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Mit dem Wolfsrudel in die Klasse
"Botschafter" ebnen dem Raubtier den Weg - Brüder des Merklinger Rüden auf Abschussliste

Mit dem Wolfsrudel in die Klasse

In Deutschland gibt es mehrere hundert Wölfe. Und 500 Wolfsbotschafter des Nabu, die über das Raubtier informieren und "den Leuten die Angst ein bisschen nehmen", wie Martin Herre aus Gerhausen sagt.

05.04.2016
  • JOACHIM STRIEBEL

Blaubeuren. Die Erzählungen vom Wolf, der über die Schwäbische Alb streift, sind keine Märchen. Das steht fest, seit im November an der Autobahn bei Merklingen ein überfahrener Wolfsrüde gefunden wurde. Vielleicht nicht unbedingt dort auf der Schwäbischen Alb, aber sicherlich irgendwo in Baden-Württemberg streifen Wölfe umher, meint Martin Herre aus Blaubeuren-Gerhausen im Alb-Donau-Kreis. Er ist einer von bundesweit 500 Wolfsbotschaftern des Naturschutzbunds (Nabu).

Der tote Wolf von Merklingen war der zweite klare Nachweis in Baden-Württemberg nach der Ausrottung vor 150 Jahren. Im Juni 2015 war auf der A 5 bei Lahr ebenfalls ein Wolf überfahren worden. Die beiden waren Brüder und gehörten zum Calanda-Rudel aus dem Grenzgebiet der Kantone Graubünden und Sankt Gallen in der Schweiz.

"Wir müssen uns arrangieren, mit den Tieren zu leben", sagt Martin Herre, der sich schon länger der Sache angenommen hat. Im jahr 2000 hörte er vom ersten Auftauchen eines Wolfs in Deutschland. "Das interessierte mich", sagt der 55-Jährige, der jahrelang einen Hund hatte und vom Sozialverhalten des Wolfes begeistert ist. Nach Schulungen beim Nabu wurde Herre, der als Lehrer in Ulm arbeitet, 2012 ehrenamtlicher Wolfsbotschafter.

Wenn er in Schulklassen geht, hat er ein ganzes Wolfsrudel dabei: Vater, Mutter und drei Welpen. In Lebensgröße. Allerdings in Pappe. Zudem die Nachbildung eines Schädels und ein Fellstück aus einer ehemaligen Pelzjacke. "Das kommt an", berichtet Herre. In der Natur-AG der Schule mit Schülerinnen von 10 bis 16 Jahren sei der Wolf zum beliebten Thema geworden.

Auch Andrea Klemer, Wolfsbotschafterin aus Münsingen, gibt ihr Wissen gerne an Kinder weiter. Wenn sie die beeindruckend großen Papp-Wölfe sehen oder das Geheul eines Wolfes vom Band hören, sei "schon ein gewisses Kribbeln dabei", hat die Mutter von drei Kindern festgestellt. "Durch Wissensvermittlung die Angst nehmen", lautet das Ziel ihrer Arbeit. Kindern müsse erklärt werden, "dass bei richtigem Verhalten keine Gefahr von Wölfen ausgeht und Menschen nicht auf dem Speiseplan des Wolfes stehen". Es gehöre auch eine Lektion dazu, wie ein Wolf verscheucht werden kann für den wohl eher selten zu erwartenden Fall, dass Kinder überhaupt je einen der scheuen Wölfe zu Gesicht bekommen.

Andrea Klemer (45) will jetzt auch mehr auf Erwachsene zugehen. Zum jetzigen Zeitpunkt, eben vor der möglichen Wiederbesiedlung der Alb durch Wölfe, könne man noch "in Ruhe, präventiv und sachorientiert informieren", sagt sie. Zu ihren Zielgruppen gehören auch Reiter, Pferdezüchter und Pferdehalter, die sich um ihre auf den Koppeln grasenden Tiere sorgen, oder auch Jäger. Andrea Klemer ist Pferdetrainerin und kommt aus einer Jägerfamilie. Ihr Argument gegen die Ängste der Jäger: In Wolfsgebieten sind die Jagdstrecken, also die Zahl der von Jägern erlegten Tiere, nicht kleiner geworden. Und für Wildschweine, deren Bestand stellenweise recht hoch ist, wäre der Wolf "der richtige Jäger", sagt Andrea Klemer.

