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Mit dem Aroma des Apfels
Christian Morgensterns „Galgenlieder“, illustriert von der Modezeichnerin Margot Wackwitz für ihren Mann. Foto: Chris Korner, DLA Marbach
Ausstellung

Mit dem Aroma des Apfels

„Die Gabe“ des Literaturmuseums der Moderne in Marbach ist ein Geschenk an Stifter und Mäzene.

10.11.2016
  • LENA GRUNDHUBER

Marbach. Ob das ein Zufall ist? Kinder auf der Treppe vor dem Schillerdenkmal in Marbach spielen „Wilhelm Tell“, als man an diesem Novembermorgen die Schillerhöhe erklommen hat. Und man würde es den Machern im Literaturmuseum der Moderne nebenan glatt zutrauen, dass dies Teil der Inszenierung ist – sie lieben ja hier die feinen Anspielungen, die literarischen Verweise, die, Verzeihung, schillernden Bilder.

Kaum drinnen nämlich hangelt sich eine ganze Ausstellung an dem berühmten Tell-Obst entlang. Der Apfel fungiert als zentrale Metapher der Schau „Die Gabe/The Gift“, denn schließlich, sagen die Kuratorinnen, sei der Apfel seit Urzeiten das Sinnbild schlechthin für ein Geschenk. Eben darum geht es nun, um all die Gaben von Mäzenen, Stiftern und Autoren, die Literaturarchiv und -museum in Marbach erst möglich machen. Die Ausstellung, sagt Direktor Ulrich Raulff, sei ein Dankeschön an die Förderer, und mit der Fokussierung aufs Mäzenatentum „ein echtes transatlantisches Ereignis“ – das ist ein rührender Versuch, die Journalisten an diesem „etwas speziellen Morgen“ des 9. November über das Ergebnis der US-Wahl hinwegzutrösten.

2500 Stifter in zehn Jahren

Auch die Marbacher Institute verdankten sich von Beginn an dem bürgerschaftlichen Engagement, wie Raulff sagt. Einem Mann wie dem Bankier Kilian Steiner etwa, dem Ex-Bundespräsidenten Theodor Heuss oder Berthold Leibinger, der 15 Jahre lang dem Freundeskreis vorstand. Sein Abschied vom Vorsitz ist der Anlass für die Schau.

Die drei stehen für sehr viele: Allein für die vergangenen zehn Jahre haben die Kuratorinnen 2500 Stifter gezählt, 160 ihrer Gaben haben sie exemplarisch ausgewählt. Womit wir wieder beim Apfel wären, den Schiller übrigens schon aus familiären Gründen liebte. Sein Vater war leidenschaftlicher Pomologe, und eine Apfelstudie von Schwester Christophine liegt in einer Vitrine zusammen mit einer Tell-Ausgabe von 1804. Ganz dicht am Bild bleibt die Ausstellung auch mit ihren vier Kapiteln „Kerne“, „Blüten und Blätter“, „Gehäuse“ und „Marbacher Pomologie“. Das klingt zunächst einmal furchtbar angestrengt, funktioniert aber überraschend gut und bringt eine selten aromatische Marbacher Ausstellung hervor.

Die „Kerne“ der Sammlung veranschaulichen drei Objekte: eine „Haarreliquie“ Schillers als Beispiel für eine Stiftung von Privatleuten, eine Luthermedaille wohl von Eduard Mörike (der sich verwandt mit dem Reformator glaubte) als Gabe großer Stiftungen, und ein Paketstreifen, den Hermann Hesse als Autor dem Archiv überlassen hatte.

Sie stehen für all das, was sich als „Blüten und Blätter“ in den wie für ein Festbankett weiß gedeckten, runden Vitrinen auffächert. Oft sind es Geschenke, die Autoren einander oder Dritten gemacht haben. Ein Trinkglas etwa, das Goethe an Hegel weitergab. Die Stoff-Reliquien aus Lourdes brachte ausgerechnet der kritische Kurt Tucholsky seiner Mary mit. Die kleine Silberkrone, die sie wiederum von Ernst Toller erhalten hatte, steckte die betagte Dame 1984 im Seniorenheim ins Kuvert. Vor manchem Objekt kommen einem die Tränen: Da ist H.G. Adlers überlebenswichtiger Löffel aus dem KZ oder Walter Hasenclevers Abschiedsbrief vor seinem Freitod in der Emigration an seine Frau („Ich kann und will nicht mehr leben“). Aber natürlich ist auch „die Gabe aller Gaben“ eines Schriftstellers ausgestellt: Friedrich Hölderlins im „Hyperion“ versteckte Widmung an die geliebte Susette, „Wem sonst als Dir“.

Nebst dem Schenkungsvertrag über das bedeutende Cotta-Archiv wird man kleine Geschichten entdecken wie die der Modezeichnerin Margot Wackwitz, die kein Geld hatte, ihrem Mann ein Weihnachtsgeschenk zu kaufen. Also gab sie ihm sein Geschenk aus dem Vorjahr zurück, Christian Morgensterns „Galgenlieder“ hatte sie liebevoll für ihn illustriert. Besser kann man die These der Kuratoren von der Reziprozität der Gabe kaum bebildern. Deren Kraft liege darin, dass sie zur Erwiderung auffordere – als eine solche Rück-Gabe ist auch diese Ausstellung gedacht. Das Schöne ist: Wir haben auch etwas davon.

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10.11.2016, 06:00 Uhr

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