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Nachhaltigkeit

Mit Open-Source-Tomaten gegen Hybrid-Massenware

Nachhaltigkeit Harald Zimmermann aus Betra setzt sich für die Zucht von Saatgut aus der Region ein. 2019 sollen Märkte die Bewegung vor Ort weiter vorantreiben.

10.01.2019

Von Mathias Huckert

Zahlreiche Keimtests hat Harald Zimmermann bei seinem Saatgut durchgeführt. Die Ergebnisse will er 2019 auf zwei Märkten anbieten.Privatbilder

Groß, weiß und mit lila Sprenkeln übersät sind die Bohnen, die Harald Zimmermann in seiner rechten Hand hält. Ein genauer Blick auf die „Reiserbohnen“ in der Petrischale lässt erste grüne Wurzeln erkennen: Der Keimtest war erfolgreich.

Über 180 solcher Tests hat Zimmermann in seinem Haus in Betra im vergangenen Winter durchgeführt. Dieses Mal werden es mindestens genauso viele sein. Saatgut, das sich für die Zucht eignet, durchläuft automatisierte Prozesswege in Betra: Erst geht es für die Samen durch die mit einem Akkubohrer angetriebene Dreschmaschine, wo Hülsen und Kerne zerkleinert werden. Anschließend kommt der selbst entworfene „Windtrenner“ zum Einsatz: In dem ermöglicht es Zimmermanns Staubsauger, Hülsen und Kerne zu trennen – die Spreu vom Weizen sozusagen.

Kühl und trocken lagern

Ob die anschließende Lagerung im Keller Erfolg hat – „dunkel, luftdicht, kühl und trocken“ muss sie sein – zeigt Zimmermann das Silikatgel, das er zusammen mit den Samen in die Gläser gibt. Behält das Gel seine orange Farbe, ist es trocken genug. Wird das Gel transparent, ist die Lagerung zu feucht – und die Samen büßen womöglich an Haltbarkeit ein. Genau die ist wichtig: Denn in diesem Jahr hat der Saatgut-Züchter aus Horb zwei besondere Termine in der Region im Auge: In Reutlingen und Tübingen werden erstmals Saatgutmärkte stattfinden. Beide Veranstaltungen sollen im Januar und März dazu beitragen, das populärer zu machen, wofür sich Harald Zimmermann schon seit 12 Jahren zusammen mit seiner Frau einsetzt: Der Verbreitung von „samenfestem Saatgut“.

Das verkauft der 59-Jährige von Zuhause aus. Inzwischen ist die Resonanz für die weiterverwendbaren Samen im Gegensatz zu den im herkömmlichen Handel vertriebenen F1-Hybriden – also solchen Samen, die sich als Kreuzung zweier Arten oder Sorten nicht weiter vermehren lassen, ohne dass in den Nachfolgegenerationen die positiven Eigenschaften der Pflanze verloren gehen – immer weiter gestiegen. So weit, dass die Märkte für das Saatgut immer beliebter werden – und eine Rückbesinnung stattfindet.

Firmen profitieren bei Gen-Erosion

„Immer mehr Leute vertreten inzwischen die Meinung, dass es so nicht weitergehen kann“, verrät Zimmermann in dem kleinen Raum in seinem Betraer Haus, in dem er seine Keimtests durchführt und das eigene Saatgut mithilfe eines speziellen Druckers in Papiertüten verpackt.

Was er meint, wird schnell deutlich: Die F1-Hybriden haben ihre Vorteile vor allem als „Massenware“, wie der Mann aus Horb mit dem langen grauen Bart es ausdrückt. Die Samen einer Hybrid-Tomate lassen sich nicht wiederverwenden, sobald die Tomaten einmal reif sind. Das kommt vor allem den großen Herstellern entgegen – denn dadurch wird der Käufer abhängig von der Saatgutfirma, und irgendwann verschwinden die regional angepassten Sorten völlig. Unter Fachleuten ist dieser Vorgang auch als Gen-Erosion bekannt.

Das samenfeste Saatgut aus der Zucht von Harald Zimmermann wirkt dem entgegen. Etwa mit der Zucht einer kleinen, gelben Cocktail-Tomate namens „Sunviva“. Sie stammt aus dem ökologischen Freiland-Tomatenprojekt der Universität Göttingen unter der Leitung von Dr. Bernd Horneburg und kommt mit einem speziellen Lizenzvertrag nach der Open-Source-Idee: Der erlaubt es, dass die Tomatensamen an Dritte weitergegeben werden dürfen. Die „Sunviva“ setzt damit ein Zeichen gegen die von den großen Konzernen angestrebte Hybridisierung.

Die anstehenden Märkte, die auch als Netzwerktreffen des Züchterzusammenschlusses „Genbänkle“ fungieren werden, sollen den Trend unterstützen. Ob das gelingt, hängt von den Besucherzahlen ab: „Es wird ein erster Versuch sein, der zeigen wird, wie ernst das Thema genommen wird. Es werden viele Züchter und Verkäufer vor Ort sein“, verspricht Zimmermann.

Harald Zimmermann. Bild: Huckert

Märkte und Hausverkauf

Der Saatgutmarkt Reutlingen-Gönningen findet am Samstag, 19. Januar in der Roßbergturnhalle Gönningen (Öschinger Straße 23) zwischen 10 und 17 Uhr statt.

Der Samenmarkt in Tübingen findet am Sonntag, 3. März von 11 Uhr bis 15 Uhr am Botanischen Garten (Auf der Morgenstelle 3) statt.

Harald Zimmermann verkauft donnerstags und freitags zwischen 16 und 18 Uhr und samstags zwischen 10 Uhr und 12 Uhr im Osterweg 3 in Betra Saatgut. Mehr Infos unter https://na-betra.de/

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Erstellt:
10. Januar 2019, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
10. Januar 2019, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 10. Januar 2019, 01:00 Uhr

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