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Vor 150 Jahren wurde Rottenburg ans Schienennetz der Bahn angeschlossen

Mit Dampf ins obere Neckartal

Am 12. Oktober 1861 wurde die Obere Neckarbahn dem Verkehr übergeben. Für Tübingen und Rottenburg begann damit, 26 Jahre nach Eröffnung der ersten Eisenbahnlinie auf deutschem Boden und 16 Jahre nachdem zum ersten Mal im Königreich Württemberg Reisende mit einer Dampflokomotive befördert wurden, das Zeitalter der Eisenbahn.

10.09.2011
  • Karlheinz Geppert

Rottenburg. Mit der Anbindung an das überregionale Verkehrsnetz hofften die Gemeinden im Oberen Neckartal auf entscheidende Verbesserung ihrer wirtschaftlichen Situation. Doch waren die wichtigsten Weichen in andere Verkehrsrichtungen gestellt. Die Zentrallinie der Württembergischen Staatseisenbahnen Heilbronn-Stuttgart-Ulm hatte sich dank ihres zeitlichen Vorsprungs zur bedeutendsten Gewerbeachse des Königreichs entwickelt. Der erste Zug der Industrialisierung war deshalb 1861 schon abgefahren.

Mit Dampf ins obere Neckartal
Das Personal des Bahnhofs Rottenburg um 1913. Untere Reihe (v. li.): Hilfsbeamter, Stationskassier, Eisenbahnsekretär, Eisenbahninspektor Gustav Mönch (Leiter des Bahnhofs seit 1896, bis 1912 im Range eines Bahnhofsverwalters II. Klasse), drei Eisenbahnassistenten (niedere Beamte, bis 1906 Eisenbahnexpedienten genannt). Zweite Reihe (v. li.): Hilfslokomotivführer, Lokomotivheizer (beide nicht zum Bahnhofspersonal zählend, sondern wohl "auf Durchreise"), drei Unterbeamte, Hilfsbeamter. Dritte Reihe (v. li.): Bahnhofsaufseher, Eisenbahngehilfin (einzige qualifizierte Frauenbeschäftigung im Eisenbahndienst), Bahnhofsportier, Bahnhofsaufseher. Obere Reihe: Stationsarbeiter.

Nachdem in den 1820er Jahren in England, dem Stammland der Eisenbahnen, das neue Verkehrsmittel immer stärkere Verbreitung fand, propagierten fortschrittliche Kräfte auch auf dem europäischen Kontinent das „mit der Schnelligkeit des Dampfes“ dahineilende Verkehrsmittel.

Der aus Reutlingen stammende und von der württembergischen Obrigkeit verfolgte Nationalökonom Friedrich List (1789-1846) erarbeitete 1824 erste Vorschläge für ein Eisenbahnnetz in Deutschland. Das brachte Reutlingen, der drittgrößten und einer der gewerbereichsten Städte Württembergs, doch abseits eines verkehrsgünstigen Flusstales gelegen, wenig. Denn die erste Konzeption der „Königlich Württembergischen Staatseisenbahnen“ sah vor, die Landeshauptstadt Stuttgart mit den wichtigsten Handelsplätzen und ehemaligen Reichsstädten Heilbronn und Ulm sowie den neuerworbenen Gebieten in Oberschwaben und am Bodensee (Friedrichshafen) zu verbinden.

Der Tübinger Moritz Mohl war gegen Privatbahnen

Diese zentrale Trasse wurde durch das Eisenbahngesetz von 1843 festgelegt. Das Gesetz ließ kapitalkräftigen Privatunternehmern jedoch die Möglichkeit, Zweigbahnen auf eigenes Risiko zu bauen, zum Beispiel die Linien von Plochingen durchs Neckartal oder über Reutlingen nach Rottenburg. Hierbei war zunächst noch vorgesehen, die von der Hauptbahn abzweigenden Strecken als Pferdebahnen auszuführen.

Rottenburg pochte auf den Absatz seines Hopfens

Mit Dampf ins obere Neckartal
Rottenburgs Bahnübergang mit Dampflok im Winter. Das Bild ist, weil es einen Opel Rekord A zeigt, nach 1963 entstanden.

