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Burkhardt + Weber wurde zum Vorreiter

Mit einer Flinte fing alles an

Von Fischer über Bobenhausen zu Riello und Romi: Seit 30 Jahren haben sich wechselnde Konzerne und Investoren Burkhardt + Weber einverleibt und hunderte Jobs gestrichen. Zuvor war der Reutlinger Maschinenbauer führend in der Automatisierungsbranche.

15.09.2012
  • Matthias Reichert

Reutlingen. Mit einer Stockflinte fing es 1888 an. Die brachte Louis Burkhardt, ein Mann von den Mauserwerken in Oberndorf, in das neue Reutlinger Unternehmen ein. Burkhardts Partner bei der Firmengründung war sein Freund Johannes Weber, ein Bauernsohn aus Oberschwaben, der bei Escher-Wyss in Ravensburg gelernt hatte und bei den Gebrüdern Sulzer in Winterthur groß geworden war. Auch in Frankreich hatte Weber in seinen Wanderjahren schon eine Textilmaschinenfirma geleitet.

Zu Beginn fertigte die neue Reutlinger Maschinenbaufirma Flinten und eine so genannte Überwendlingsnähmaschine für Trikotagen, die Johannes Weber konstruiert hatte. Weiter stellte B+W damals kleinere Werkzeugmaschinen wie Oszilliersägen und diverse Textilmaschinen her. Gründungssitz der Firma war unmittelbar an der Echaz, am Stadtgraben, wo damals noch Gerber und Färber saßen und wo heute das alte Feuerwehrmagazin steht.

Burkhardt kränkelte bald und schied schon nach sechs Jahren wieder aus der Firma aus. Weber brachte den kleinen Betrieb aber auch alleine hoch. „Johannes Weber, wenn Sie eine kaufmännische Ader hätten, wären Sie einer unserer Größten“, soll ihm Robert Bosch einmal gesagt haben. Johannes Weber war ein schnauzbärtiger Mann mit rundem Kopf und Zwicker auf der Nase. 32 Jahre lang fungierte er als der unumschränkte Chef. Seine Firma stand später an der Wörthstraße, ehe 1907 im Nordwesten der Stadt die große Fabrikanlage mit Shedhallen errichtet wurden, die im Zweiten Weltkrieg zwar ausgebombt wurde, aber dennoch bis heute noch das Fundament des Reutlinger Traditionsbetriebes bildet.

Sein Sohn Louis war nach Johannes Webers Tod 1920 noch länger am Ruder: 42 Jahre lang. Er wurde 1888 geboren, lernte vor dem Ersten Weltkrieg vier Jahre in den USA und erwarb dort sein Knowhow. Er verlagerte die Produktion auf Sondermaschinen und übernahm früh das „Baukastenprinzip“, nach dem verschiedene Sondermaschinen aus genormten Grundelementen aufgebaut werden konnten.

Louis Weber prägte einen Spruch, der zur Firmenphilosophie wurde: „Vielspindlig denken.“ Er meinte damit das vielspindlige Spiel der Bohrer an einem Werkstück, die Bearbeitung mit einer größeren Anzahl von Werkzeugen gleichzeitig, in späteren Jahren von bis zu fünf Seiten auf einen Streich und mit einer einzigen Maschine.

Im Reutlinger Industriemagazin steht von B+W auch die weltweit erste numerisch gesteuerte Bearbeitungseinheit von 1959, die Motorblöcke in einem Stück fabrizierte. Diese Maschine konnte ihre 36 Werkzeuge vollautomatisch wechseln (Bild oben). Schon 1951 wurden bei Burkhardt+Weber in Reutlingen vollautomatische Transferstraßen produziert – die ersten bundesweit.

Das Reutlinger Unternehmen wurde zum Vorreiter in der Automatisierungstechnik, der unbemannten Fertigung. Doch beim Maschinenbauer ging es nicht ohne die Belegschaft. Fünf Beschäftigte waren es im Krisenjahr 1932 gewesen, 871 arbeiteten im hundertsten Jahr des Bestehens bei B+W. Es folgte der lange Niedergang mit diversen Übernahmen, bis sich die Belegschaft wieder bei gut 200 einpendelte (siehe Kasten).

Mit einer Flinte fing alles an

Mit einer Flinte fing alles an
Die Universalbedienungseinheit MT3 aus dem Jahr 1959 von B+W im Industriemagazin. Am heutigen Samstag ist die Schau im Rahmen der Reutlinger Kulturmeile an der Echaz von 14 bis 17 Uhr geöffnet. Für 15 Uhr ist eine Führung angesetzt.Archivbild: Haas

Der lange Niedergang einer Traditionsfirma: 1982 stieg der Schweizer Georg-Fischer-Konzern bei B+W ein und baute 150 Arbeitsplätze ab. In der Krise von 1993 wollte Fischer das Unternehmen mit damals über 700 Beschäftigten schließen. Tausende demonstrierten in Reutlingen. Gewerkschafter fuhren mit Bussen zur Fischer-Zentrale in Schaffhausen. Das Aus verhinderte durch seinen Einstieg der Hannoveraner Investor Frank Bobenhausen. Doch er wollte bloß 200 Leute übernehmen. Die „Furche“, die er durch B+W ziehen wollte, wurde zum geflügelten Wort.

Letztlich blieben 250, weitere 330 rettete die neue Beschäftigungsgesellschaft Mypegasus mit Ex-B+W-Betriebsrat Reiner Schwille als Geschäftsführer. Bobenhausen kaufte fröhlich weitere Unternehmen dazu – doch 2001 war Ende der Fahnenstange. Eingekaufte Betriebe gingen Pleite, die Banken drehten den Geldhahn zu. Aus der Insolvenz übernahm der italienische Riello-Konzern B+W. 200 von insgesamt 320 Jobs blieben erhalten.

2012 kriselte es dann bei Riello. In Reutlingen übernahm der brasilianische Metall- und Maschinenbaukonzern Romi mit Hauptsitz in Saõ Paulo. Zuletzt erwirtschafteten 220 B+W-Mitarbeiter in Reutlingen 36 Millionen Euro Umsatz.

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15.09.2012, 12:00 Uhr

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