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Mit Tamtam ins Eheglück
Alles, nur keine schnöde Amtsstube: Im Heidelberger Spiegelsaal wird die standesamtliche Trauung zum Event. Das zunehmende Tamtam rund um den Verwaltungsakt geht manchen Kritikern allmählich zu weit. Foto: Heidelberg Marketing/Theresa Povilonis
Hochzeit

Mit Tamtam ins Eheglück

Standesamtliche Trauungen werden immer öfter zu einem Event mit allerlei Showeinlagen. Die Nachfrage nach besonderen Orten für das gemeinsame Ja-Wort nimmt im ganzen Land stark zu.

02.11.2016
  • HANS GEORG FRANK

Heidelberg. Die Trauung im Standesamt sei „toll“ gewesen, erinnert sich die Heilbronner SPD-Stadträtin Tanja Sagasser-Beil. Ganz zufrieden mit der Zeremonie war sie trotzdem nicht: „Es gab keine Auswahl an Räumlichkeiten.“ Das Zimmer im Rathaus, in dem sie ihrem Mann das Ja-Wort gab, „sei nichts Besonderes“ gewesen. Mit ihrer Fraktion kämpft sie deshalb für Hochzeiten an schöneren Orten, etwa einem Rokokopalast, einem Obstgarten, selbst eine Bühne auf dem Neckar und ein begehbares XXL-Weinfass scheinen der Genossin die richtigen Schauplätze, um den Bund für's Leben zu besiegeln. Auch auf dem Areal der Bundesgartenschau 2019 soll geheiratet werden können, heißt es im Antrag der SPD. Darüber könne sich auch der Stadtkämmerer freuen: „Paare sind bereit, für außergewöhnliche Trauungen höhere Gebühren zu bezahlen.“

Uwe Schlund, Chef des Heilbronner Standesamtes, weiß um die Begehrlichkeiten der Brautpaare: „Die Ansprüche der Heiratswilligen sind deutlich gestiegen, die Hochzeiten haben zunehmend Eventcharakter.“ Immer häufiger gebe es „ungewöhnliche Wünsche“. In guter Erinnerung ist Schlund ein exakt vorgegebener Zeitpunkt der Trauung eines Paares: „Das wollte unbedingt am 11. 12. 23 um 14.15 Uhr heiraten.“

„Früher hatte das Standesamt nicht diese große Bedeutung“, blickt Manfred Neumann, Vorsitzender des Fachverbands der Standesbeamten zurück. Obwohl erst mit dieser Zeremonie die Zivilehe ihre rechtliche Gültigkeit bekomme, habe die Kirche immer eine viel größere Rolle gespielt. Wegen der Austritte habe sich dies stark gewandelt, weiß Neumann nach 8000 Trauungen in Heidenheim.

Die rund 3000 Standesbeamten in Baden-Württemberg sollen immer öfter Sonderwünsche außerhalb des Rathauses erfüllen. Doch es gilt Vorschriften zu beachten. Tabu sind Orte, die nur bestimmten Personen zugänglich sind. „Im privaten Park geht es nicht“, erklärt Neumann. Der Schauplatz müsse von der Gemeinde bestimmt werden. Egal, ob Schiff im Hafen, Windmühle, Turm oder ein Oldtimerzug auf der Nebenstrecke Amstetten–Gerstetten – „der Standesbeamte muss das Hausrecht haben“. Ein Zeppelin in Friedrichshafen sei zwar geeignet, „aber nur wenn er am Boden fixiert ist“.

