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Adresse als Andenken

Mit Nachkommen der Pausa-Gründer wurde Tonnenhalle eröffnet

Der „Radau“ der Webstühle klingt noch immer in seinen Ohren. „Ist das nicht erstaunlich – nach 75 Jahren?“, wunderte sich Harold Livingston, der Sohn des Pausa-Gründers Artur Löwenstein. Gestern wurde die sanierte Tonnenhalle im Pausa-Quartier offiziell eröffnet.

21.02.2011
  • susanne wiedmann

Mössingen. Wie gerne er als Junge mit seinem Vater in die Shedhalle der Pausa kam! „Dieser Radau“, sagte Harold Livingston nochmals, „wird mich nie verlassen.“ Das Leben der Familie sei nach wie vor eng mit der Pausa verbunden. Auf Einladung der Stadt und des Löwenstein-Forschungsvereins sprach der 87-Jährige gestern zur Eröffnung der Tonnenhalle vor knapp 400 geladenen Gästen. Mit seiner Kusine Doris Angel, 86, Tochter von Felix Löwenstein, und neun weiteren Familienmitgliedern war er aus England angereist.

„Es ist eine Ehre für die Stadt“, betonte Oberbürgermeister Michael Bulander, „dass Sie zum zweiten Mal Mössingen besuchen.“ In der Pausa seien Geschichte und Weitblick, Mahnung, Verantwortung und Erinnerung verbunden. „Niemals dürfen wir vergessen, dass die Vertreibung der Löwensteins durch die Nazis ein Verbrechen war“, forderte Bulander. Es sei nur schwer zu ermessen, was der Verlust der Heimat für die Kinder bedeutete.

Die Tonnenhalle der Pausa wurde eröffnet

Die Tonnenhalle der Pausa wurde eröffnet --

02:18 min

1936 wurden die Brüder Artur und Felix Löwenstein gezwungen, ihre Firma unter Wert zu verkaufen. Nur kurz danach emigrierten die jüdischen Pausa-Gründer mit ihrer Familie. Landrat Joachim Walter erinnerte gestern an das „Mitwirken der Behörden – vom Bürgermeister bis zum Landrat und den Bänkern. Sie tragen die Verantwortung dafür, dass die Löwensteins enteignet wurden“. Walter sprach von der Pausa als Mahnmal, aber auch als Symbol für die Bereicherung des Lebens durch jüdische Mitbürger.

„Es ist wunderbar, dass Sie da sind“, sagte der Landrat zu Doris Angel und Harold Livingston am Rande der Veranstaltung. „Ich möchte mich dafür entschuldigen, dass einer meiner Vorvorgänger Ihnen so viel Leid angetan hat.“

Um den Gästen Grußworte zu ersparen, gab es eine kurzweilige Talkrunde, moderiert von Jörg Assenheimer (SWR). Nach drei Monaten beginne nun „das echte Büchereileben“, freute sich Maria Bühler-Weinmann, die Büchereileiterin. Die Bibliothek hat ihre Fläche im Obergeschoss der Tonnenhalle fast verdreifacht auf rund 800 Quadratmeter. Die Mitarbeiterinnen sind nun viel unterwegs in der weitläufigen Halle. „Wir haben inzwischen eine zweite Schere bestellt.“

Obwohl die Hauptarbeit der Diakonie-Sozialstation, die ins Erdgeschoss eingezogen ist, eigentlich außerhalb des Gebäudes – mit 300 Hausbesuchen täglich – stattfindet, fühlten sich die Mitarbeiter/innen sehr wohl in den hellen und transparenten Räumen, erklärte Eva-Maria Armbruster von den Zieglerschen Anstalten. Und Eugen Höschele, Vorsitzender des Regionalverbandes, ist stolz, „dass wir an der großartigen Architektur teilhaben können“.

Mit Nachkommen der Pausa-Gründer wurde Tonnenhalle eröffnet
Doris Angel und Harold Livingston (Erste und Zweiter von links) enthüllten mit Oberbürgermeister Michael Bulander (Dritter von links), ihren Kindern und Enkeln den Quader mit der neuen Hausanschrift der Tonnenhalle.Bild: Franke

Dem Architekten Michael B. Frank hat sie jedenfalls einige schlaflose Nächte bereitet. „Das Hauptentwurfsziel war, den Eindruck der Halle zu erhalten. Trotzdem musste sie nutzbar sein.“ Über weitere Sanierungen auf dem Pausa-Areal sagte er: „Es ist ein einmaliges Zeugnis, es muss weitergehen!“ Auch der Architekt ist stolz auf das vollendete Werk. „Aber das Loslassen fällt nicht ganz leicht.“

Regierungspräsident Hermann Strampfer sprach von einem „Feiertag der Denkmalpflege“. Die Pausa zeige, wie wertvoll Denkmalschutz sei, weil er einen Blick in die Geschichte eröffne. Sonst „würden wir uns nicht daran erinnern, wie Pausa-Arbeiter 1933 gegen die Nazis demonstrierten“, betonte Strampfer. Für das Land sei es wichtig, regionale Identität, Kultur und Geschichte zu erhalten. Mit ihren Stoffen habe die Pausa „Kunst in die Küchen und Wohnzimmer gebracht“.

Das Pausa-Ensemble und seine Sammlung sei europaweit von Bedeutung. „Es schreit nach weiterer Nutzung.“ Und dann schloss Strampfer den wohl am meisten zitierten Satz des Tages an: „Wo ein Wille ist, ist meistens auch Geld.“ Wobei „meistens“ in den Wiederholungen schnell verschwand. Seine „ideelle Unterstützung“ sicherte der Regierungspräsident zu. Aber für die Fördermittel müssten sich die Abgeordneten einsetzen. Der Oberbürgermeister appellierte an Bund, Land und private Förderer, Mössingen zu unterstützen. Von allen Seiten wurden der Stadt Glückwünsche für die gelungene Sanierung zugetragen. Das Gesangsensemble unter Leitung von Dorothee Gloger und ein Trompetenquartett der Jugendmusikschule Steinlach gestalteten musikalisch den Festakt.

„Architektonisch fantastisch“, fand Harold Livingston die Tonnenhalle. Trotzdem sei es bedauerlich, dass die Shedhalle nicht mehr erhalten sei. Seine Kusine Doris Angel erinnert sich genau, „wie unsere Väter nach Hause kamen und von dem neuen Gebäude erzählten“. Doris Angel empfindet „Freude und Stolz, was unsere Väter und die Stadt geschaffen haben“.

Der Innenhof des Pausa-Areals trägt nun den Namen „Löwensteinplatz“. So sei die Familie enger, stärker und dauerhaft mit Mössingen verbunden, betonte der Oberbürgermeister. Gemeinsam mit der Familie Löwenstein enthüllte er den Betonquader mit der Hausanschrift der Tonnenhalle – „als Andenken an die Firmengründer“. Die Löwensteins bedankten sich sehr. Damit zeige die Stadt, so Livingston, dass sie die Leistungen seines Onkels und seines Vaters schätze. „Wir fühlen eine neue Verbundenheit mit Mössingen“, fügte Livingston hinzu. „Das ist doch wirklich erstaunlich nach 75 Jahren.“


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