Vehementer Gegner dieser Privat- und Pferdebahnpläne war der Tübinger Staatswissenschaftler Moritz Mohl (1802-1888): „Nicht bloß für die gesamten materiellen Interessen des Landes, nein… auch für den sittlichen Wert und die Reinheit der Gesetzgebung“ sei es, so der spätere Gutachter der volkswirtschaftlichen Kommission für die Obere Neckarbahn vor der Kammer der Abgeordneten, „von unendlicher Wichtigkeit, … diesen Krebsschaden der Privateisenbahnen nicht ins Land“ zu lassen.

Nur staatliche Eisenbahnen böten die Gewähr, dass das Allgemeinwohl genügend berücksichtigt würde. Die württembergische Regierung verhandelte in den 1840er Jahren zwar mit Privatinteressenten über die Erteilung einer Baukonzession, freilich kam es zu keinem erfolgreichen Abschluss.

Während bis 1853 der Bau der württembergischen Hauptbahnen abgeschlossen war, schickten die Stadtväter, Gewerbeorganisationen und Landwirtschaftlichen Vereine der Bezirke Reutlingen, Tübingen und Rottenburg Petition um Petition nach Stuttgart. Sie baten, die schon 1843 als nötig erachtete Strecke von Reutlingen nach Rottenburg endlich als Staatseisenbahn zu errichten.

Die Rottenburger Petenten wiesen 1853 in einer Eingabe auf die zunehmende Bedeutung der Transportfrage für den Hopfenhandel hin:

„Der Hopfenbau hat hier und in der Umgegend mit jedem Jahr eine größere Ausdehnung gewonnen, so daß jetzt schon alljährlich gegen 4.000 Centner Hopfen erzeugt werden, dessen Qualität auch auf den größeren Märkten vollkommene Anerkennung findet. Aber nicht nur hindert unsere von der Eisenbahn entfernte Lage den größeren und vorteilhafteren Absatz, den unser Produkt auf den Hauptplätzen finden könnte, sondern sie macht es uns demnächst auch unmöglich, im eigenen Lande die auswärtige Konkurrenz zu bestehen und das Vorurtheil zu verdrängen, als ob ohne bayerischen Hopfen kein so haltbares Sommerbier gebraut werden könnte. Vielfach mußte man schon im Herbst 1852 die Aeußerung von den Käufern vernehmen, daß sie ihren Hopfenbedarf um so und so viel wohlfeiler auf der Eisenbahn von auswärts her beziehen, was natürlich auf diesen neuen Erwerbszweig sehr drückend wirken muß.“

Mit Dampf ins obere Neckartal
So sah es um 1900 aus beim Rottenburger Bahnhof: aufgeräumt und gepflegt. Rechts unter dem großen Dach steckt der ehemalige Güterschuppen, der bis 1975 betrieben und 1991, vor ziemlich genau 20 Jahren, abgebrochen wurde. Drehscheibe, Lokschuppen oder Schrankenwärterhäuschen fielen schon früher.

1857 wurde letztlich ein Gesetz erlassen, das die Teilstrecke von Plochingen nach Reutlingen und die spätere Fortsetzung über Tübingen nach Rottenburg umfasste. Am 20. September 1859 konnten die Reutlinger den Anschluss ans württembergische Eisenbahnnetz feiern. Nach weiteren zwei Jahren erreichte die Bahn Rottenburg, dessen Handlungs-Innung sich 1836, ein Jahr nach der Eröffnung der ersten deutschen Eisenbahnstrecke Nürnberg – Fürth, noch skeptisch geäußert hatte: „Die Zahl der Reißenden sowohl als auch die Maße (Masse) der Güter im hießigen OberAmte nicht so bedeutend sind, als daß solche künftig für ihre Reißen und Transport einen merklichen Einfluß auf eine Eisenbahn haben dürften…“

