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Die Eismassen im Jahrhundertwinter 1929 rissen die Brücken von Bieringen und Obernau weg

Mit Dynamit gegen das Neckareis

ROTTENBURG (rot). Schnee, Frost, kein Streusalz — bei der Beschreibung des Winters 1999 klirren die Superlative. Der Winter 1929, vor 70 Jahren also, gilt mit 53 Frosttagen und Temperaturen bis nahe 30 Grad unter Null als Jahrhundertwinter. Seither gab es nichts Vergleichbares mehr in Rottenburg.

27.02.1999
  • Bild: Verlag Gebrüder Metz

Mit Sprengladungen rückte man 1929 dem Eis zuleibe. Als nach einem Wettersturz das Hochwasser kam, war es um die Holzbrücken in Bieringen und Obernau geschehen.

Nach dem Neujahrstag 1929 lag die Rottenburger Zeitung mit ihrem Bericht „Zur Wetterlage“ durchaus richtig: „Der Winter hat sich seit Weihnachten auf die Gebirgshöhen verflüchtigt, aber nur um Kraft zu einem neuen Vorstoße zu sammeln.“ Bereits in den folgenden Tagen meldete die Zeitung Schneestürme im Schwarzwald (Feldberg minus 14 Grad) und gar „Hagelschlag in Rom“.

Bei anhaltender Kälte wird schon Mitte Januar 1929 nach einem Vergleich gesucht: „Seit dem Winter 1848 ist es nicht vorgekommen, daß das Großwild in die Nähe der Dörfer kommt.“ Für Tübingen wurden minus 18, für Rottenburg minus 15 Grad gemessen. Am Monatsende wurde der Frost schwächer (minus fünf Grad), um nach wenigen Tagen jedoch noch stärker zuzuschlagen. Am 4. Februar wurden minus 20 Grad gemessen, und der Neckar war „zwischen der Oberen und der Unteren Brücke größtenteils zugefroren“. Mitte des Monats wurden in Rottenburg 27 Kältegrade gemessen (Berlin: minus 32 Grad). Einen Vergleich mit den gleichen Temperaturen des Jahres 1927 übertitelte die Zeitung: „In den Krallen der Kälte.“

Am 19. Februar erschien in der Rottenburger Zeitung ein Stimmungsbild: „Gestern abend nach 5 Uhr konnte man an der Oberen Brücke zwei vollständige Fußballmannschaften bei einem regelrechten Wettkampfe auf dem Eise beobachten. Überhaupt herrscht auf dem vom Wehr bis zur großen Eisenbahnbrücke zugefrorenen Neckar ein von jung und alt besuchtes volksfestartiges Hin und her, welchem selbst die Nacht keinen Einhalt tut.“ Ein Rottenburger, Ulrich Käser, erinnert sich noch heute: „Mit Schlittschuhen konnten wir Kinder bis bis zum damaligen Wehr (etwa 80 Meter östlich der heutigen Kepplerbrücke) und weiter bis zum Kiebinger Wehr fahren. Wenn wir unser Mäntelchen als Segel benützten, trug uns der Wind schnell und bequem weiter.“

Am 26. Februar begann das Tauwetter. In Rottenburg setzte man rund 100 Sprengladungen gegen das Eis ein, um die Brücken zu schützen. Die Zeitung informiert ihre Leser: „Die Kanonade, die sich wie ein Artilleriefeuer anhört, ist ja seit Tagen in der ganzen Stadt hörbar. Der Neckar ist stark gestiegen. Die großen Eismassen von Niedernau und aufwärts werden noch erwartet.“

In der Nacht zum 27. Februar wurden mit einem Schlag die hölzernen Neckarbrücken in Bieringen und Obernau von Eis und Wasser weggerissen und flußabwärts bis zum Wehr am Hammerwasen getragen. Dort sperrten sie den Abfluß von Wasser und Eisschollen, so daß ein Rückstau in der ganzen Talbreite bis zum Bahnhof Niedernau entstand.

Am 28. Februar schilderte die Zeitung das Naturereignis: „Im Treiben des Schnees, der uns gestern überraschte, glaubte sich der Zuschauer in eine Polarlandschaft versetzt.“ Und am 4. März: „Gestern bewegte sich eine Prozession Schaulustiger nach Niedernau, Obernau und Bieringen zur Besichtigung der Eisfelder.“ Der Neckar war bei 14 Grad minus zum zweiten Mal zugefroren und „schlug dem fleißigen Sprengkommando mit seinen 200 Liebesgrüßen ein Schnippchen“, wie die Journalisten humorvoll bemerkten. Aber aus Kiebingen wurde gleichen Tags gemeldet, daß „bei den gestern vorgenommenen Arbeiten am Wehr zur Befreiung der Falle vom Eis“ der Arbeiter Eugen Heim ertrunken war.

Für die Kinder, so erinnert sich Ulrich Käser, bot die Schmelze mit ihrem Treibeis noch ein herrliches Vergnügen: „Besonders mutige Buben sprangen auf diese ,Schelter“ und fuhren bis zum Stauwehr mit, wo sie dann über die bisher angeschwemmten und aufgestauten Eisschollen ans Ufer gelangten.“

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27.02.1999, 12:00 Uhr

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