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Keine Angst vorm Spenderausweis

Mit der „Neckar-Bodensee-Tour“ wollen das Tübinger Universitätsklinikum und der Verein „Niere“ übers Organspenden informieren

Für Organspenden werben: Das ist das Ziel der „Neckar-Bodensee-Tour“. Am Samstag machten sich 90 Radler in Tübingen auf den Weg.

14.06.2015
  • Tobias Rieger

Kreis Tübingen. „Lebensqualität“ war das Thema, das am vergangenen Freitagabend rund 90 Menschen ins Tübinger Universitätsklinikum lockte. Sie alle wollten am Tag darauf per Rad zum Bodensee fahren. Neben der Begeisterung für den Radsport verbindet die 90 Menschen jedoch noch etwas anderes. „Organspende“ haben sich die Radfahrer auf ihre Trikots geschrieben. Unter ihnen sind Menschen, die auf ein Organ warten oder schon eines bekommen haben, es sind Angehörige, Klinikpersonal, Ärzte und Unterstützer.

Sie haben es sich zur Aufgabe gemacht, die Öffentlichkeit über Organtransplantationen zu informieren – und das von Tübingen bis Meersburg. Es sei wichtig, den Menschen klar zu machen, wie viel Lebensqualität nach einer Organtransplantation möglich sei, sagte Oberbürgermeister Boris Palmer bei der Eröffnung am Freitagabend im Tübinger Klinikum. Auch müsse die Bevölkerung über den Mangel an Organspendern aufgeklärt werden, so Palmer weiter. Es gäbe noch viel Arbeit. Deutschland sei zwar auf gutem Wege, nehme aber noch keine Spitzenstellung ein.

„Die Neckar-Bodensee-Tour ist vor allem ein Instrument der Öffentlichkeitsarbeit und eine authentische Informationsquelle für Organtransplantation“, würdigte Andres Vogt die Aktion, der Leiter der Techniker Krankenkasse in Baden-Württemberg. Die Krankenkasse und die Sparkasse Tübingen, vertreten durch Vorstand Hans Lamparter, der extra mit dem Fahrrad angereist war, sind die Hauptsponsoren der Neckar-Bodensee-Tour für Organspende und Transplantation.

Veranstaltet wird sie vom Universitätsklinikum Tübingen und dem Verein „Niere Baden-Württemberg“ schon zum neunten Mal. „Wir haben eine Botschaft zu verbreiten und dazu werden wir auf der Radtour an verschiedenen Stationen der Bevölkerung den Mangel an Spendern klar machen“, erzählt Klaus Zinnecker, Vorstand des „Niere“-Vereins und Mitbegründer der Radtour.

Das Klinikum in Tübingen ist das einzige Zentrum in Deutschland, an dem alle Bauchorgane transplantiert werden können. Prof. Alfred Königsrainer, einer der erfahrensten Transplantationsmediziner, informierte über die medizinischen Fortschritte von Transplantationen. Komplikationen bei Operationen lägen bei unter fünf Prozent und die Abstoßung von Organen zwischen zwei bis drei Prozent, so Königsrainer.

Allerdings sei die Wartezeit auf eine Niere katastrophal lang. Durchschnittlich warte ein Patient über sechs Jahre auf eine neue Niere. Natürlich gebe es strenge Spenderauflagen, so müssten die Blutgruppe ebenso stimmen wie die HLA-Kompatibilität und die Dringlichkeit der Operation.

Derzeit gebe es eine Ablehnungsquote von 49 Prozent. Man könne bei einem gesunden Menschen, der sich freiwillig auf einen Operationstisch begebe, eben kein Risiko eingehen, wurde das begründet. Dennoch gebe es noch eine Menge Ängste und Vorurteile in der Bevölkerung.

So würden Nierenspender weder unter einer erhöhten Sterblichkeit noch unter einem erhöhten Risiko für Nierenversagen leiden. So gut wie alle Krankheiten würden stets beide Nieren befallen, allenfalls bei einem Autounfall könne eine fehlende Niere zum Problem werden.

Lebertransplantationen werden durch die sogenannte Meld-Score (Model for End-stage Liver Diesease) geregelt. Diese setzt sich aus der Dringlichkeit und Erfolgsaussicht einer Transplantation zusammen. Für Königsrainer ist das ein ziemlicher Widerspruch. Denn gerade jene, welche am dringlichsten eine Leber benötigten, hätten meist geringere Erfolgsaussichten. Zudem seien die Überlebenschancen eines Patienten umso geringer, je länger er auf eine neue Leber warten müsse und sich in der Dialyse befinde. Dennoch gelange er mit einem geringeren Meld-Score kaum in die Auswahl für eine neue Leber.

Aufklärungsbedarf sieht Peter Petersen aber auch in Kliniken und bei Ärzten. Der leitende Transplantationsbeauftragte des Universitätsklinikums Tübingen betonte, dass es laut Umfragen genug bereitwillige Spender in Deutschland gebe. Oft werde aber bei Menschen, bei denen der Hirntod diagnostiziert wurde, nicht überprüft, ob ein Spenderausweis vorliegt oder ob etwaige Angehörige ihr Einverständnis für eine Entnahme geben würden.

Petersen hat durchaus Verständnis für Ärzte, die sich schwer tun, Angehörigen den Tod eines Patienten mitzuteilen und dann gleich nach der Möglichkeit einer Organentnahme zu fragen. All diese Themen möchte man mit der Radtour angehen. Aber man möchte auch sichtbar machen, wie erfolgreich Organtransplantationen sein können. So fällt das Stichwort Lebensqualität des Öfteren. Denn die wieder gewonnene Lebensqualität durch eine Transplantation steht insbesondere im Vordergrund. Die rund 90 Teilnehmer sind aus ganz Baden-Württemberg angereist.

In Meersburg wird sie der Europaminister Peter Friedrich in Empfang nehmen. 90 Radfahrer auf eine insgesamt rund 150 km lange Strecke zu schicken ist jedoch auch ein logistischer Aufwand. So fährt Petersen in einem Begleitwagen mit und koordiniert mit den Radfahrern über Funk den Streckenverlauf. Außerdem wurde die Strecke im Vorfeld abgefahren. Schließlich soll auch jede/r wieder heil in Tübingen ankommen. Immerhin sind im Notfall zahlreiche Ärzte unter den Radfahrern dabei.

Mit der „Neckar-Bodensee-Tour“ wollen das Tübinger Universitätsklinikum und der Verein
Am Samstagmorgen startete der Radlerpulk von Tübingen aus zum Bodensee. Mit dabei sind Mediziner, Angehörige und Menschen, die auf ein Organ warten oder schon eines bekommen haben.Bild: UKT

Die Neckar-Bodensee-Tour verlief dieses Jahr in zwei Tagesetappen. Los ging es am Samstagmorgen beim Universitätsklinikum Tübingen. Die rund 70 Kilometer lange Route führte dann über Mössingen, Hechingen, Hausen, und Albstadt-Ebingen bis Frohnstetten. Am Sonntag führte die auf gut 80 km veranschlagte zweite Etappe weiter nach Dietfurt, Meßkirch, Sauldorf, Herdwangen und Überlingen bis zum Ziel in Meersburg.

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14.06.2015, 12:00 Uhr

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