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Grandiose Vorleser und 170 Zuhörer bei der TAGBLATT-Gutenachtgeschichte

Mit Casanova und einem geknackten Lada

Es wurden Bänke und Stühle herbeigetragen. Immer mehr. Noch nie zuvor wollten im Steinlachtal so viele Besucher die TAGBLATT-Gutenachtgeschichte hören. Vom Ofterdinger Kirchplatz aus reisten die Gäste mit zwei pubertierenden Jungs durch die ostdeutsche Pampa. Und mit einer Ameise und Casanova krochen sie durchs Erdreich.

16.08.2012
  • susanne wiedmann

Ofterdingen. Zwischen Kirche und Bücherei, wo Heinrich harrt, das Brunnenwasser plätschert, Wolfgang Bramberger die Drehorgel kurbelte, hätte unser Moderator Jürgen Jonas am Dienstagabend den Bürgermeister gerne tanzen gesehen. So wie die Prinzessin bei Karl Kraus: „Als die Prinzessin bei der Drehorgel mit den Kutschern tanzte, war sie so schön, dass der ganze Hof in Ohnmacht fiel.“ – „Wir wollen auch mal in Ohnmacht fallen!“, sagte Jonas. Joseph Reichert wollte aber nicht tanzen. Obwohl der Moderator verkündet hatte: „Wenn ich und Herr Reichert versammelt sind, steigt der pH-Wert erheblich.“ Beide heißen sie Joseph. Jonas mit zweitem, Reichert mit erstem Vornamen. Ob sie auch Spitznamen haben?

Maik Klingenberg hatte jedenfalls nie einen Spitznamen, weil er langweilig war und keine Freunde hatte. Er ist der pubertierende Ich-Erzähler in Wolfgang Herrndorfs Roman „Tschick“, aus dem Reinhard Bartel mit slang-geprägter Jugendsprache eindrücklich vorlas. Nach Ostern kreuzte in der Klasse ein neuer Schüler auf: „Tschick“, eigentlich Andrej Tschichatschow, mit abgewracktem Hemd, billigen Jeans, braunen Schuhen, die aussahen wie Ratten. Er hatte einen zerbeulten Lada geknackt, mit dem er und Maik samt Knäckebrot und Konserven in einer skurrilen Tour durch die ostdeutsche Pampa holperten.

Kim Lange – Protagonistin der zweiten Vorlesegeschichte – ist nicht im Lada, sondern auf sechs Beinen unterwegs. Vom Waschbecken einer russischen Raumstation wurde die Moderatorin erschlagen, im Körper einer Ameise wiedergeboren, weil sie angeblich ein schlechter Mensch gewesen sei. Aber sie hatte doch einen riesigen Haufen Spendenquittungen zurückgelassen. Sie war ein guter Mensch.

Petra Wagner las aus David Safiers amüsantem Buch „Mieses Karma“, nahm die grelle Stimme und Stimmungen des Ameisentiers an. Wie Kim Zeugin ihres eigenen Leichenschmauses wird, ihre Tochter Lilly vermisst und ihre Freundin Nina sich an ihren Mann heranpirscht. Sie musste verhindern, dass Nina ihren Platz in der Familie einnahm. Im Erdloch trifft Kim auf Giacomo Casanova, der in seinem 115. Leben beglückt ist über den Damenbesuch und mit Kim aus dem Erdloch ausbricht.

Es waren zwei geübte, großartige Vorleser. Über zweieinhalb Stunden dauerte der Leseabend. SCHWÄBISCHES TAGBLATT, Bücherei und Gemeinde hatten ihn organisiert. Und glücklicherweise hatten sich die düsteren Wolken bald wieder verzogen. Knapp 300 Euro spendeten die Zuhörer für die Bücherei, wofür sich Daniela Binder bedankte. Und Jonas dankte dem „offenherzigen, obstlersüßen, ozelotpelzweichen, öchsleangereicherten, obstbaumstarken, obolusfreudigen, ohnegleichen opulenten, ohrenschmausenden, opaleszierenden, ordentlich oratoriumswürdigen Ofterdinger Oberprimapublikum“.

Mit Casanova und einem geknackten Lada
Idyllisch zwischen Bücherei und Mauritiuskirche: die Gutenachtgeschichte mit Vorleser Reinhard Bartel.Bild: Franke

Mit Casanova und einem geknackten Lada

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16.08.2012, 12:00 Uhr

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