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Viel Ehre für hoch verdiente und gut verdienende Persönlichkeiten: Ein kleiner Streifzug durch die Geschichte der Tübinger Ehrendoktoren

Mit dem Teufel in einer Reihe

Wladimir Solowjew (1853 bis 1900), von Johannes Paul II. als einer der größten russischen Philosophen des 19. Jahrhunderts bezeichnet, sagte in seinem bekanntesten – und soeben von Benedikt XVI. zu neuen Ehren erweckten – Werk auf das Jahr genau voraus, wann dem Antichristen in Tübingen ein Ehrendoktor verliehen werde.

20.04.2011
  • Hans-Joachim Lang

Mit dem Antichristen ist niemand anderes gemeint als der leibhaftige Teufel, und wie noch gut erinnerlich, sind es erst fünf Monate her, dass ein leibhaftiger Teufel zum Ehrendoktor der Katholischen Theologie ernannt wurde. Da sich diese Ehrung aber 70 Jahre vor dem angekündigten Termin zutrug, Erwin Teufel nur Ministerpräsident von Baden-Württemberg war und nicht Kaiser der Welt, lässt sie sich als prophetische Unschärfe deuten. Oder auch nicht. Anno 2077 jedenfalls werden die, die es erleben, Genaueres wissen.

Die Praxis, weit bekannte, hoch verdiente oder gut verdienende Menschen mit der Würde eines Ehrendoktors auszuzeichnen, bürgerte sich im frühen 19. Jahrhundert ein. Sie entstand aus dem Neben-, vielleicht auch Durcheinander von Promotion mit Rigorosum und Promotion „in absentia“ („in Abwesenheit“). Der Jenenser Historiker Ulrich Rasche nennt den Doctor h.c. „die extremste Variante der Promotion in Abwesenheit“. Und er belegt Klagen schon aus dem letzten Viertel des 19. Jahrhunderts, wonach „unendlich große Worte von der Würde der Wissenschaft“ gemacht würden, es aber nicht unter der Würde gehalten werde, „Dissertationen und Abhandlungen für gutes Geld an den Mann zu bringen“.

Alle zwei Jahre

Die erste Ehrenpromotion, die in einem Verzeichnis des Tübinger Universitätsarchivs aufgeführt ist, betrieb die Evangelisch-Theologischen Fakultät bereits 1751 für ihr Mitglied Prof. Israel Gottlieb Canz – dahingestellt, dass das Verfahren absolut nicht mit dem heutigen vergleichbar ist. Im 19. Jahrhundert kamen in dieser Fakultät im Durchschnitt alle zwei Jahre mehr oder weniger bekannte Protestanten – darunter auch Gustav Schwab – zu Ehren, im vorigen Jahrhundert ging die Anzahl über das Doppelte hinaus.

Die Juristen und Staatswissenschaftler beschränkten sich im 19. Jahrhundert auf 16 Ehrenpromotionen, die Mediziner auf acht und die Philosophische Fakultät beginnt die Zählung allem Anschein nach gar erst im September 1901 mit dem Schriftsteller Wilhelm Raabe.

Die bis kommenden März in Stuttgart gezeigte Landesausstellung über ägyptische Mumien fußt auf einer Sammlung des Fabrikanten Ernst von Sieglin. Dass er armenische Handschriften und andere kostbare Reisemitbringsel der Tübinger Universität vermachte, trug ihm 1906 den Ehrendoktor ein. Als 1903 ein begüterter Hamburger „von gediegener Bildung“ anonym bei den Naturwissenschaftern anfragen ließ, ob eine mit größerer Geldzuweisung eingerichtete Stiftung „als ein besonderes Verdienst um die Wissenschaft angesehen wird, für das (...) der Titel eines Dr. phil. honoris causa verliehen werden kann“, verneinte die Fakultät. Intern war man gespalten. Prof. Gustav Hüfner charakterisierte den avisierten Handel als „echt jüdisch“ und plädierte für Zurückweisung, andere ließen die damaligen Tarife durchblicken. „Wenn der Mann unserer Fakultät etwa 30000 – 50000 Mark für Reisestipendien zur Verfügung stellen würde, so wäre darin wohl eine Förderung der Wissenschaft zu erblicken“, argumentierte Prof. Rudolf Weinland und Prof. Friedrich Paschen schrieb: „Auch mir erscheint eine namhafte Stiftung für wissenschaftliche Zwecke eine genügende Förderung der Wissenschaft, sodaß man daraufhin den Doctor honoris causa geben könnte.“

