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Mit Scones und Clotted Cream
Lynn Hazlewood (stehend) führt ihre Gäste in die englische Teekultur ein. Foto: Ferdinando Iannone
Genuss

Mit Scones und Clotted Cream

Im Stuttgarter Heusteigviertel hat sich ein englisches Paar dem Tee verschrieben. Die Kenner laden ein- bis zweimal pro Monat zu einer stilechten Five-O'Clock-Zeremonie ein.

08.04.2017
  • BARBARA WOLLNY

Stuttgart. Der Weg zum Himmel führt an der Teekanne vorbei, sagt eine englische Redewendung. In Stuttgart kommt man aber nicht dorthin, ohne vorher bei Christian und Lynn Hazlewood vorbeigeschaut zu haben. Vor sechs Jahren eröffneten die zwei Londoner ein Teegeschäft in der Weißenburgstraße, letztes Jahr kam, ein paar Häuser weiter, ein Showroom für Seminare und die Teezeremonien dazu.

Neugierige Passanten können schon von außen durch die tiefen Fenster einen Blick auf den ebenerdigen Salon werfen, der – englisch-traditionell eingerichtet – jederzeit als Drehort für eine Rosamunde-Pilcher-Romanze herhalten könnte. Tapeten mit goldenen Blumen und Vögeln schmücken die Wände, man sitzt auf weißen Stühlen an kleinen Tischen. Diese sind mit hauchdünnen Teeservice aus feinstem Wedgewood-Porzellan mit Goldrand und floralen oder orientalischem Dekor eingedeckt, alles so kostbar, dass nur von Hand gespült wird.

Im grünen Cocktailkleid mit Goldbrosche wird man von Lynn an der Tür wie ein persönlicher Gast begrüßt und erhält – während als erste Sorte ein First Flush Darjeeling in die Tasse fließt, dem „Champagner unter den Tees“ – eine kurze Einführung in die englische Institution der Tea-Time. Die kam als Zeitvertreib für englische Ladies im frühen 19. Jahrhundert in Mode.

Traditionell gehört eine dreistöckige Etagere mit auf den Tisch. Auf dem untersten Teller liegen erfrischende Gurken- und pikante Curryhuhn-Sandwiches – die indische Kolonialzeit lässt grüßen –, darüber befindet sich die Etage für die Scones. Dieses Gebäck wird frisch aus dem Backofen noch warm mit Himbeer- oder Zitronenmarmelade und dicker englischer Sahne bestrichen. Die Hazlewoods lassen sich dafür mehrmals monatlich die beste Clotted Cream aus Cornwall einfliegen. Ganz oben befindet sich der Kuchenteller. Stilsicher ist es, Blaubeer- und Zitronentartletts anzubieten.

„Wir wollen es perfekt machen“, sagt Lynn Hazlewood, „und es macht uns glücklich, wenn wir sehen, wie sich unsere Gäste entspannen und genießen. Sie haben hier Ruhe und Zeit für sich und die Tees.“ Ähnlich wie bei einer Weinprobe gibt es auch bei den schwarzen Tees höchst unterschiedliche Nuancen bei Duft, Farbe und Geschmack zu entdecken.

Stephen Brown aus Leeds freut sich sichtlich auf die zwei Stunden im Tearoom. Er arbeitet seit sechs Jahren in Stuttgart-Vaihingen, gönnt sich aber heute Nachmittag zum ersten Mal wieder eine Teestunde und ist sichtlich begeistert von der Authentizität: „Alles wie zu Hause in England“, meint er anerkennend.

„Wir haben uns schon immer als Europäer gefühlt und wollten nicht isoliert vom Kontinent auf der Insel leben. Als ich vor dreizehn Jahren ein Jobangebot in Stuttgart bekam, habe ich mit meinem Mann ausgemacht, dass er nachkommt, wenn mir die Stadt gefällt“, erzählt Lynn. Nach nur zehn Tagen reiste Christian nach. „Die Stadt ist wunderbar“, sag Lynn, „wir finden die Schwaben super und fühlen uns hier zu Hause – vielleicht leben wir hier im Heusteigviertel auch in einer Art Luftblase.“

Es spreche sich ganz ohne Reklame herum, dass es in dem etwas versteckt liegenden Laden in der Weißenburgstraße ein anspruchsvolles Sortiment von Tees aus allen wichtigen Herkunftsländern gibt. Denn nach einigen Jahren in Deutschland machte Christian seine Passion und seinen Frust zum Beruf. Weil er nirgends die Tees kaufen konnte, die ihm schmeckten, wurde er selbst zum Teehändler.

Nur eines macht die Hazlewoods unglücklich: der Brexit. Als Konsequenz aus dem EU-Austritt ihres Heimatlandes haben sie die deutsche Staatsangehörigkeit beantragt. „Wir hoffen, dass wir September bei der Bundestagswahl schon mitwählen können.“

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08.04.2017, 06:00 Uhr

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