Wird es zu rummelig, in Spaßbädern, Hallen oder Höhlen, „sehen wir das kritisch“, meldet der Fachverband seine Bedenken an. Absolut unzulässig sei die standesamtliche Trauung in Kirchen oder Räumen, die für religiöse Zwecke bestimmt seien. In Wirtshäusern, Restaurants und Hotels dürfe es „keine Vermischung der Eheschließung mit der Feier“ geben: „Rechtsakt und wirtschaftliche Interessen müssen getrennt sein.“

Der Ernst der Handlung wird durch Showeinlagen in den Hintergrund gedrängt. „Diese Leute haben zu viele schlechte amerikanische Filme gesehen“, vermutet Manfred Neumann. Wenn der Vater seine Tochter dem künftigen Schwiegersohn feierlich zuführe, „dann geht das noch“. Aber das Aufsagen von Gedichten, Auftritte von Sängern und Blaskapellen, „das geht nicht“. Dadurch gerate nicht nur der Zeitplan durcheinander. Mit gut gemeinten Darbietungen werde dem Standesbeamten „das Heft aus der Hand genommen“. Auch wenn die Sitten lockerer geworden seien, legt der Fachverband doch Wert auf „eine würdige Form der Eheschließung“, wie in Paragraf 14, Absatz 2 des Personenstandsgesetzes verlangt.

Das Innenministerium hat 2011 eine Gebrauchsanweisung für die „Bestimmung des Eheschließungsortes“ verteilt. Bei „unvorhergesehenen Ereignissen wie Witterungseinflüssen“ muss der Standesbeamte mit der Festgesellschaft in ein Trauzimmer umziehen können. Für den Mehraufwand der Ausnahmen kann eine Extragebühr verlangt werden.

Die Vorgaben sind so formuliert, dass Stadtverwaltungen geradezu um Brautpaare werben können. „Damit lässt sich das Image einer Kommune verbessern“, weiß Neumann, der in Heidenheim auch schon im Marstall des Schlosses Hellenstein das Versprechen auf ewigen Zusammenhalt in guten und schlechten Zeiten abgenommen hat.

Heidelberg möchte sich als „Heiratsmetropole“ etablieren. Die Marketingexperten versprechen „die perfekte Kulisse für die besondere Traumhochzeit“. Deshalb kämen „Hochzeitspaare aus der ganzen Welt“. Die Werbung muss sich allerdings noch mächtig anstrengen, um Erfolg zu haben. „Nach Schätzungen unseres Standesamtes wird sich die Zahl für das Jahr 2016 bei rund 1000 Trauungen einpendeln, also ungefähr wie 2015“, teilte Christiane Calis vom Amt für Öffentlichkeit mit. Dabei hat die Stadt am Neckar ein sehr attraktives Ambiente zu bieten. Kuppeldecke, acht rote Säulen wie in einem Tempel – schon das „normale“ Standesamt im Rathaus fällt aus dem Rahmen des Üblichen.

Stilvoll und glamourös

Aber auch das Palais Prinz Carl, einst verspiegelter Speisesaal eines Grandhotels, bietet ein luxuriöses Ambiente. In der historischen Stadthalle („verspielt, romantisch“) gebe es „zwei traumhafte Juwelen“, heißt es in der 16-seitigen Broschüre. Gemeint sind Ballsaal mit „Goldarbeiten, filigranen Stuckaturen, fantastische Plastiken und Putten in barocken Formen sowie entzückende Reliefs“ und der Kammermusiksaal von 1903 mit „stilvoller, glamouröser Atmosphäre“. In der Brunnenstube des Schlosses kann man es Kurfürst Friedrich V. und Prinzessin Elisabeth Stuart gleich tun, die dort laut Werbung vor 400 Jahren „eine der romantischsten Hochzeiten der Geschichte“ gefeiert haben. Sie war der Auftakt für eine äußerst fruchtbare Beziehung: Elisabeth schenkte ihrem Gemahl 13 Kinder.

Die ziemlich rustikale Atmosphäre des Heilbronner Fasses ist nach Ansicht von Verbandschef Neumann zwar „ein bisschen eigenartig“. Aber, meint er, „für einen Weinort denkbar – ich hätte damit keine Probleme“.

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02.11.2016, 06:00 Uhr

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