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Haft für Truppführer

Mitglied einer Schock-Anrufer-Bande verurteilt

Ein 37-jähriger Litauer ist gestern vom Tübinger Landgericht wegen banden- und gewerbsmäßigen Betrugs zu vier Jahren und acht Monaten Gefängnis verurteilt worden.

25.07.2014

Tübingen/Reutlingen. Bei dieser Bande greife ein Rädchen ins andere, erklärte gestern bei der Urteilsbegründung Martin Streicher, der Vorsitzende Richter der zweiten großen Strafkammer am Landgericht, die Arbeitsweise der international operierenden Trickbetrüger. Die „Schock-Anrufer“ täuschen zumeist bei Russischstämmigen verwandtschaftliche Beziehungen vor und melden eine dringende Notlage oder Katastrophe. Um nicht ins Gefängnis zu müssen, brauche etwa der vorgebliche Sohn oder Enkel sofort Bares, das gleich jemand abhole.

Die Zielgruppe, so Richter Streicher als Ergebnis der Beweisaufnahme, bei der ein LKA-Beamter die Banden-Methodik erläutert hatte, sind ältere Menschen im Alter über 60. Glauben diese den Anrufern, seien sie wie gelähmt und in der Schocksituation nicht fähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Hoher psychischer Druck werde auf die Opfer ausgeübt und „maximale emotionale Verunsicherung“ erzeugt. Weil alles so rasch gehe und der Bote mit dem Geld schnell verschwinde, können die Opfer hinterher oft nicht zuverlässig aussagen.

So war es auch beispielsweise bei der 80-jährigen Reutlingerin, die Ende Januar 2013 angerufen wurde. Sie hat tatsächlich einen Sohn, der viel unterwegs sei, sagte der Richter. Sie klaubte ihre gesamte Barschaft von 3200 Euro zusammen und händigte sie dem kurz drauf klingelnden „Läufer“ der Bande aus. „Selbst ihr Enkel konnte sie von der Zahlung nicht abbringen“, obwohl der eindeutig von einem möglichen Betrug sprach, schilderte Streicher die Zwänge des Opfers.

Doch die Frau hatte Glück im Unglück. In ihrem Fall gelang ein seltener Fahndungserfolg in einem eingespielten kriminellen Umfeld, das ein „hochwertiges Verdeckungssystem entwickelt hat“, so Streicher. Gesteuert von unbekannten Hintermännern, zum Teil in litauischen Gefängnissen sitzend, agieren europaweit „Truppführer“, „Fahrer“ und „Läufer“ sehr effizient. Kommuniziert werde mit „einer Vielzahl von zufällig verteilten SIM-Karten“, so der Richter, da bleibe den Ermittlern wenig Verfolgbares.

In diesem Fall indes gelang der Staatsanwaltschaft Tübingen „eine nicht schlechte Aktion“, lobte Streicher. Sie bezog im Sammelverfahren Ergebnisse anderer Staatsanwaltschaften ein und observierte großräumig. Daher stand auch der „Läufer“, der in Reutlingen die Gelder einsammelte, im Visier der Fahnder. So konnte auch der nächsthöhere „Truppführer“, der eine „gewisse Schlüsselposition innehat“, auf frischer Tat überführt werden. Damit bekam das Opfer sein ganzes Geld zurück, im zweiten Fall wurde wenigstens noch ein Teil der erbeuteten 650 Euro sichergestellt.

Weil der in Haft sitzende Angeklagte die Vorwürfe einräumte, einigten sich Staatsanwalt Jan Vytlacil und Verteidiger Holger Böltz auf eine Strafrahmen zwischen vier Jahren, neun Monate und vier Jahren. Die Kammer blieb nur einen Monat unter der Maximalforderung.

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25.07.2014, 12:00 Uhr

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