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Vor 125 Jahren eröffnete König Karl die Tübinger Mühlstraße

Mit huldvollen Worten

Endlich hatte die Stadt die lange ersehnte Entlastung von dem, wenn auch noch nicht motorisierten, Verkehrsgedränge in der Altstadt. Der König persönlich eröffnete die Spange zwischen Neckarbrücke und Lustnauer Tor.

27.07.2012
  • Hans-Joachim Lang

Tübingen. „Seine Majestät der König, der für das sogenannte Mühlstraßenprojekt von jeher lebhaftes Interesse bethätigte“, schrieb am 28. Juli 1887 die Tübinger Chronik, „traf gestern mittag 1 Uhr mittelst Sonderzugs zur Besichtigung der heute dem Verkehr übergebenen Mühlstraße ein.“

Die Freude in der Stadt war groß, als das Projekt nach mehrjähriger Bauzeit abgeschlossen war. Allein die Straßenarbeiten hatten sich über zwei Jahre lang hingezogen. Vor diesen Erdbewegungen hatte lediglich eine tiefe Kerbe hinter dem Neckartor den Höhenrücken durchzogen, der das Neckartal vom Ammertal trennt.

An der Sohle hatte sich zwischen steilen Böschungen ein gepflasterter Pfad hinauf zum Neckartor geschlängelt, gerade mal für Fußgänger passierbar. Allenfalls einen Handkarren hatten sie hinter sich herziehen können, so eng war der Durchlass gewesen.

Über Hunderte von Jahren hatte der Verkehr seinen Weg von der Neckarbrücke durch die Neckargasse hoch in Richtung Holzmarkt genommen. Durch eine Gasse also, so die zeitgenössische Beschreibung durch die Lokalzeitung, „deren Enge und Steilheit den von Jahr zu Jahr zunehmenden Verkehr nicht nur erheblich störte, sondern zu gewissen Zeiten sogar bis zur Lebensgefahr ersetzte“.

Als 400 Jahre vor König Karls Straßeneröffnung der damalige Universitätsgründer Graf Eberhard zusammen mit Kaiser Maximilian die erste steinerne Brücke über den Neckar einweihte, hatte man keine Verlängerung der Verkehrsachse in Richtung Norden im Sinn. Lediglich eine Vertiefung der Landschaftseinkerbung hatte man in Angriff genommen und den Ammerkanal angelegt, an dessen Ufer nach und nach drei Mühlen errichtet wurden.

Zu Beginn der 1880er Jahre begann die Stadt mit den Planungen, deren Resultat im Januar 1883 in einer – womöglich der ersten überhaupt in der Stadtgeschichte – öffentlichen Gemeinderatssitzung vorgestellt wurde. Die ursprüngliche Absicht, durch die Mühlstraße eine vom Hauptbahnhof kommende Straßenbahn nach Herrenberg zu führen, war bis dahin bereits verworfen. Es sei nicht daran zu zweifeln, schwärmte der damalige Stadtgeometer, „dass diese Straße die lebhafteste und schönste der ganzen Stadt zu werden verspricht“.

Immerhin, soviel war schon mal klar: Mit zwölf Metern Breite würde sie zwei Meter breiter werden als die bis dahin breiteste Straße der Altstadt, die Neue Straße. Die Steigung wurde mit 3,5 Prozent angegeben. Großer Sorgfalt bedurfte die Konstruktion der Stützmauern, die in der Gestaltung durch den Stuttgarter Meisterarchitekten Adolf Katz (er hat auch den „Wurstpalast“ des Metzgers Völter in der Neckargasse 1 gebaut) den krönenden Abschluss fanden.

Zuvor waren noch kühne Überlegungen angestellt worden, deren Verwirklichung ebenfalls hätte reizvoll sein können. Nach einem Bericht der „Chronik“ hatte nämlich der Stuttgarter Hochschullehrer Prof. Friedrich von Laißle gefragt, ob nicht zur Belebung der langgestreckten, zunächst noch monoton erschienenen Mauerflächen, „sowie um die in der Mühlstraße unstreitig dargebotenen vorteilhaften Geschäftslage auszunutzen, in diesen Stützmauern Räume eingerichtet werden sollten, welche sich mit Rücksicht auf den lebhaften Verkehr zu Verkaufsläden eignen würden“. Die Stadt verwarf indes diese Idee, weil sie wegen des zusätzlich erforderlichen Grunderwerbs zu teuer geworden wäre.

Die architektonische Rahmung der großstädtisch wirkenden Mühlstraße durch repräsentative Gebäude folgte erst ein Dutzend Jahre später. Ihre Verlängerung fand die großformatige Achse durch die im Jahr 1900 neu gebaute Neckarbrücke. Die alte, schmale und zu tief gelegene Sandsteinbrücke mündete noch vor dem Uhlandhaus, dessen Abriss seinerzeit als Verstoß gegen die dem Gebäude „schuldige Pietät“ gewertet wurde. Eine Bombe der Alliierten hatte 1943 darauf nicht mehr Rücksicht genommen.

König Karl, als er am 28. Juli 1887 am Bahnhof angekommen war, fuhr in der Kutsche „die festlich geschmückte Karlstraße entlang bis zum Eingang der mit Laubwerk verzierten und im reichsten Flaggenschmuck prangenden Mühlstraße, woselbst die bürgerlichen Kollegien, an ihrer Spitze Stadtschultheiß Gös, Aufstellung genommen hatten.“

Wie der Reporter berichtete, nahm der Monarch „mit einigen huldvollen Worten und mit sichtlicher Freude“ die Begrüßung entgegen und ließ sich die Bauarbeiten erklären. „Von der Mühlstraße aus ging die Fahrt durch die gleichfalls prächtig geschmückte Wilhelmstraße nach Bebenhausen.“

Mit huldvollen Worten
Blick von der alten Neckarbrücke in die Mühlstraße unmittelbar nach deren Eröffnung. Rechts das im März 1944 durch eine Bombe zerstörte Uhlandhaus. Bild: Stadtarchiv

Mit huldvollen Worten

Die aus dem Erbe von Peter Helge Fischer gespeiste Stiftung des Schwäbischen Heimatbundes ermöglicht es, die in der Mühlstraße an König Karl von Württemberg erinnernde Tafel zu restaurieren. Unser Bild zeigt den Zustand im Frühjahr, ehe die Fachleute loslegten. Momentan steht noch ein Gerüst davor, der Blick auf die Inschrift ist durch eine grüne Plane verdeckt. Die Hülle sollte pünktlich zum Straßenjubiläum wieder fallen, doch sind wegen unvorhergesehenen Schäden zusätzliche Arbeiten erforderlich. Der Heimatbund hat 4000 Euro für die Verschönerung des Kleindenkmals zugesagt. Archivbild: Metz

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27.07.2012, 12:00 Uhr

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