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Roman

Mit der Kamera auf Spurensuche

„Ein schönes Paar“ von Gert Loschütz ist auch ein brillanter deutsch-deutscher Politthriller.

02.03.2018

Von ERIK LIM

Ulm. Mittlerweile ist es 13 Jahre her, dass der 1946 im sachsen-anhaltinischen Genthin geborene Schriftsteller Gert Loschütz mit „Dunkle Gesellschaft“ auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises stand. In diesen 13 Jahren hat er lediglich drei Bücher veröffentlicht. Möglicherweise hat er lange am nun erschienenen Roman „Ein schönes Paar“ gearbeitet, in dem er den Fotografen Philipp Karst auf eine intensive Erinnerungs- und Recherchereise schickt.

Zentrum dieser Erkundungen sind Karsts Eltern. Eingeleitet werden Philipps Aktivitäten durch den Tod des Vaters und, einen Monat später, den der Mutter. Die Eltern haben getrennt gelebt, er in einem Haus, sie in einem Heim. Beim Ausräumen des Hauses seines Vaters entdeckt er eine Kamera, die eine sehr besondere Geschichte hat.

Loschütz erzählt in großartigen Passagen, nicht linear, sondern durchbrochen von vielen den Kern des Buches ergänzenden Episoden. Mit traumwandlerischer Sicherheit und in einem gänzlich unverbrauchten Ton schreibt Loschütz vom Kennenlernen der Beiden im Jahr 1939, von ersten Treffen, ersten Küssen. Georg war Soldat, Herta wollte in die Modebranche. Doch vieles kam anders.

Der junge Philipp wächst in einer Atmosphäre der Überwachung und Nervosität auf, es sind die 50er-Jahre in Ostdeutschland. Sein Vater hat eine gute Position in einem Stahlwerk, wo er gedrängt wird, sich mehr in der Partei zu engagieren. Herta hat Angst, weil er oft spät nachts nach Hause kommt, sie fürchtet um ihren Mann. Der kann sich dem Beharren der Bosse noch widersetzen, schützt eine Krankheit vor, um für ein paar Tage zu einem Freund in den Westen zu reisen.

Diese Reise wird zu seinem Verhängnis, ein folgenschwerer Brief aus Bonn erzwingt seine Flucht. Die beklemmende Stimmung, die dieser Brief auslöst, das junge Paar, das kurz vor der Panik steht – Loschütz macht daraus einen brillanten Mini-Politthriller, bei dessen Lektüre dem Leser der Atem stockt.

Herta will bald folgen. Doch was nimmt man mit, was muss man zurücklassen? Was macht man mit den wertlosen Ostmark? Man könnte etwas kaufen, das auch im Westen einen Wert hat, vielleicht eine Kamera . . .

Philipp, der Sohn, will das Leben seiner Eltern verstehen, sucht die Orte auf, in denen sie gelebt haben, radelt die Fluchtstrecke seines Vaters nach, illusioniert mit dem professionellen Blick des Fotografen Szenen ihrer Ehe. Die erleidet dann einen harten Bruch?– für den Sohn ist das ein traumatisches Erlebnis, für die Eltern der Anlass, sich zu trennen. Fortan leben Vater und Sohn zusammen, von seiner Mutter wird Philipp lange Zeit nichts erfahren.

Es ist gut möglich, dass Gert Loschütz in diesem Buch das Leben seiner eigenen Eltern kunstvoll nacherzählt hat, Jahreszahlen und geografische Fakten lassen diesen Schluss zu. Wie auch immer, „Ein schönes Paar“ ist ein reiches, ein originelles und ein absolut überzeugendes Buch, das es wieder auf die Shortlist schaffen kann. Erik Lim

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Erstellt:
2. März 2018, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
2. März 2018, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 2. März 2018, 06:00 Uhr

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