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Mit Riechsalz gegen Eindringlinge
So beschaulich hatte es der Bundesnachrichtendienst bislang: Die Gartenseite der Präsidentenvilla auf dem BND-Gelände in Pullach. Foto: Martin Lukas Kim
Nach 60 Jahren zieht der BND von Pullach in die Bundeshauptstadt - aber nicht komplett

Mit Riechsalz gegen Eindringlinge

Bis zum Herbst soll der Neubau der BND-Zentrale in Berlin fertig sein. Dann bezieht der Bundesnachrichtendienst - 60 Jahre nach seiner Gründung - sein neues Domizil. In Pullach bleiben 1200 Mitarbeiter.

14.04.2016
  • GUNTHER HARTWIG

Das weitläufige Waldgelände im Münchner Vorort Pullach ist sagenumwoben und wird strengstens bewacht. Besucher müssen an der Pforte Handys und Laptops abgeben. Auf 68 Hektar stehen hinter Mauern und Stacheldraht 93 Gebäude, teils von vergänglichem Charme, teils hochmodern. Im Arbeitszimmer des amtierenden BND-Präsidenten Gerhard Schindler betteten einst Martin Bormann und seine Frau ihr Haupt - der Sekretär Adolf Hitlers hatte die Villa 1938 als Teil einer "Siedlung Sonnenwinkel" für NS-Größen und deren Familien errichten lassen. Der Führer feierte hier 1940 zusammen mit Vertrauten den Einmarsch der Wehrmacht in Paris.

Nicht bloß die Präsidentenvilla mit Terrasse, Salons, Kaminsaal, großem Garten und Bronze-Plastiken aus dem Dritten Reich hat den Krieg weitgehend unbeschädigt überstanden. Das gesamte Areal blieb von Bombenangriffen der Alliierten erstaunlicher Weise verschont. Im Bunker "Hagen" sechs Meter unter der Erde verschanzten sich damals Hitler, Bormann und andere Nazis. Heute nutzen BND-Agenten vor Kriseneinsätzen und Personenschützer eine Schießbahn, die nachträglich eingebaut wurde, zum Üben. In einem verschlossenen Schaukasten hängen eine deutsche Walther PPK, angeblich die Lieblingspistole der "Schlapphüte", und eine russische Kalaschnikow.

Am 6. Dezember 1947 bezog die legendäre "Organisation Gehlen" einige Gebäude auf dem "Camp Nikolaus", gleichsam als Untermieter der US-Army, die in Pullach eine Briefzensurstelle und andere einschlägige Einrichtungen unterhielt. Der ehemalige Wehrmachts-General Reinhard Gehlen, der für Hitler 1942 bis 1945 die Rote Armee ausspioniert hatte, wurde von den Amerikanern mit dem Aufbau einer deutschen Aufklärungseinheit betraut, der Keimzelle des am 1. April 1956 gegründeten Bundesnachrichtendienstes.

Wer heute - die "Transparenz-Offensive" von BND-Präsident Schindler macht s möglich - mit offiziellen Begleitern über das Gelände streift und die Häuser von innen besichtigt, kann sich eines zwiespältigen Gefühls kaum entziehen. Die Kulisse erscheint düster, morbide, bizarr, geschichtsträchtig, geheimnisvoll. Die Schulungsbaracke mit dem Tarnnamen "Waldhaus" diente der Wehrmacht im Krieg als Besprechungsraum, der BND bildete hier in den vergangenen Jahrzehnten ganze Generationen von Spionen aus. Neuankömmlinge wurden in München abgeholt, mit Tarnnamen versehen und über einen Hintereingang auf das geheime und hermetisch abgeschirmte Gelände geführt.

Das "Clubhaus" war ursprünglich ein Kindergarten für den Nachwuchs der NS-Prominenz. Die Amerikaner wiederum feierten dort nach dem Krieg, als im Rest des zerbombten Landes noch Hunger herrschte, fröhliche Feste mit Cola, Kuchen und Whiskey, zeigten Kinofilme und richteten eine Bibliothek sowie einen Andachtsraum ein. Unter dem "Clubhaus" befindet sich ein weiterer Bunker.

Nicht an allen Gebäuden der BND-Zentrale im Isartal blättert der Putz. Das "Haus 110" wurde erst 1996 fertiggestellt und beherbergt einen großen Lageraum mit fünf Uhren, welche die Ortszeit von New York, London, Berlin, Moskau und Tokio anzeigen, Büroräume für die Auswerter von abgefangenen Telefonaten und anderen Informationen. Ein supermodernes IT-Rechenzentrum mit gleißender Alufassade ist der ganze Stolz des Dienstes - nicht nur wegen seiner vier Maschinensäle auf neuestem Stand der Technik und der "grünen" Notstromaggregate. Mit unverhohlener Genugtuung wird darauf verwiesen, dass statt der veranschlagten Baukosten von 15,5 Millionen Euro beim Einzug im Dezember 2012 nur 13,6 Millionen fällig wurden.

Sowohl das "Haus 110" wie die Technikzentrale bleiben als Teil des Pullacher BND-Standbeins erhalten. Denn die Behörde zieht nicht komplett nach Berlin um. Das zwischen Bundesregierung und bayerischer Staatsregierung ausgehandelte Konzept sieht vor, dass der südliche Teil des angestammten Geländes, rund 17 Hektar groß, auch künftig von der Auslandsaufklärung der Bundesrepublik genutzt wird. Der Rest der bundeseigenen Liegenschaft soll samt teilweise denkmalgeschützten Gebäuden verkauft werden. Etwa 2000 Mitarbeiter wechseln ab 2017 von der Isar an die Spree, rund 1200 Techniker harren an ihren bisherigen Arbeitsplätzen aus. Dazu unterhält der BND auch weiter seine Dependancen in Bad Aibling und andernorts.

Der Neubau in Berlin, inzwischen fast zwei Milliarden Euro teuer, bietet nach seiner voraussichtlichen Fertigstellung im kommenden Herbst 4000 Mitarbeitern Platz - 2000 kommen aus Pullach, die andere Hälfte aus dem bisherigen Provisorium in einer alten Kaserne im Berliner Bezirk Lichterfelde. Eigentlich sollte der Einzug bereits 2011 stattfinden, doch gab es - wie bei den meisten öffentlichen Bauvorhaben üblich - Pfusch, Skandale, Kostenexplosionen. Im Frühjahr 2015 schraubten in dem vermeintlich gut bewachten Objekt bislang unbekannte Diebe eine Vielzahl von Wasserhähnen ab, und als die vorhandenen Leitungen probeweise durchgespült wurden, ergossen sich Zehntausende Liter Wasser in mehrere Büroetagen.

Dagegen muten die Probleme, mit denen sich das BND-Gebäudemanagement seit Jahren in Pullach beschäftigen muss, fast putzig an. Hier tummeln sich in beschaulicher Umgebung etwa 150 Siebenschläfer, die sich in Rohren und Leitungen häuslich eingerichtet haben. Leider knabbern die sonst friedfertigen Nager gern Kabel an, weshalb jüngst sogar in der Präsidentenvilla ein kurzzeitiger Stromausfall zu beklagen war. Erst rückte der ansässige Geheimdienst den lästigen Eindringlingen mit Riechsalz zu Leibe, ohne Erfolg. Neuerdings werden die unter Artenschutz stehenden Tiere eingefangen und weit weg auf die andere Seite der Isar verfrachtet. "Wir hoffen", heißt es beim BND, "dass sie nicht zurückfinden."

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14.04.2016, 06:00 Uhr

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