Knapp dreieinhalb Stunden Fahrtzeit nach Stuttgart

Die ersten Züge, in Tübingen die Lokomotive „Nördlingen“ (17. September 1861) und in Rottenburg die sogleich in Reimform besungene „Enz“ (26. September 1861) wurden von der Bevölkerung und der Lokalpresse freudig begrüßt. Für den festlich begangenen Eröffnungstag am 12. Oktober 1861 legten sich die lokalen Verseschmiede noch kräftiger ins Zeug. Der Reutlinger Präzeptor und Gelegenheitspoet Carl Bames, der schon 1859 die Ankunft des ersten Zugs in seiner, der ehemaligen Reichsstadt langatmig besungen hatte, begnügte sich diesmal mit neun Strophen. Sein Tübinger Kollege beschwor besonders die 1848/49 noch nicht erreichte deutsche Einheit:

Das ganze Deutschland wird ein Volk der Brüder, / In Süd und Nord vereinen sich die Glieder, / In West und Ost, vom nah‘ und fernen Ende / Reicht sich der Deutsche froh und warm die Hände. / Die Zeit des Drucks, der Knechtschaft ist jetzt aus, / Den Zaubergürtel um die Länder schlingen / Die Bahnen, die den Geist der Zwietracht zwingen – E i n Deutschland wird, / E i n frei und mächtig Haus.

Dagegen stellt der Rottenburger Lokalpoet den ökonomischen Aspekt der Eisenbahnanbindung in den Vordergrund:

Ja, der Ader gleich, durch die das Leben / Kräftig in des Körpers Bau pulsiert, / Seh’n zu neuem Leben wir und Sterben / Die ersehnte Bahn zu uns geführt.
Was den Handel hebt, Gewerbe kräftigt, / Den Verkehr belebt, Gesittung bringt; / Was des Landmanns fleiߒge Hand beschäftigt, / Und wodurch er Wohlstand sich erringt;
Was die Fernen kürzt, die wir bereisen, / Unschätzbaren Zeitgewinn uns bringt, / Thut der Dampf auf eisernen Geleisen, / Der zum Fluge die Maschine zwingt.“

Nach der Inbetriebnahme der Bahn bis Rottenburg benötigte ein Reisender von der Bischofsstadt bis Plochingen 2 Stunden 18 Minuten. Bis in die Landeshauptstadt Stuttgart dauerte die Fahrt 3 Stunden 22 Minuten.

Auf dem neuen Rottenburger Bahnhof kamen täglich vier Züge an, die auch wieder in Richtung Reutlingen abfuhren. Der weitere Ausbau der Oberen Neckarbahn ging zügig voran. Am 1. November 1864 wurde die Strecke nach Eyach eröffnet. Zwei Jahre später erfolgte die Inbetriebnahme bis zum künftigen Knotenpunkt Horb. Rottweil konnte schließlich ab Juli 1868 mit der Bahn erreicht werden. Durch die Eröffnung der Gäubahn von Stuttgart nach Horb im Jahre 1879 verlor die Obere Neckarbahn schon wieder an Bedeutung, vor allem als durchgehende Trasse in Richtung Schweiz.

Info: Der Autor dieses Texts, Karlheinz Geppert, ist Leiter des Schul- und Kulturamts der Stadt Rottenburg; zuvor war er viele Jahre lang Stadtarchivar.

Am Sonntag wird gefeiert

Ein Jubiläumsdampfzug fährt am Sonntag, 11. September, von Reutlingen nach Rottenburg und zurück nach Tübingen. Der Zug erreicht Kiebingen um 11.06 Uhr, wo ihn Ortsvorsteherin Elisabeth Schröder-Kappus empfängt. In Rottenburg rollt der Zug um 11.13 Uhr ein; dort hält Oberbürgermeister Stephan Neher eine Rede. Um 11.40 Uhr
verlässt der Dampfzug Rottenburg wieder.

Führungen rund um den Bahnhof bietet das Stadtarchiv um 10 Uhr, 11 Uhr und auf Wunsch auch um 11.45 Uhr an. Treffpunkt: Bahnhofseingang Gleisseite. Zudem gibt es ein Preisausschreiben, und es sind Pläne und Dokumente zum Thema zu sehen.

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10.09.2011, 12:00 Uhr

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