Großzügig und nutzbringend

In den folgenden Jahren nahm das Ehrentitel-Geschäft spürbar zu, weshalb die inflationäre Vergabe öffentlich kritisiert wurde, auch in der „Tübinger Chronik“. Vor allem die Wirtschaftswissenschaftler ehrten großzügig und nutzbringend. „Wirksame Unterstützung der Begründung eines akademischen Sportplatzes“, liest man beispielsweise in den 1920er Jahren in einer Begründung, oder „große Verdienste (...) um den Ausbau des wirtschaftswissenschaftlichen Studiums an der Universität Tübingen“.

Ehrendoktorinnen sind die große Ausnahme. Die erste Frau, die in Tübingen den Ehrentitel empfangen durfte, war die Schriftstellerin Isolde Kurz (1913). Zehn Jahre später folgte, und das klingt geradezu sensationell, Frauenrechtlerin Helene Lange „in Ehrung ihrer Verdienste als Vorkämpferin für die Eingliederung der Frau in die Volkswirtschaft“.

Neben der Drittmittel-Beschaffung für die geldknappen Unis dienten die Ehrengaben auch dem Zweck, das eigene Renommee durch prominente Namen zu heben. Glanz borgten Politiker wie Otto von Bismarck (1885) und Eugen Bolz (1928) bei den Wirtschaftswissenschaftlern, Gebhard Müller (1978) und Prinz Hassan von Jordanien (2002) bei den katholischen Theologen, Georg Leber (1981) und Hans Maier (1982) bei den Juristen, Carlo Schmid (1977) bei den Sozial- und Verhaltenswissenschaftlern.

Zurückhaltend mit Ehrendoktoraten waren die Nationalsozialisten, sie vergaben knapp ein Dutzend. Und wenn es nicht täuscht, wurde der Wissenschaftler mit den schlimmsten NS-Verfehlungen erst 20 Jahre nach dem Dritten Reich geehrt, Prof. Hans Nachtsheim (1965), der an Menschenversuchen an Epilepsie-Kranken und KZ-Häftlingen beteiligt war – und an der terminologischen Tradition festhielt.

Offenes Kapitel

Mit der Ehrenpromotion des Nobelpreisträgers Hans Bethe (1978), den die Tübinger Uni 1933 vertrieben hatte, versuchten die Physiker auch Unrecht gutzumachen. Nobelpreisträger Adolf Butenandt wurde in Tübingen gleich zwei Mal Ehrendoktor, 1949 und 1956. Die Mediziner ehrten in Erwin Guido Kolbenheyer (1927) einen (damals gerade noch) nationalistischen Schriftsteller und in Jacques Rogge (2006) einen IOC-Präsidenten, die Katholischen Theologen in Otto Hajek (1978) einen Bildhauer, die Wirtschaftswissenschaftler in Georg Dehio (1925) einen Kunsthistoriker, die Mathematiker in Ferdinand von Zeppelin (1908) einen Flugpionier. Die Ehrendoktoren gehören zu einem noch offenen Kapitel der Wissenschaftsgeschichte.

Mit dem Teufel in einer Reihe
Jacques Rogge

Mit dem Teufel in einer Reihe
Ludwig Uhland

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20.04.2011, 12:00 Uhr

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