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Weggental

Mit Tränen und Küssen

Hunderte Gläubige nahmen gestern von den Rottenburger Franziskanern Abschied. Die Diözese lud nach der Messe zum Mittagessen ein.

10.10.2016
  • Dunja Bernhard

Gestandene Männer und Frauen zwängten sich gestern Morgen im Weggental in Ministrantengewänder. Ihre Tage als Messdiener liegen schon lange zurück. Doch beim letzten Gottesdienst der Franziskaner-Brüder in der Rottenburger Wallfahrtskirche wollten sie unbedingt dabei sein.

So ging es auch hunderten Gläubigen aus Rottenburg und der Region. Die Straßen zum Weggental waren lange vor Gottesdienstbeginn zugeparkt. Um viertel vor Zehn schleppten Gottesdienstbesucher Bierbänke aus dem Festzelt in die Kirche, um die nächsten zwei Stunden sitzend zu verbringen. Das war nicht jedem Weggental-Kirchgänger an diesem Morgen vergönnt.

Zum Einzug des Bischofs mit zahlreichen Vertretern des geistlichen Lebens musizierten Wolfram Rehfeldt und Arno Hermann die von Rehfeldt komponierte Martinus-Fanfare. „Nun jauchzet dem Herrn alle Welt“ stimmte die Gemeinde an.

Doch zum Jauchzen war an diesem Morgen wohl kaum jemand zumute. „Dem Bischof nicht, Ihnen nicht und uns Franziskanern auch nicht“, sagte Pater Franz Sales, der Guardian des Klosters. Weggehen und damit etwas weggeben, was zum bisherigen Leben gehörte, bedeute auch sterben.

„Wir feiern heute jedoch kein Requiem“, sagte Pater Franz. Es sei vielmehr ein Dank-Gottesdienst. Als Franziskaner seien sie dankbar, dass ihr Orden fast 100 Jahre für Menschen im Weggental da sein durfte. Sie seien auch voller Hoffnung, weil das „Weggental weiterleben darf“.

Von der reichen Ernte zehren

Einen bewegenden Abschiedsbrief habe er von einem der Patres erhalten, sagte Bischof Gebhard Fürst in der Predigt. Nach dem Sachen-Packen wolle er noch einmal innehalten, schrieb der Pater. Um die reiche Ernte des Ortes mitzunehmen und davon in der Zukunft zu zehren.

Das Weggental sei ein Ort, der dem Paradies sehr nahe komme, sagte Fürst. Dass viele Menschen so empfänden, sei der Verdienst der Patres. Sie hatten ein offenes Ohr für die Ratsuchenden und „steckten die Menschen mit ihrem Feuer der Liebe“ an. „Ich mag mir die Lücke, die sie hinterlassen, gar nicht vorstellen“, sagte der Bischof.

Die Franziskaner müssten jedoch für den Fortbestand ihrer Gemeinschaft sorgen, fuhr Fürst fort. Daher müssten sie sich aus einigen Bereichen zurückziehen. Zwei weitere Franziskaner-Klöster in Süddeutschland werden in den nächsten Monaten aufgegeben. „In dieser Stunde spüren Sie vielleicht, dass unsere Welt arm wird ohne geistliche Berufungen.“

Mit dem franziskanischen Gruß „Pax et Bono“ wünschte Fürst den Glaubensbrüdern Frieden und alles Gute. Die Gottesdienstbesucher schlossen sich den Wünschen mit einem langen Applaus an.

Immer weniger Geistliche

Der Wegzug der Franziskaner aus dem Weggental sei für alle überraschend gekommen, sagte Dompfarrer Harald Kiebler. „Die Hundert-Jahr-Feier hatten wir schon im Blick.“ (1919 hatte der Franziskanerorden das Weggental-Kloster übernommen.)

Bischof Fürst habe sich noch bemüht, den Abschied möglichst weit hinauszuschieben. Das Konvent sollte altersgerecht umgebaut werden. Dazu kam es nicht mehr. Für Generationen von Gläubigen sei es eine Selbstverständlichkeit gewesen, im Weggental auf Patres zu treffen, sagte Kiebler. „Auch in Rottenburg müssen wir uns der Realität stellen.“ Es gibt immer weniger Pfarrer und Geistliche.

Die Spende des Gottesdienstes war für die neue Jann-Orgel bestimmt. „Einige Pfeifen beklagen sich, dass sie zwar arbeiten müssen, aber noch nicht bezahlt sind“, sagte Pater Ottfried, der trotz der traurigen Stunde seinen Humor nicht verlor.

Wie sehr die fünf Patres und Bruder Elias den Rottenburgern ans Herz gewachsen sind, zeigten die Abschiedsszenen, die sich nach dem Gottesdienst in der Kirche abspielten. Frauen, Männer und Kinder mit Tränen in den Augen schüttelten den Franziskanern die Hände, nahmen sie in den Arm oder drückten ihnen einen Kuss auf die Wange. In Begegnungen und Beichtgesprächen waren über Jahre hinweg sehr persönliche Kontakte entstanden.

Nur noch zwei Messfeiern

Angesichts des Andrangs gab es kaum Gelegenheit, diese beim anschließenden Mittagessen, das die Diözese spendiert hatte, zu pflegen. Bis die Patres das Festzelt erreichten, hatten viele Gäste Kürbissuppe und Leberkäs mit Kartoffelsalat schon verspeist.

Am 1.  Advent treten drei Karmeliter-Pater aus Indien die Nachfolge der Franziskaner an. Die Vakanz überbrückt die Domgemeinde. Eine Präsenz wie die Franziskaner könne sie jedoch nicht zeigen, sagte Kiebler.

Bisher gab es täglich drei Messfeiern und die Möglichkeit zu beichten. Bis Ende November sind nur zwei Messfeiern pro Woche: Sonntag um 9.30 Uhr und Dienstag um 19 Uhr.

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10.10.2016, 01:00 Uhr

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