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Mitarbeiter zweiter Klasse?

Mitarbeitervertretung wirft Bruderhaus-Diakonie Tarifflucht vor

Die Stimmung in der Bruderhaus-Diakonie ist alles andere als weihnachtlich. Die Arbeitsgemeinschaft der Mitarbeitervertretungen im Diakonischen Werk Württemberg (AGMAV) wirft der diakonischen Einrichtung unter anderem Tarifflucht vor. In ihrer „Reutlinger Erklärung“ fordert sie nun eine Rückkehr der ausgegliederten Mitarbeiter.

10.12.2014
  • Uschi Kurz

Reutlingen. Die Bruderhaus-Diakonie beschäftigt rund 4000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an mehr als 100 Standorten und ist damit eine der größten diakonischen Einrichtungen Baden-Württembergs. Rund 60 Mitarbeitervertreterinnen und Mitarbeitervertreter dieser Einrichtungen folgten gestern der Einladung der AGMAV zur Vollversammlung in den Reutlinger Stammsitz der Bruderhaus-Diakonie. Bei dem Treffen wurde einstimmig eine Erklärung verabschiedet, mit der sich die betrieblichen Interessenvertretungen gegen Ausgliederungen in eine Service-GmbH wenden. Diese „Reutlinger Erklärung“ wurde anschließend dem Vorstand übergeben.

Im Anschluss daran informierten Vertreter der AGMAV in der Verdi-Bezirksverwaltung über das Anliegen. Bereits in der Vergangenheit, so Uli Maier, der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft, hätten Mitarbeitervertreter/innen der Bruderhaus-Diakonie über Missstände berichtet, danach hätten sie aber „erheblichen Druck“ innerhalb ihrer Einrichtung erfahren. Um diese Kolleg(inn)en zu schützen, habe die AGMAV als überbetriebliche Organisation die Verhandlungsführung übernommen.

„Die Reutlinger Bruderhaus-Diakonie missachtet kirchliche Regeln und akzeptiert auch nicht die Rechtsprechung der Kirchengerichte“, so lautet der schwerwiegende Vorwurf. 2004, so Maier, sei die Bruderhaus-Service GmbH als hundertprozentige Tochter der Bruderhaus-Diakonie gegründet worden, „zum Zwecke der Tarifflucht“. Die Bruderhaus-Diakonie habe mit der Personalservice GmbH den sogenannten „dritten Weg“ (hier wird in Anlehnung an den TVÖD Tarif bezahlt) „ein weltliches Unternehmen“ geschaffen. Dieses stelle die Mitarbeiter/innen mit Werkverträgen an und zahle deutlich schlechter als dies im kirchlichen Arbeitsrecht vorgesehen sei. Zudem würden sie auch keine entsprechende Altersvorsorge erhalten, erläuterte Andrea Rösiger, Geschäftsführerin und Juristin der AGMAV. Die ausgegliederten Mitarbeiter/innen (rund 400, die meisten in Teilzeit) würden nach wie vor ihre bisherige Tätigkeit vor allem im Bereich „Essen, Hausreinigung und Technik“ ausüben. Damit handle es sich um dauerhafte Leiharbeit und dies sei, seit 2011 nur noch vorübergehend erlaubt. Da man dieses Modell nicht für rechtmäßig halte, hätten sich die Mitarbeitervertretungen an den Kirchengerichtshof gewandt und „in weiten Teilen Recht bekommen“. Dieses werde aber nicht umgesetzt. Stattdessen habe man eine Mitarbeiterin in ein anderes Haus versetzt, um zu widerlegen, dass sie in die „Dienstgemeinschaft integriert“ seien.

Der Rechtsweg sei ausgeschöpft, ergänzt Wolfgang Lindenmaier, der stellvertretende Vorsitzende der AGMAV: „Wir können Recht kriegen, so oft wir wollen, es ändert sich nichts.“ Deshalb habe man sich entschlossen, an die breite Öffentlichkeit zu gehen. Die „Reutlinger Erklärung“ sei nur ein Anfang, Mitte Januar wolle man eine Sonderausgabe der Mitarbeiterzeitschrift „Wir“ herausgeben und an allen Standorten der Bruderhaus-Diakonie großflächig verteilen: „Die Diskussion soll raus aus der Bruderhaus-Diakonie, rein in die evangelischen Kirche und die bürgerlichen Gemeinden.“

Viele Mitarbeiter/innen hätten sich bewusst für eine Arbeit bei der Diakonie entschieden, betont Lindenmaier. Die Ausgliederung in eine Service GmbH sei für sie nicht nur finanziell ein herber Verlust: „Die empfinden das als Ausschluss aus der Kirche.“ Man wolle sich aber nicht spalten lassen in eine Stammbelegung und in Leiharbeiter, fordert er die Rückkehr der ausgegliederten Mitarbeiter/innen.

Besonders enttäuscht zeigten sich die AGMV-Vertreter darüber, dass der Vorstandsvorsitzende Lothar Bauer, „als erster Pfarrer der Bruderhaus-Diakonie“ zu den Vorwürfen gestern keine Stellung bezog. Stattdessen habe der Kaufmännische Vorstand Rainer Single, die Service GmbH „als marktwirtschaftliche Notwendigkeit“ dargestellt. Auf Nachfrage habe er erklärt, dass es sich ja lediglich um drei Prozent der Personalkosten handle: „Dieses Argument schlägt zurück.“

Mitarbeitervertretung wirft Bruderhaus-Diakonie Tarifflucht vor
Uli Meier, der Vorsitzende der AGMAV, übergab gestern die zuvor einstimmig beschlossene „Reutlinger Erklärung“ an die Vorstände der Bruderhaus-Diakonie Rainer Single, Lothar Bauer und Günter Braun (von links).Bild: AGMAV

Eine gänzlich andere Darstellung gibt der Vorstand der Bruderhaus-Diakonie in seiner Stellungnahme. Anders als dies die Vorwürfe der AGMAV nahelegen, habe man 2005 die Service GmbH gerade gegründet, „um Arbeit und Arbeitsplätze unter das Dach der Bruderhaus-Diakonie zurückzuholen“. Davor habe man Aufgaben wie insbesondere die Gebäudereinigung an externe Dienstleister vergeben. Man wolle auch in Zukunft die Arbeitsplätze in der Tochtergesellschaft Bruderhaus-Service GmbH sicherstellen, heißt es da. Neben qualifizierten Fachkräften in geringer Zahl seien mehr als ein Drittel der Mitarbeiter Geringqualifizierte, Ungelernte oder ehemalige Langzeitarbeitslose. Bei neu eröffneten Einrichtungen habe man Mitarbeiter für Reinigung, Küche und Gebäudedienste in der Bruderhaus-Service GmbH eingestellt. Dass es dafür wirtschaftliche Gründe gibt, wird eingeräumt. Korrekturbedarf bestehe aus Vorstandssicht „bei dauerhaft gemischten Betriebseinheiten mit Personal aus Bruderhaus-Diakonie und Bruderhaus-Service GmbH“: Die hier entstandenen Problemlagen ließen sich aber „in konstruktiver Weise verbessern.“

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10.12.2014, 12:00 Uhr

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