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MC Fitti im Ribingurumu

Mit den Homies mal in Tübingen cornern

Wenn ein Rapper auf Lesereise geht, tritt er anders auf als klassischen Autoren. 190 Zuhörer erlebten am Dienstag im Ribingurumu, wie MC Fitti seinen Erstling „Aus meinem Auspuff kommt Konfetti“ präsentierte.

16.10.2014
  • Michael Sturm

Tübingen. Der erste Eindruck einer Stadt kann prägend sein. Rapper MC Fitti sitzt offenbar schon eine Weile am Fenster mit Blick auf die Tübinger Mühlstraße: „Hier kannste ’ne Strichliste machen – lauter Autos mit Hagelschäden.“ Ein Satz, hinter dem die Frage steckt: Und wie sind die Leute hier so drauf?

Dann reicht er die Hand und entschuldigt sich, dass das Telefon-Interview zuvor länger gedauert hat. Freundlich, angenehm, ganz anders als viele andere Rapper, die oft den harten Proll raushängen lassen. Dabei ist er mittlerweile eine Medienikone mit seiner Schildkappe und der verspiegelten Sonnenbrille, die er erstmal nur für das Foto aufsetzt, sowie dem langen Bart mit kunstvoll gezwirbelten Spitzen: „Bartwichse“, verrät er, „sonst kannste nix essen und nix trinken.“ Noch ein Markenzeichen – er grinst meist fröhlich hinter seinem Gesichtsschmuck hervor: „Ich bin halt grundhappy. Nur bei Hagel gehen meine Mundwinkel runter.“ Spiel, Satz und Sieg MC Fitti.

Mit dem Showbusiness hatte der gelernte Elektriker schon einige Jahre als Kulissenbauer beim Film zu tun. Unter anderem gestaltete er den Hintergrund für den Oscar-prämierten Streifen „Das Leben der Anderen“. Mittlerweile steht er selbst vor der Kamera. Eher zufällig, sagt MC Fitti: „Ich wollte eine Kunstausstellung mit meinen Sachen machen – Graffiti, Sticker, ein bisschen Malerei und vor allem Videokunst.“ Dazu könnte doch eine CD passen, dachte er sich, der damals schon bärtige und schildbekappte Künstler. Rappen oder gar singen konnte er zwar nicht, sagt er, aber in seinem Kumpel Udo Zwackel hatte er einen Produzenten, der für guten Klang sorgte.

Eins der Stücke, die da entstanden, hieß „30 Grad“, ein Rap, der auf ziemlich krummen Reimen daherkommt. Für das selbst gedrehte Video setzte er erstmals die verspiegelte Sonnenbrille auf. „30 Grad“ schlug ein wie ein Pop-Sommerhit. „Dann ging’s ab.“ Erste Konzerte mit sieben Liedern. Tourmanager Raoul bediente den Laptop mit den Songs. „Wir haben eine Stunde gespielt und manches doppelt gebracht.“ Heute ist MC Fitti eine im Privatfernsehen begehrte Marke. Er hat Erfolg damit, sich als Type aus dem Neuköllner Kiez zu präsentieren, mit all dem Lebensgefühl, das damit verbunden ist. Dass die ersten 120 Karten für den Abend innerhalb von zwölf Minuten weg waren, überrascht ihn: „Beim Konzert wissen die Leute, was sie bekommen. Hier nicht.“

Was wird im Ribiringumu geboten sein? „Heute Abend werden wir cornern“, kündigt er an. Cornern heißt, an der Ecke stehen, abhängen mit den Homies, den Kumpels aus dem Kiez. Mal schauen, wer vorbeikommt und was anschließend noch so alles passiert. Vielleicht weiß einer etwas von einer Party, ein anderer von einer Ausstellung.

Um das ganz normale Leben an seiner Lieblingsecke am Ostkreuz, mit dem „Späti“, dem Kiosk in dem man nachts noch alles Mögliche bekommt, geht es in seinem Buch „Aus meinem Auspuff kommt Konfetti“. Das sei interaktiv, sagt MC Fitti. Die Zuschauer können sich eine Seitenzahl wünschen. Sagen wir mal 96. Da wird der Beginn einer Party beschrieben. Wer wissen will, wie das Büffet aussah, wird auf Seite 102 verwiesen. Auf diese Weise springen die Leser von Seite zu Seite. So eine Art der Lesung habe vorher noch nie jemand gemacht.

Halb neun abends. Im bestuhlten Ribiringumu sitzen hauptsächlich ältere Schüler und junge Studenten. Kevin Tiedgen vom studentischen Verein Querfeldein, dem Veranstalter, kündigt die Gäste an. Die kämen von einer Konfetti-Farm am Berliner Ostkreuz mit einem Sack voll Hashtags auf Selfies schießenden Einhörnern herein geritten. Sehr poetisch.

Ein großes Hallo für MC Fitti, der Katzenmaske und MC Izzo, seine Homies aus Neukölln, dabei hat. Katzenmaske fungiert als Moderator und Vorleser. Richtig, soll ja eine Lesung sein. Die zweite nach der Premiere bei der Frankfurter Buchmesse am Wochenende. Sollte man nicht vergessen. „Hallo Tübingen! Woher kennt ihr MC Fitti?“, fragt Katzenmaske. „Prominent!“, ruft eine Mädchenstimme.

Dann beginnt das Zwischending aus Lesen und Cornern. Und zwar „übelst“. MC Fitti fragt: „Wo cornert man in Tübingen?“ Männliche Stimme von hinten: „Rewe!“ Die drei cornern weiter. Katzenmaske unternimmt ab und an Anläufe, die in eine klassische Art der Lesung tendieren, wird aber immer wieder unterbrochen, weil man mal einen „Pfeffi“, Pfefferminzlikör, kippen muss. Eine halblebige Buchverlosung, ein Song, dann wieder Durcheinander-Gebrabbel der drei vorne. Eine entgeisterte Mädchenstimme fragt leise: „Sind die stoned?“ In der Ecke, wo sie saß, werden immer mehr Plätze frei. Das Publikum insgesamt wird immer unruhiger. Eine Stunde Chaos. Danach ist es schön, richtig schön, draußen auf der Mühlstraße zu sein. Michael Sturm

Mit den Homies mal in Tübingen cornern
Kennt von Tübingen hauptsächlich den Blick auf die Mühlstraße: Rapper MC Fitti. Bild: Metz

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16.10.2014, 12:00 Uhr

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