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Mit Lehm und Gemeinschaft
Francis Kéré mit seinem Entwurf für einen mobilen theatertauglichen Umbau eines Hangars auf dem ehemaligen Berliner Flughafen Tempelhof für die Volksbühne. Foto: dpa
Bauen

Mit Lehm und Gemeinschaft

Das Architekturmuseum in der Münchner Pinakothek der Moderne zeigt die Welt des deutsch-afrikanischen Architekten Francis Kéré.

26.11.2016
  • PATRICK GUYTON

München. An vielen hohen, schmalen Baumpfählen schlängelt man sich am Beginn vorbei, um weiter in die Ausstellung vorzudringen. Das Holz steht für Wald, für Urwald – und für afrikanisches Bauen, für Afrika. So taucht man durch die Stämme ein in die Arbeit und in die Welt des deutsch-afrikanischen Architekten Francis Kéré. Diese wird gerade in einer ersten großen Werkausstellung in München gezeigt, im Architekturmuseum in der Pinakothek der Moderne. Titel: „Radically Simple.“

In einem Prolog schreibt Kéré, der 1965 in einem Dorf im westafrikanischen Burkina Faso nahe der Sahelzone geboren wurde, über die Initiation von Jugendlichen im Wald, die Einführung in die Dorfgemeinschaft. Drei Monate mussten die Jungen dort allein verbringen, um zu erfahren, „dass der Wald alles bietet, was man zum Überleben braucht: Nahrung, Medizin, Rohstoffe, um ein Haus zu bauen“. Er, Kéré, ging nach Europa, um zu lernen. Und damit sein Dorf davon profitiert.

Heute zählt er zu den bekanntesten Vertretern des so genannten „social turn“ in der Architektur – der Hinwendung zu einer einfachen, ökologischen Bauweise, welche die Menschen und deren Bedürfnisse in den Vordergrund stellt. Kéré lebt in Berlin und hat dort sein Büro.

Gando liegt in Burkina Faso und hat 2500 Einwohner – Kérés Heimatdorf. Es hat, wie er sagt, „noch immer keinen Strom und nur begrenzt sauberes Trinkwasser“. Aber in Gando gibt es mittlerweile eine Grundschule, eine Oberschule, eine Bibliothek, Lehrerunterkünfte, ein Frauenzentrum und Atelierwerkstätten. Alles entworfen von Kéré und gebaut von ihm und der Dorfbevölkerung. Kéré hat seinen Bildungs- und Aufbruchplan für Gando umgesetzt.

Es sind einfache, leichte und doch intelligent konstruierte Gebäude, die Francis Kéré mittlerweile in vielen Orten und Weltgegenden hinstellt. Die Grundschule in Gando war sein erstes Werk, 2004, da war er noch Student in Berlin. Sie ist aus Lehmblöcken errichtet. Der Baustoff wurde aber besonders behandelt, damit er bei Feuchtigkeit nicht aufweicht. Mit allen Bewohnern von Gando hat Kéré den Lehm gestampft, gepresst, poliert. Das Dach aus Wellblech ist erhöht aufgesetzt, schwebend und leicht schräg. So wird die Schule natürlich belüftet und gekühlt, in Burkina Faso kann es bis zu 45 Grad heiß werden. „Die Kinder lieben ihre Schule“, sagt Kéré in einem Film. Oft verwendet der Baumeister auch lange Holzpfähle, etwa beim „Lycée Schorge“ in der Stadt Koudougou in Burkina Faso, wo sie das Dach tragen.

Alles ist so einfach wie möglich und aus regionalen Baustoffen erstellt. „Was vor Ort ist, wird zum Bauen genutzt“, sagt Kéré. Die Bevölkerung weiß, wie es gemacht wird. In dem Film in der Ausstellung ist Kéré in Gando zu sehen, wie er mit den Bewohnern im Kreis sitzt und den Plan für das Frauenzentrum erklärt. Es soll ein Versammlungsort sein und zugleich ein Getreidespeicher. Die Leute auf dem Dorf fragen nach, stellen skeptische Fragen, machen dann aber begeistert mit. Diese Art des Bauens kostet nicht viel, mit seiner Stiftung sammelt der Architekt Geld dafür.

Francis Kérés Leben ist gezeichnet von einem fast unheimlich wirkenden Aufstieg: Der afrikanische Dorfjunge geht einem Akademikerberuf in einer großen westlichen Metropole nach. Als er sieben Jahre alt war, schickte ihn sein Vater weg von Gando in eine Schule im nächst größeren Ort. Er war überhaupt das erste Kind des Dorfes, das eine Schule besuchte. Es folgte eine Tischlerlehre. 1985 bekam er von der Carl-Duisberg-Stiftung ein Stipendium für eine zweijährige Ausbildung zum Entwicklungshelfer in Berlin. Danach kehrte Kéré aber nicht zurück nach Burkina Faso, sondern er machte in Deutschland das Abitur und studierte Architektur.

Spätestens seit 2012 ist Francis Kéré ein international bekannter Architekt. Er entwarf das von dem Theaterregisseur und Filmemacher Christoph Schlingensief initiierte Operndorf Afrika, das 30 Kilometer entfernt von Burkina Fasos Hauptstadt Ouagadougou liegt. Schlingensief, der 2010 starb, wollte damit einen kulturellen Begegnungsort schaffen und aus den Stereotypen ausbrechen, die Afrika hauptsächlich als einen Ort von Hunger, Leid und Gewalt beschreiben. Mittlerweile gibt es dort einen größeren Schulkomplex, Wohnhäuser und eine Krankenstation. Das Kernstück, das Festspielhaus, ist aber noch nicht errichtet.

Die Münchner Ausstellung gibt einen breiten Überblick über Kérés Schaffen, das sich globalisiert hat. Doch Gando ist die Konstante seines Werkes und seines Lebens. Er ist regelmäßig dort, in dieser Landschaft mit roter Erde und grünen Feldern und Wäldern. Bauen in seinem Dorf und anderswo, sagt er, funktioniert mit „clay and community“ – mit „Lehm und Gemeinschaft“.

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26.11.2016, 06:00 Uhr

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