur Amateure dran. Am meisten fieberten die Zuschauer dem letzten Wettbewerb des Wochenendes entgegen: Dem Rennen zwischen den Lizenzfahrern in der Klasse bis 500 Kubikzentimeter Hubraum als krönender Abschluss des Sonntages. Vorne mit dabei: Schorsch Meier und Wiggerl Kraus. Beide fuhren auf BMW-Maschinen mit Kompressor – das leistungssteigernde Hilfsmittel hatten nicht alle Fahrer.

Als sich die Startflagge senkte, heulten achtzehn Motoren auf, die 500er schossen die Reutlinger Straße stadteinwärts, fuhren über die Rampe bei der Blauen Brücke, legten sich nach links in die Kurve und flogen in die Senke zur Hechinger Straße, donnerten auf das Hechinger Eck zu, umrundeten die spitze Kehre, stoben über die Gerade der Stuttgarter Straße auf die dritte Kurve zu – danach rissen die Fahrer in der Reutlinger Straße den Gashahn wieder voll auf.

Beim zweiten Rennen war der Lärm zu viel

50.000 Zuschauer beobachten die Rasenden, Mutige saßen auf den Bögen der Blauen Brücke und die Fenster an den Straßen waren allesamt besetzt. Wiggerl Kraus zog schon in der zweiten Runde am Favoriten Schorsch Meier vorbei, doch der holte wieder auf. Meier fuhr eine Rekordrunde mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 124,3 Stundenkilometern und ließ alle weit hinter sich oder überrundete – manche gleich zwei Mal. 37:29,9 Minuten brauchte er für 25 Runden.

Der zweitplatzierte Kraus war eine halbe Minute länger unterwegs. Im Vergleich zum restlichen Feld blieben die Markenkollegen Meier und Kraus ohne Konkurrenz. Beim zweiten Rennen ein Jahr später schlug die renn-euphorische Stimmung in Tübingen um: Der Lärm war Anwohnern zu viel, die Umleitungen lästig. Die heulenden Puch-Maschinen und Veritas-Sportwagen wurden deshalb im dritten Jahr auf einen Rundkurs bei Dußlingen verbannt. Dort regnete es 1961 in Strömen und die Stars fehlten, was für ein finanzielles Fiasko sorgte und das Ende der Rennen bedeutete.

Mit 124 Sachen durch die Südstadt
In der Reutlinger Straße senkte sich für Motorräder, Gespanne und Rennwagen (im Bild drei Züricher) die Startflagge für das Stadtring-Rennen im Jahr 1950. Das Auto rechts ist ein amerikanischer Kleinwagen „Crossley“, der auch in die Schweiz exportiert wurde (dort als „Crossmobile“). Am Steuer sitzt Fritz Feierabend, der in den 1950er Jahren als Bobfahrer bekannt wurde.

Mit 124 Sachen durch die Südstadt
Neben umjubelten Zweiradfahrern und technisch bewunderten Sportwagen traten Gespannfahrer beim Rennen in der Stadt an. Im Bild stellen sie sich zum Start in der Reutlinger Straße auf. Im Hintergrund ist das Hauptgebäude des Möck-Geländes zu sehen. 2006 wurde das Haus abgerissen.

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27.06.2009, 12:00 Uhr

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