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Leidenschaft und Terror

Mit „Tosca“ erlebten die Zuhörer in Glatt Operngenuss vom Feinsten

Eine Geschichte zwischen Leidenschaft und Terror mit modernem Bühnenbild zwischen alten Gemäuern getragen von überwältigender Musik: Giacomo Puccinis Oper „Tosca“ im Wasserschloss Glatt war am Wochenende ein voller Erfolg.

27.07.2015
  • dunja bernhard

Glatt.Der Hof des Wasserschlosses Glatt scheint wie geschaffen für ein Drama zwischen flammender Liebe, Intrige und grausamem Terror. Ein sanft daliegender Wassergraben, runde Türme und heimeliges Fachwerk einerseits, spröde Holztüren, versteckte Schlupfwinkel und vergitterte Fenster andererseits. Regisseur Walter Pichler wusste diese Begebenheiten gekonnt in die Szenen einzubauen. Er setzte mit modernem, wandlungsfähigem Bühnenbild dem historischen Umfeld einen spannungsreichen Kontrast entgegen. Die silbernen Rohre der Kirchenorgel wurden im zweiten Akt zur durchbrochenen Wand, die die Weiträumigkeit von Baron Scarpias Palast erahnen ließ. Im letzten Akt schließlich symbolisierten die Rohre Zinnen der Engelsburg, von denen sich Tosca in den Tod stürzte.

Doch bis dahin war es ein dreistündiger, an Dramatik kaum zu übertreffender musikalischer Weg.

Der aus der Engelsburg geflohene Reaktionär Cesare Angelotti (Christoph Schweizer) stürzt mit wirr flatterndem Haar die Treppe der Tribüne hinab in die Kirche Sant‘ Andrea. Dort trifft er auf den Maler und politisch gleichgesinnten Mario Cavaradossi (der gesanglich und schauspielerisch hervorragend agierende Philipp Heo), der ihn ein Versteck verschafft. Aus dem Off erklingt Toscas (Corinna Ruba) klare, helle Stimme. Suchend schauten sich die Zuschauer um. Cavaradossi muss ihr das als Kirchentür fungierende hölzerne Schlosstor erst eröffnen, das er zur Bewahrung seines Geheimnisses verschloss. Diese Begebenheit erweckt Toscas Eifersucht. Impulsiv und mit feurigem Blick macht sie ihrem Geliebten eine Szene, nachdem sie sich kurz innehaltend mit Weihwasser bekreuzigte. Die Leidenschaft und Verzweiflung in Rubas Stimme griffen die

Orchestermusiker echoend auf. Unter der musikalischen Leitung von Sven Gnass harmonierte das Residenz-Orchester Baden-Württemberg hervorragend mit den Sängerinnen und Sängern. Die Musiker zeigten eine bis ins kleinste Detail abgestimmte Dynamik und bestachen durch herausragende Solopassagen. Tiefe Bläser und der Paukist sorgten für einen zusätzlichen Schuss Dramatik.

Gegenspieler Baron Scarpio (Adam Kim) betritt mit Gefolge die Bühne. Sein vom Orchester noch verstärkter tieftönender Bass lässt die folgende Dramatik schon erahnen.

In Glatt schien am Freitag auch der Himmel zur Spannung der italienischen Oper betragen zu wollen. Während des von Liebe und Leidenschaft geprägten ersten Aktes malten feine Cirruswolken weiße Schlieren an den blauen Himmel, verdichteten sich nur hier und da zu Cummuli. Doch in der Pause zog von Osten eine dichte, graue Wolkendecke heran, aus der es blitzte – ohne Donner. Immer wieder fegten Windböen durch den Schlosshof. Mitarbeiterinnen verteilten eilig Regencapes. Diese raschelten unheilvoll in den folgenden Akten. Es fielen jedoch nur wenige Regentropfen vom Himmel.

Der zweite Akt: Die Nacht war über Glatt hereingebrochen. Das im Fachwerkgebälk hinter der Bühne untergebrachte Orchester wurde durch Scheinwerfer ins rechte Licht gerückt. Selbstgefällig sitzt Scarpia in seinem Palast und spielt grausam seine Macht aus. Den von seinen Schergen gefangen genommenen Cavaradossi lässt er in Hörweite der Geliebten foltern. Nur wenn Tosca seine Begierden stillt, will er sich erweichen lassen und Gnade zeigen. Dabei unterschätzt er den Hass der Sängerin, die ihn eiskalt in einer Umarmung ersticht. Doch das Leben ihres Geliebten kann sie nicht retten. Er wird erschossen. In ihrer Verzweiflung stürzt Tosca sich von der Engelsburg in den Tod. Nebel verhüllt die Szene in Pichlers Inszenierung. Bleibt noch zu erwähnen, dass Angelotti sich seiner drohenden Festnahme durch Selbstmord entzog. Alle Hauptrollen haben Puccinis Oper, die einen Zeitraum von nur 18 Stunden im Jahr 1800 zusammenfasst, nicht überlebt.

In Glatt gaben Studenten der Musikhochschule Trossingen als Messdiener und Nonnen den Chor. Der 12-jährige Felix Werner, ein Aurelius-Sängerknabe aus Calw, hatte als Hirtenjunge seinen ersten Opernauftritt. Sven Gnass verstand es mal wieder die hohe Kunst der Musik volksnah zu präsentieren: Operngenuss vom Feinsten für alle.

Minutenlanger Applaus brandete nach dem großen musikalischen Finale auf.

Siehe auch die Bilderseite.

Mit „Tosca“ erlebten die Zuhörer in Glatt Operngenuss vom Feinsten
Von christlicher Nächstenliebe war in Giacomo Puccinis Oper „Tosca“ nicht viel zu spüren. Begierde, Macht und Terror bestimmten die Handlung Bild: Kuball

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27.07.2015, 12:00 Uhr

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