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Mit dem Bürgerauto zum Arzt oder in die Apotheke, zum Fußball und auch mal in die Schule
Ohne das Bürgerauto müsste Mina Röthenbach auf vieles verzichten. Fahrer Michael Sauter holt, bringt und hilft „sehr gerne“. Bild: Faden
Kreuz und quer durch Kusterdingen

Mit dem Bürgerauto zum Arzt oder in die Apotheke, zum Fußball und auch mal in die Schule

Mina Röthenbach muss zum Friseur – wie jeden zweiten Freitagvormittag. Zuhause komme sie alleine noch ganz gut zurecht, sagt die 87-Jährige. Zu Fuß mit dem Rollator in die Ortsmitte schaffe sie aber nicht mehr. Damit die Kusterdingerin dennoch alle 14 Tage die Haare gerichtet kriegt, ruft sie spätestens am Donnerstag in der Fahr-Zentrale des Bürgerautos an.

02.12.2016
  • Christine Laudenbach

Am Tag darauf, pünktlich Viertel vor zehn, hält der Wagen dann vor ihrer Haustür – und wird dort meist auch schon erwartet. Auch heute steht Mina Röthenbach fertig zum Einsteigen im Novembermorgen. Klingeln müsse er eigentlich nie, sagt Michael Sauter, der seit längerem die Freitags-Touren übernimmt.

Flüchtlingskinder zur Schule

Der 62-jährige Kusterdinger ist einer von momentan rund 20 Ehrenamtlichen, die Montag bis Freitag Härtenbewohner von A nach B bringen. Wie viel genau? Schwer zu sagen, erklärt Sauter, vielleicht sechs oder sieben pro Vormittag. Fakt ist: Die Zahl derer, die das von der Gemeinde finanzierte Angebot nutzen, steigt. Im Dezember 2014 startete das Projekt mit zwei Fahrten an einem Nachmittag pro Woche. 2015 wurden bereits 1500 Personen befördert. Dieses Jahr im Oktober kutschierten die Fahrer und Fahrerinnen 270 Erwachsene und 70 Kinder in dem silbergrauen Ford Galaxy. Den Wagen mietet die Gemeinde bei einem Autohaus im Ort.

Michael Sauter gehört seit August zum Team. Weshalb? Im Ruhestand, so der ehemalige Personalleiter, wollte er sich ehrenamtlich engagieren. Gezielt im sozialen Bereich. Seit vier Monaten fahre er jetzt „Leute kreuz und quer durch Kusterdingen“. Oft Ältere, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind. Aber auch Jugendliche stehen regelmäßig auf der Liste. Besonders nachmittags, wenn das Training beim TSV Kusterdingen oder Mährigen ansteht, sei das Auto rappelvoll. Bevor er an diesem Morgen bei Mina Röthenbach vorfuhr, brachte Sauter zwei Flüchtlingskinder von Kusterdingen in die Mähringer Grundschule. Weil kein Bus fuhr, erklärt er, und öffnet der alten Dame die Autotür.

Spenden fürs Projekt

„Ha, du bisch’s!“, ruft diese erfreut, als sie sieht, wer sie fahren wird. Röthenbach lässt sich nicht nur freitags vom Bürgerauto abholen. Sie ist quasi treue Stammkundin. Bevor sie die Spende fürs Kässle (fließt an die Gemeinde) nicht losgeworden ist, steigt die Kusterdingerin nicht ein. „Das ist wunderbar“, lobt sie den zuverlässigen Hol- und Bringservice. Ohne müsste die Gehbehinderte auf vieles verzichten. Jeden Montag zum Beispiel trifft sich die Seniorin im Alten Schulhaus mit 20 Frauen zum Stricken. „Das möchte ich nicht missen“, erzählt sie auf der Fahrt munter, und auch, dass sie „ein Kusterdinger Original“ sei. Beide Elternteile stammten von hier – das Schwätzle im Auto ist ganz offensichtlich mindestens so wichtig, wie pünktlich zum Friseur zu kommen.

Verbindet die Härtendörfer

Nachdem Sauter dafür gesorgt hat, dass Mina Röthenbach im Salon sicher unter die Haube kommt, geht’s weiter nach Wankheim. Auch Elisabeth Schmidt wartet schon vor dem Haus. Die 85-Jährige fährt fast jede Woche mit dem Bürgerauto. An diesem Freitag will sie in Kusterdingen einkaufen. Einen Führerschein hat sie nie gemacht. Früher habe sie alles mit dem Bus erledigt, erzählt die Seniorin. Aber heute, mit Stock und Rollator, sei dies nicht mehr so einfach. Ob man vielleicht zuerst nach Tübingen fahren könne? Bei Zinser habe sie Tischdecken bestellt. Sauter muss die Wankheimerin enttäuschen. Das Bürgerauto pendelt lediglich zwischen den fünf Kusterdinger Teilorten. Es bleibt also bei der für Freitagmorgen „typischen Tour“, wie Sauter sagt: Bäcker, Metzger, Apotheke und zum Schluss der kleine Supermarkt im Ortszentrum. An jedem Haltepunkt heißt es parken, abschnallen, den Gästen aus dem Auto und ins Geschäft helfen. Kein Problem für Michael Sauter. Zumal an diesem Vormittag relativ wenig Fahrten angemeldet sind und daher genügend Zeit für alles bleibt. Die Uhr behält er dennoch im Blick. Mina Röthenbach muss rechtzeitig beim Friseur abgeholt werden.

Fakten zum kostenlosen Fahrservice

Bürgerautos und -busse gibt es seit rund 30 Jahren in Baden-Württemberg. Entstanden ist die Idee im Zweiten Weltkrieg in England. Über die Niederlande und Norddeutschland kam das Modell in den Süden der Republik.

Die rund 8500 Kusterdinger können den Service Montag bis Donnerstag zwischen 8 und 18 Uhr nutzen, ebenso Freitagvormittag. Die Zentrale, bei der die Fahrt mindestens einen Werktag vorher angemeldet werden muss, ist unter 07 071 / 3 65 91 86 zu erreichen.

2015 gab die Gemeinde rund 13000 Euro für das Bürgerauto aus, 2016 rund 15000.

Infos: www.kusterdingen.de oder über E-Mail seniorenarbeit.@kusterdingen.de.

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02.12.2016, 01:00 Uhr

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