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Ein Champion im Wirtschafts-Wunderland

Mitte der 50er Jahre versuchte sich Motorrad-Hersteller Maico am Autobau

Der Hoffnungsträger wog nur knapp 500 Kilogramm. Zwei Sitze, zwei Zylinder, 15 PS: „Champion“ hieß der Kleinwagen, mit dem die Pfäffinger Motorrad-Schmiede Maico den Sprung in das boomende Auto-Geschäft der Wirtschaftswunder-Zeit schaffen wollte. Im Ammertal schienen goldene Zeiten angebrochen. Maico plante die Unabhängigkeit vom kriselnden Motorrad-Markt.

14.01.2006
  • Eike Freese

Bis Mitte der fünfziger Jahre hatte das Geschäft mit Maico-Zweirädern den Gemeinden Ammerbuch und Herrenberg noch viele hundert sichere Arbeitsplätze garantiert. Rund 650 Mitarbeiter waren bis 1955 mit dem gewinnträchtigen Bau von Motorrädern und Ersatzteilen für die „Maisch oHG Pfäffingen“, die „Maico Fahrzeugfabrik Herrenberg“ und die Pfäffinger „Maico-Werke“ beschäftigt.

Zum wirtschaftlichen Profit kam der sportliche Ruhm: In ganz Europa fuhren Maico-Maschinen und Maico-Fahrer glorreiche Siege ein. „Sportliche Rekordbilanz bei Maico“ titelte das TAGBLATT vom 8. Dezember 1955. An die tausend Medaillen und Pokale aus aller Welt waren eine vorzügliche Werbung für das Pfäffinger Motorrad-Geschäft.

Der Auto-Boom der Fünfziger

Doch Maicos wirtschaftlicher Erfolg geriet Mitte der fünfziger Jahre in arge Bedrängnis: Die Zweiräder der Gebrüder Maisch fanden keinen Absatz mehr. „Zuerst war die Nachkriegs-Zeit noch eine große Motorrad-Zeit“, erinnert sich Gustav Jäger. Der heute 80-jährige Pfäffinger war von 1955 an als technischer Kaufmann bei Maico angestellt. Die wechselvolle Geschichte des Unternehmens erlebte er bis zum endgültigen Abgesang Mitte der Achtziger mit. Als Jäger bei Maico unterschrieb, wurden dort gerade die ersten Auto-Pläne konkret. „Den Deutschen ging es Mitte der fünfziger Jahre besser“, so Jäger. „Man wollte endlich Luxus, wollte Auto fahren statt Motorrad. Maico hat das verstanden und seine Produkt-Palette schnell erweitert.“

Mitte der 50er Jahre versuchte sich Motorrad-Hersteller Maico am Autobau
Der Maico 500, ein wirtschaftlicher Balanceakt „made in Ammerbuch“. Um konkurrenzfähig zu bleiben, verkaufte Maico seinen Viersitzer zu einem günstigen Preis, doch der Absatz blieb mager. Das Pfäffinger Auto-Abenteuer war schon 1958 gescheitert. Das Werbefoto entstand vor dem Hirschauer Neckar-Wehr.

Ein erstes Experiment war das „Maico-Mobil“, das „Auto auf zwei Rädern“: ein Motorrad mit verbessertem Wetterschutz. Während der Roller „Maicoletta“ den Pfäffingern bis 1969 ordentliche Umsätze bescherte, war das Maico-Mobil eine Fehlplanung: Den Deutschen der Wirtschaftswunder-Zeit stand der Sinn nach echten Autos.

Es war die Ära des VW Käfer, der BMW Isetta, des Leukoplast-Bombers von Lloyd. Die Zeit der großen Automobil-Konzerne, die fette Gewinne einstrichen. Den Motorrad-Firmen wie Zündapp, Victoria oder Maico dagegen blieben die Kunden fern. Das Auto wurde zum Trend der Zeit. „Es war ein großer Rausch“, erzählt Gustav Jäger. „Auch Zündapp und Victoria hatten es einige Zeit mit Autos versucht.“ Erfolglos. Die Nürnberger Motorrad-Bauer scheiterten mit dem Zündapp „Janus“ und dem Victoria „Spatz“. Trotz großer Gewinn-Träume.

Auch Maico wollte dranbleiben. Die Pfäffinger suchten und fanden den Champion, ein Klein-Mobil aus dem Ingenieur-Büro Holbein in Herrlingen bei Ulm. Rund 5000 Champions knatterten um 1955 über Deutschlands Straßen.

Mitte der 50er Jahre versuchte sich Motorrad-Hersteller Maico am Autobau
Roller wie die Maicoletta (hier in einer Kino-Anzeige) blieben für Maico ein gutes Geschäft. Das kleine Kraftpaket wurde bis 1969 gebaut.

