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Erster Gemeindekindergarten vor 100 Jahren

Mit dem Bi-Ba-Butzemann tanzen

ENTRINGEN. Safran macht den Kuchen gelb, von Kinderhand zu Kinderhand wandert der Taler, und der Bi-Ba-Butzemann treibt sein Wesen — mit diesen Reimen stellen sich Bilder einer unbeschwerten Kinderzeit ein. Und doch glich so ein Dorfkindergarten anfangs eher einer „Bewahranstalt“, sagt Reinhold Bauer, Ortsvorsteher und Entringen-Geschichtler, „damit die Leit hen aufs Feld kenna“. „Uns hat man ja sobald wie möglich immer fortg'schickt“, erinnert sich Marie Schnierle, Jahrgang 1908.

14.09.1999
  • Dorothee Hermann

Denn „die Frauen mussten aufs Feld“. Also machte sie sich mit ihren Geschwistern morgens allein zum Kindergarten auf. Der Verkehr auf der nicht asphaltierten Dorfstraße war kein Problem. „Es isch höchstens mal ein Kuhfuhrwerk komma.“ Den kleinen Bruder, der nicht so gut laufen konnte, nahm sie im Leiterwägele mit. „Dass mr Holzklötzla ghet hen“, weiß sie noch. Und wie sie beim alten Kindergarten in der Kelter „gsandelt“ hat. „Die Buaba hen Burga baut.“ Vor dem einfachen Vesper drinnen mussten sich alle die Hände waschen. „A Stückle Brot hemr scho ghet.“ Aber die Berta Süsser (damals Erzieherin), „die hat immer a Glas Erdbeergsälz ghet und hat an alle ausgeteilt“.

Sie las den Kindern auch aus einem Märchenbuch vor. Gemalt wurde nicht. Es gab keine Buntstifte, „des hen erscht die Schüler kriagt“. Manchmal wanderte die Kinderschar hinaus zum Kundensteigle. „Wenn mr spaziera ganga isch, isch mr ja mit dem Seil ganga. Immer eins auf der rechten Seit und eins auf der linken Seit.“

Drei Jahrzehnte später sah es im Entringer Kindergarten wieder ganz ähnlich aus. Im Zweiten Weltkrieg in die Turnhalle evakuiert, wurden Möbel und Spielzeug dort 1944 von einer Bombe getroffen. Deshalb musste Martha Eisele 1946 den Nachkriegskindergarten „in der alten Kinderschul in der Kelter“ einrichten. Die ausgebildete Krankenschwester war 1943 ins Dorf gekommen, um in einem Privathaushalt drei Kinder zu betreuen. Nach dem Krieg wollte sie eigentlich nur für einen Sommer im Kindergarten bleiben, um die Mütter zu entlasten, die sich um die Landwirtschaft kümmerten, weil die Väter vermisst, gefallen oder noch in Kriegsgefangenschaft waren.

In der Kelter saßen die Kinder auf uralten Bänken an ebensolchen Tischen. Eine Kiste Bauklötze brachte der Schreiner vorbei. Sonst „isch nix do gwä“. Bloß ein Schächtele mit stumpfen Farbstiften. „Man musste selber Spielsachen basteln. Im Sommer hat man ja Material von draußen.“ Oder Eisele brachte den Kindern Reime und Lieder bei. „Die haben wir auswendig gesagt und gesungen.“ Sie ließen den Bi-Ba-Butzemann tanzen oder sahen den fleißigen Waschfrauen zu. Außerdem habe sie viel erzählt. „Zum Beispiel jede Woche eine biblische Geschichte.“ Eisele erinnert sich an gemeinsame Spiele — wie etwa Blinde Kuh. Manchmal band sie ein Hopfseil an den Zaun der alten Kinderschul und schwenkte es, und „sie sind stundenlang gehüpft“. In Kursen „nebenher“ bildete sie sich weiter.

Nicht nur an die 40 Kinder kamen gern in die Kelter, sondern auch Mäuse. Und die sanitären Einrichtungen ließen zu wünschen übrig. „Es gab eine Rinne für die Buben neben einem Sitz aus Holzbrettern. Im Mädchenklo waren zwei Sitze nebeneinander.“ Der einzige Wasserhahn befand sich in der Küche, wo „Schwester Martha“ Schüsseln zum Händewaschen aufstellte. Irgendwann griff das Gesundheitsamt ein.

1960 wurde der neue evangelische Kindergarten in der Kirchstraße eröffnet. „Den haben wir ganz anders aufgezogen.“ Während in der Kelter nur ab und zu eine Frau aus dem Dorf aushalf, konnte die Kindergartenleiterin Eisele nun eine Kindergärtnerin und eine Helferin einstellen. Längst gab es wieder Perlen und Knet. Sie bastelten und malten viel. „Wir haben immer einen Maltisch gemacht“ — mit Tapeten als Malgrund. Auf den noch unbebauten Wiesen rundherum liessen die Kinder im Herbst ihre Drachen steigen.

Heute tanzt der Bi-Ba-Butzemann nur noch in alten Büchern. Auch „Dornröschen war ein schönes Kind“ spielen die Kindergartenkinder schon lange nicht mehr. Aber am 17. Oktober feiern die Entringer Kindergärten den 100. Geburtstag ihrer „Kleinkindschule in der Gemeindekelter“. Dann wird alles sein wie damals, mit Most, Schmalzbrot und Gsälzbrot sowie Waffeln mit Apfelmus.

Mit dem Bi-Ba-Butzemann tanzen
In den dreißiger Jahren vorm Entringer Kindergarten aufgereiht: 41 Kinderschüler/innen und ihre „Tante Lydia".

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14.09.1999, 12:00 Uhr

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