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Mit Engelszungen

Mit frischer Perspektive endlich auch im Spendhaus

Alice Haarburger glaubte 1941 zunächst nicht daran, dass die Deportation nach Riga den sicheren Tod bedeuten würde. Sie sorgte sich sogar darum, welches Gepäck sie mitnehmen durfte. Doch der Waggon mit den Koffern wurde zwar penibel beladen – aber er blieb in Stuttgart stehen.

18.11.2016
  • Matthias Reichert

Die Künstlerin hatte bereits ein Visum für die Schweiz, wohin ihre Cousine Berta Hess geflüchtet war. Aber sie blieb in Stuttgart – auch, weil sie ihre alte Mutter nicht alleine lassen wollte. Das Schicksal der jüdischen Familie Haarburger samt der lange Jahre versäumten Wiedergutmachung durch das Land Baden-Württemberg für die Firmenenteignung in der NS-Zeit haben der frühere TAGBLATT-Redakteur Bernd Serger und Karin-Anne Böttcher in dem Band „Es gab Juden in Reutlingen“ ausführlich dokumentiert. Im Ausstellungskatalog ist diese Recherche allerdings nicht viel mehr als eine Fußnote.

Der Katalog von Spendhaus-Volontärin Joana Pape zitiert auch den Dußlinger Antiquar Thomas Leon Heck. Der hat vor 25 Jahren das Begleitbuch zur ersten Reutlinger Haarburger-Ausstellung zum 100. Geburtstag verfasst. Bezeichnenderweise hat diese Schau die evangelischen Gesamtkirchengemeinde damals im Matthäus-Alber-Haus organisiert. Heck hat seinerzeit versucht, die Stadt zu einer Ausstellung im Spendhaus zu bewegen – vergeblich, was er noch heute für „moralisch verwerflich“ hält.

Umso mehr freut sich Heck, dass das Museum die Künstlerin nun würdigt. „Die Bilder, die hier gezeigt werden, sind zu 80 Prozent durch meine Hände gegangen“, sagt der Auktionator. „Da sind Meisterwerke darunter.“ Heck findet es „absolut angemessen und mutig“, den Fokus auf Werk und Werdegang Haarburgers zu richten, statt wie 1992 auf ihr Ende.

Das Schicksal der Familie Haarburger in der NS-Zeit ist viel besser dokumentiert als ihre Stuttgarter Jahre, wo die Künstlerin in den 1920er-Jahren zu einer blühenden Szene gehörte und gut vernetzt war. Sie konnte in einer Zeit, in der Frauen nur schwer auf Akademien gelangten, von ihrer Kunst und der väterlichen Firma meist gut leben, weiß Pape. Die Volontärin hat mit der Ausstellung eine Fleißarbeit abgeliefert, gründlich recherchiert und im Katalog sogar ein Werkverzeichnis aller 94 verfügbaren Bilder zusammengestellt. Insgesamt hat Alice Haarburger etwa 150 Gemälde hinterlassen. Bloß ihre Reutlinger Herkunft kommt in der Ausstellung ein bisschen zu kurz.

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18.11.2016, 01:00 Uhr

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