Zuvor hatten es schon zwei andere Lizenznehmer mit dem Champion-Projekt versucht: Die Firma Benteler in Paderborn hatte den als Sportwagen konzipierten Zweisitzer als erste vom Stammwerk in Herrlingen übernommen, traute sich aber einen endgültigen Einstieg ins Auto-Geschäft nicht zu. Die Rheinische Automobil-Fabrik Thorndahl in Ludwigshafen baute den Flitzer, ging damit aber baden: Maico kaufte 1955 die Rechte und die Produktionsanlagen aus der Konkursmasse der Ludwigshafener.

Ein Champion verspricht Profit

„Alle in der Firma hatten großes Zutrauen zu dem Geschäft“, so Gustav Jäger. „Vom Champion erwartete man sich den Weg aus der Krise und auch die Sicherung von vielen Arbeitsplätzen in Pfäffingen.“ Aus gutem Grund: Mitte der fünfziger Jahre wurden Käufer-Befragungen durchgeführt, die ein klares Bild des idealen Autos seiner Zeit ergaben. Zwei Sitze sollte es haben, plus zwei Notsitze für den Familienausflug, und einen Motor mit 15 PS. Der Champion schien für Maico eine lohnende Investition.

Doch die Pfäffinger kamen zu spät. Der Auto-Geschmack der Deutschen änderte sich mit dem Aufschwung schneller, als es Marktforscher erfassen konnten. „Für Maico war der Champion eine Fehlinvestition. Eine trügerische Hoffnung“, sagt Lothar Kieber. Der 56-Jährige aus Schliersee vertritt die „Champion-Interessengemeinschaft“, macht sich für Champion-Fans in aller Welt stark.

Mitte der 50er Jahre versuchte sich Motorrad-Hersteller Maico am Autobau
Gustav Jäger.

„Mitte der Fünfziger war die Zeit der Zweisitzer vorbei. Die Menschen wollten größere Autos, mit vier Sitzen und mehr PS.“ Wie den VW-Käfer. Das Auto-Imperium aus Wolfsburg konnte besseren Service, bessere Vertriebswege und ein größeres Auto zum kleineren Preis anbieten. Maico geriet in Bedrängnis. Der technisch ausgefeilte Champion hielt auf dem Markt nicht das, was er versprach.

„Das Auto an sich war seinerzeit wirklich wegweisend“, sagt Kieber. „Modulbauweise, Wasserkühlung, Zahnstangenlenkung: Das war damals fortschrittliche Technik. Im Champion steckte mehr Know-how als im Käfer.“ Aber der sportliche Zweitakter zum Preis von rund 4500 Mark stand dem Wolfsburger Viertakter zum Preis von 3800 Mark gegenüber. Im Jahre 1956 konnte man vom Champion in Pfäffingen dann nur noch rund 1500 Exemplare verkaufen.

Mit vier Sitzen aus der Krise

Maico musste schnell handeln. Und brachte noch im selben Jahr einen eigenen Viersitzer auf den Markt: den Maico 500, ein Ammerbucher Eigengewächs. „Das Auto war gar nicht schlecht“, sagt Gustav Jäger noch heute. „Es hatte einen unverwüstlichen Motor und eine moderne Kühlung.“ Der 500er bot einen wassergekühlten Heinkel-Zweizylinder und 18 PS zum Preis von 3500 Mark. Der Maico 500 war ein Auto für Jedermann. Der Werbespruch für den Pfäffinger Familienwagen lautete „Sie brauchen den Gürtel nicht enger zu schnallen!“

Der Verbrauch des 500er lag unter dem des VW Käfer, die Technik war ausgefeilter, das sportliche Design orientierte sich am Champion. Und doch: „In gewisser Weise eilte dem 500er ein schlechter Ruf voraus“, erzählt Peter Vagt. Der 44-Jährige aus Gleschendorf bei Lübeck ist seit über 20 Jahren bekennender Maico-Freak. Vagt gibt die Maico-Letters heraus, ein Szene-Medium der kleinen Maico-Fan-Gemeinde. „Der 500er war sehr laut: ein kleiner, stinkender Zweitakter. Der Preis war zwar attraktiv, aber vereinzelte Lenkradbrüche machten den Maico 500 für viele Kunden verdächtig.“ Schlechte Presse kam dazu: Ein „Spiegel“-Beitrag vom August 1957 stellte den 500er als Mängel-PKW dar. Der Image-Schaden für die Pfäffinger war erheblich.