Der Wolf ist freilich kein Streicheltier. Er ist ein Wildtier, das Begegnungen mit dem Menschen vermeidet. Sollte es doch zu einem Aufeinandertreffen mit dem Wolf kommen, rät der Nabu in seinem Leitfaden: "Nicht weglaufen, stehen bleiben. Man kann einen Wolf vertreiben, indem man ihn laut anspricht, in die Hände klatscht und mit den Armen winkt. Sich langsam zurückziehen." Hunde sind nach der Empfehlung des Nabu in Wolfsgebieten grundsätzlich beim Menschen zu halten.

Die Schwäbische Alb zählt noch nicht als Wolfsgebiet. Ob sich dort ein Rudel halten könnte, ist fraglich. Am ehesten wohl auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz Münsingen und im Biosphärengebiet drumherum. "Vor allem für die Schäfer würde dies eine Umstellung und einen Mehraufwand bedeuten", sagt Andrea Klemer, die am Rande des ehemaligen Truppenübungsplatzes lebt. Sie begrüßt, dass der Landesschaftzuchtverband und der Nabu Baden-Württemberg gemeinsam das Projekt "Herdenschutz in der Praxis" gestartet haben. Eine wichtige Rolle spielen Herdenschutzhunde, die mit Schafen aufwachsen und im Ernstfall diese gegen den Wolf verteidigen sollen. Andrea Klemer hat solche Hunde schon erlebt. "Die sind schon allein von ihrer Größe und Statur her Respekt einflößend."

Der tote Wolf, der an der Autobahn bei Merklingen gefunden wurde, hat sich nach einer Untersuchung des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin vor allem von Rehwild ernährt. Im Magen fanden sich keine Überreste von Nutztieren wie Schafen. Der Wolf war auf der Alb unbemerkt unterwegs, und das wohl über längere Zeit, stellt Dr. Micha Herdtfelder von der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg in Freiburg fest.

Brüder der bei Merklingen und Lahr gefundenen Wölfe im Calanda-Gebiet in der Schweiz üben offenbar weniger Zurückhaltung. "Sie zeigen sich in Siedlungen, was man dort für kritisch hält", sagt Micha Herdtfelder. Zwei junge Rüden sind zum Abschuss freigegeben worden. Laut Zeitungsberichten haben sich Wölfe bis an Stalltore, Freilaufgehege oder Gebäude gewagt und sich nur noch widerwillig vertreiben lassen. Ralph Manz von dem für das Wolfs-Monitoring in der Schweiz zuständigen Verein "Kora" möchte die von den Kantonen Graubünden und St. Gallen verfügten und von Naturschützern heftig kritisierten Abschussgenehmigungen nicht in Kurzform kommentieren. Die Sache müsse sehr differenziert betrachtet werden, sagt der Wolfsexperte. Feststellen konnte er kurz vor Ostern eines: Bislang ist keiner der beiden Jungwölfe erlegt worden. Die Abschusserlaubnis gilt nur noch bis zum 31. März. Zwei andere Wölfe wurden in der Schweiz illegal von Unbekannten erlegt.

Eine dauerhafte Gefahr bedeutet für den Wolf der Verkehr. Wie Ralph Manz berichtet, sind in der Schweiz zwei einjährige Wölfe von Zügen überfahren worden. Wolfsbotschafter Martin Herre aus Gerhausen meint, dass in Baden-Württemberg der Straßenverkehr das größte Hindernis darstellt. Der Wolf brauche nicht unbedingt große Waldgebiete. "Er kann in jeder Landschaft überleben." Auch die Akzeptanz dürfte wohl vorhanden sein - mit ein Verdienst der Wolfsbotschafter. An Menschen, die sich ehrenamtlich für den Wolf einsetzen, fehlt es dem Nabu nicht: Für Wolfsbotschafter gilt bereits ein Aufnahmestopp.

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05.04.2016, 06:00 Uhr

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