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Costa-Gavras (links) im Gespräch mit dem ehemaligen Tübinger Landrat Albrecht Kroymann.Bild: Wolfgang Albers




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10.01.2020

Von Wolfgang Albers

Großes Kino kündigte Landrat Joachim Walter am Donnerstagabend im Sitzungssaal des Landratsamtes an. Das galt nicht nur für den Film, für den eine große Leinwand heruntergelassen war, sondern vor allem für dessen Regisseur: Costa-Gavras (eigentlich Konstantinos Gavras), einer der Altmeister des Polit-Thrillers.

Mit seiner Frau war er gekommen, und als er erschien, atmete Kreisarchivar Wolfgang Sannwald durch. „Ein Vabanque-Spiel“ sei die Organisation gewesen: Am Mittwochabend hatte Costa-Gavras noch einen Termin in Paris, Freitag früh stand ein Abstecher nach Nizza an, und für dieses enge Zeitkorsett waren die Streiks in Frankreich auch nicht gerade hilfreich. Diese Reisestrapazen ließen den fast 87-Jährigen doch grübeln, ob der Tübingen-Trip sein müsse.

Wobei: Von seiner Erscheinung und seinem Auftreten her verortet man Costa-Gavras eher in den Siebzigern als Richtung 90. Volles Haar, mühelos die Honneurs machend, ob nun griechische Landsleute, politische Sympathisanten oder Filmfreunde den Dialog suchten.

Und ein wacher Geist im Podium-Gespräch. In dem er erzählte, welche Protagonisten ihn reizen: „Es geht mir nicht um Helden, davon halte ich nicht so viel. Es geht mir um Menschen, die Moral haben und erkennen, dass man etwas tun muss. Bürger, die richtig handeln in schwierigen Zeiten.“

Wie jener Untersuchungsrichter, der einen Mord an einem linken Oppositionspolitiker untersucht, obwohl die Herrschenden diesen Tod vertuschen wollen. 1969 drehte Costa-Gavras den Film „Z“ darüber – der Beginn seiner internationalen Karriere.

So ein Protagonist ist auch Kurt Gerstein in Costa-Gavras’ Film „Der Stellvertreter“ aus dem Jahr 2002 – der Film des Abends im Landratsamt. Denn dort ist momentan auch eine Ausstellung über Kurt Gerstein, den SS-Mann mit dem Spezialwissen über das Holocaust-Gas Zyklon B. Und Kontakten ins Ausland, das er über die NS-Massenmorde informierte.

Bei der Lektüre des Dramas „Der Stellvertreter“ von Rolf Hochhuth ist Costa-Gavras auf diese ambivalente Person gestoßen: „Ich lernte einen Menschen kennen, der Widerstand geleistet hat – im Widerspruch zu allem, was ihn umgeben hat. Gerstein war kein klassischer Held, er war ein citoyen, ein Bürger Das ist doch ein Thema, das jede Generation interessieren wird: Menschen, die Mut zeigen. Diese Ausnahmepersönlichkeit hat mich so fasziniert, das wollte ich zeigen.“

Und, da scheint die griechische Herkunft des jetzigen französischen Staatsbürgers Costa-Gavras durch: „Gerstein ist schon fast eine Person aus der griechischen Tragödie.“ Die ja genauso der Gewalt nachspürt wie Costa-Gavras: „Meine Generation der Filmemacher ist besessen vom Krieg. Wir haben ja als Kinder schon Krieg erlebt“ – Costa-Gavras unter der deutschen Besetzung und im griechischen Bürgerkrieg. „Die Frage, wie und warum das passiert ist, hat uns nie losgelassen.“

Kurt Gerstein wurde 1945 in einem Pariser Gefängnis erhängt aufgefunden („Ich glaube nicht an Selbstmord“, sagt Costa-Gavras), Frau und Kinder lebten weiter in Tübingen, wohin Gerstein als Medizinstudent gekommen war. Bei seinen Recherchen stieß Costa-Gavras auf den Tübinger Maximilian von Platen, einem Enkel Gersteins. Seit 20 Jahren kennen die beiden sich nun, und es war dieser Kontakt, der Costa-Gavras nach Tübingen geholt hat.

Autor Rolf Hochhuth war übrigens gar nicht so glücklich während der Filmerei, erzählte Costa-Gavras von „Schwierigkeiten“ bei den Dreharbeiten: „Aber hinterher hat er gesagt: Der Film ist besser als mein Theaterstück.“

Der Film ist ja auch mit Auszeichnungen überhäuft worden – aber es gab auch Kritik, er bleibe zu sehr an der dramatischen Oberfläche. Aber das hält Costa-Gavras für notwendig: „Ein Film ist immer ein Spektakel. Ein Film ist eine Hinführung zur Geschichte – darüber informiert man sich dann durch Bücher.“

Und damit erreicht man eine Wende zum Besseren? „Das ist eine Frage, die ich mir auch immer stelle. Und meine Freunde sagen: Du machst Filme, aber die Welt wird immer schlimmer. Aber ich denke: Die Welt verbessert sich – jedoch nur langsam. Und der Film arbeitet mit daran, dass die Welt besser wird.“

Weshalb Costa-Gavras unermüdlich weiter dreht anstatt seinen Ruhm zu verwalten. Sein letztes Werk handelt von der griechischen Schuldenkrise. „Kann ich den Deutschen nur empfehlen“, merkt er an. Und das nächste Projekt steht schon an – nennen will er es noch nicht. Nur die Freude, die er dabei hat: „Viel sehen, die Welt beobachten, mit jungen Leuten zusammenzuarbeiten.“

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Erstellt:
10. Januar 2020, 22:00 Uhr
Aktualisiert:
10. Januar 2020, 22:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 10. Januar 2020, 22:00 Uhr

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