Der Ladenhüter auf Rädern

Die niedrige Gewinnspanne des neuen Maico 500 wurde zum nächsten Problem: Maico konnte den 500er zwar preiswert anbieten, musste aber entsprechend große Mengen an die Kunden verkaufen. Doch der Run auf den Renner aus Schwaben blieb aus. Nur rund 6000 Viersitzer konnten die Pfäffinger von 1956 bis 1958 an den Mann bringen. Von der Sportcabriolet-Variante für satte 5000 Mark (Bild oben) wurden sogar nur läppische vier Exemplare hergestellt.

Zu wenig: Die Geschäftsbücher der Pfäffinger wiesen für die Jahre 1955 und 1956 einen Verlust von jeweils rund 1,5 Millionen Mark aus. Die Anlaufkosten für den Champion und den 500 schlugen sich in den Bilanzen nieder. Maico beantragte beim Wirtschaftsministerium in Stuttgart 600 000 Mark „Staatshilfe“. Vergeblich: Im Frühjahr 1958 war die „Maico-Werk GmbH Pfäffingen“ zahlungsunfähig.

Was folgte, war der bis dahin größte Wirtschaftsprozess in der deutschen Nachkriegsgeschichte: Otto Maisch, der inzwischen verstorbene Maico-Gesellschafter, der die Geschäfte seinerzeit zusammen mit seinem Bruder Wilhelm führte, musste sich wegen betrügerischen Bankrotts und Unterschlagung verantworten. Über zehn Millionen Mark schuldeten die Maico-Werke ihren Gläubigern, zu denen pikanterweise auch die Pfäffinger Maisch-oHG und die Herrenberger Maico-Fabrik gehörten.

Der Konkurs im Ammertal wurde sozial verträglich aufgefangen: Alle Mitarbeiter des Pfäffinger Werks fanden bei der Maico-Fabrik Herrenberg ihr Auskommen. Geschäftsführer Otto Maisch allerdings wurde 1960 vor dem Tübinger Landgericht zu zwanzig Monaten Haft verurteilt.

Es war das Ende des Auto-Abenteuers in Pfäffingen. Unter dem Namen Maico wurden von nun an wieder qualitativ hochwertige Motorräder produziert. Auch der Erfolg kehrte ins Ammertal zurück. Die 500 Maico-Mitarbeiter verdienten von 1959 an mit einem Großauftrag der Bundeswehr ihr Geld: 15 000 Geländemaschinen wurden in den Folgejahren produziert.

Maico hatte seine Nische gefunden: In der Fabrik entstanden kaum noch Straßen-Motorräder und schon gar keine Autos. Stattdessen wurden erstklassige Motocross-Maschinen mit gutem Profit auch ins Ausland geliefert. Zugleich dauerten die sportlichen Erfolge bis Ende der siebziger Jahre an. Erst 1983 folgte ein weiterer Bankrott: Rund 150 Beschäftigte mussten damals ihren Hut nehmen. 1986 ging die Firma endgültig pleite, und die Marke Maico wurde zuerst nach Nördlingen, dann ins holländische Utrecht verkauft. Heute besitzt das Leverkusener Unternehmen Köstler die Markenrechte. Köstler baut die Motorräder mit dem „M“ auf dem Tank als Einzelstücke für Liebhaber nach. Maico steht bis heute hauptsächlich für eines: für exzellente Motocross-Maschinen.

Die Maico-Autos aber gelten nur als Fußnote in der deutschen PKW-Geschichte. Liebhaber wie Peter Vagt und Lothar Kieber halten das Andenken an das schwäbische Auto-Abenteuer wach. „Eine kleine Firma aus der Provinz versucht sich an einem Geschäft von Industrie-Giganten: Ich finde das spannend“, umschreibt Peter Vagt seine Leidenschaft für Maico. Drei 500er standen bis vor kurzem noch in seiner Garage. Alle drei waren nicht fahrtüchtig, Ersatzteile sind schwer zu bekommen. Vagt schätzt, dass es weltweit noch rund 100 fahrbereite Maico 500 gibt. „Ich weiß von einem in Südafrika“, sagt Vagt. „Mit der Lenkung auf der rechten Seite.“

Ein Trendsetter aus Schwaben

Vom Champion rollen noch weit weniger Exemplare über den Asphalt: Drei fahrtüchtige Champions gibt es weltweit. In einem von ihnen sitzt Lothar Kieber, wenn er am Wochenende um den Schliersee fährt. „Ich halte ihn für immer noch sehr modern“, lobt Kieber seinen kleinen Flitzer. „Wenn man sieht, was gerade an Autos aus Japan kommt, dieses Retro-Design: Das ist mein Champion.“

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14.01.2006, 12:00 Uhr

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