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Abriss in Scheunenkunde

Mittelalterarchäologe führte zu fast vergessenen Schmuckstücken

Tilmann Marstaller hat einige Liebschaften in Nehren. Die Schönheit der teilweise uralten Scheunen hat es ihm angetan. Bei einem bauhistorischen Rundgang, zu dem kürzlich das Kulturforum eingeladen hatte, übertrug er seine Begeisterung auf das zahlreiche Publikum.

21.09.2012
  • Jürgen Jonas

Nehren. Tilmann Marstaller hat einen Herzenswunsch. „Hoffentlich bleibt Nehren so bescheuert!“ Der bekannte Hausforscher aus dem Rottenburgischen führte über 50 Interessierte durch die denkmalgeschützte Ortsmitte. Dabei stellte sich schnell heraus: Nehren hat viel vorzuweisen, nicht nur, was die Fachwerk-Fassaden angeht, sondern auch in der zweiten Reihe und sogar dahinter.

Erste Station war die Scheune der Familie Raff in der Luppachstraße, wo Marstaller und die Gäste von Sören Frommer begrüßt wurden, der, Archäologe und im Kulturforum aktiv, selbst bereits zum Spaziergang zu den Resten der Burganlage geladen hatte und nun seinen „alten Studienkollegen“ willkommen hieß.

Der Mittelalterarchäologe Marstaller erläuterte zunächst die Kiesersche Forstkarte, die den Ort in der Zeit um 1680 zeigt. Die erste historische Darstellung weist eine Unterscheidung von roten ziegelgedeckten Wohnhausdächern und braunen strohgedeckten Scheunendächern auf. Die Nutzgebäude standen immer in der zweiten Reihe, es existiert kein historisches Foto von einer Nehrener Scheune. Bilder, die um die Jahrhundertwende entstanden, zeigen mal ein Hoftor, höchstens lugen Scheunen über das Dach eines Wohnhauses herüber. Eingeschränkte Wahrnehmung. Obwohl die Scheunen, von beeindruckender Höhe und Größe, über eigene Schönheit verfügen. Auch wurden sie von den Erbauern nicht minder sinnreich und überlegt konstruiert wie die Wohnhäuser.

Der Rundgang entpuppte sich als Architektur-Vorlesung, mit Anekdoten und amüsanten wie lehrreichen Abschweifungen. Marstaller referierte verständlich über Gebäudestrukturen, die sich historisch entwickelten, wie das Winkelhakengehöft und den Eindachhof, erklärte, wie die Bautechniken tradiert wurden. Man erfuhr vom Heubarn (dem Speicher fürs Heu), was Lotter und Garbenloch sind (die Öffnung, durch die die Getreidegarben in die oberen Scheunen-Stockwerke transportiert wurden, und das zugehörige Rad zum Hochziehen), wozu es Rähm und Knagge gab (Längsbalken und Stützkonsole), wie und warum die Balken miteinander verzapft wurden. „Manchmal weiß man nicht, warum es hebt, aber es hebt.“

Nach Marstallers Erkenntnissen stammt die Raff’sche Scheuer aus der Zeit zwischen 1550 und 1560, ist also viel älter als bisher angenommen. Eine der ältesten im Ort. Es geht zu Scheunen weiter oben in der Luppachstraße, „Im Stiegel“, dann zurück zur Wette. Die Göltenboth’sche Scheune wird besichtigt, hinter der ein Pflaumenweinbaum steht. So viele Entdeckungen! „Deswegen sind wir ja nach Nehren gezogen!“, murmelt einer der Hörer. Das grüne Hinterland Nehrens breitet sich aus. „Viel idyllischer kann es nicht sein!“ sagt Marstaller. Und der Schultes Egon Betz weist darauf hin, dass auf diesem Flecken hinter den Wohnhäusern nicht gebaut werden darf. Ein Stückchen weiter oben das Haus, das Holger Friesch mustergültig ausbaut. Samt Scheune. „Das geht!“, sagt Marstaller. Man kann sie pflegen, schön gestalten, nutzen, solle sich bitteschön von keinem Architekten einreden lassen, Scheunen zu Wohnzwecken umzubauen sei unüberwindbar schwierig.

Es geht Hauchlingen zu, bis zur Oper, dem ältesten Gebäude, einem „Upper class-Gehöft“. Marstaller weist auf die Pfarrhausscheune gegenüber hin, die mit Floßholz erbaut wurde. Über das Gebäude, das jetzt von Bildhauer Eberhard Schmid als Werkstatt genutzt wird, weiß Marstaller viel zu sagen. Seine „Lieblingsscheune“ steht in der Wördstraße, mit der „gewaltigen Dachkonstruktion“ und der beeindruckenden Fachwerkmauer zur Straße hin. „Sehr spannend“ nennt Marstaller diese „ganz große Besonderheit“, dann vergisst er aber nicht, noch die „tolle Sanierungsleistung“ auf der gegenüberliegenden Seite zu lobpreisen, bei der die Scheune zum Wohnhaus umgestaltet und das Tor sogar einbezogen wurde. Genau, schon die Tore mit ihren Türen! Genial einfache Konstruktionen sicherten ihre Arbeit, „die laufen in hundert Jahren noch genauso!“

Beim Frommer’schen Anwesen in der Kappelstraße erläutert Marstaller die Auswirkungen des Dreißigjährigen Krieges auf das Dorf, mit dem Gebäudeleerstand und den Verwüstungen, die zu Erneuerung und Neubauten zwangen.

Und zum Schluss könnte man brechtisch fragen: Was ist der Abriss einer Scheune gegen einen Abriss in Scheunenkunde?

Mittelalterarchäologe führte zu fast vergessenen Schmuckstücken
Tilmann Marstaller (roter Pulli) erklärt Nehren für „bescheuert“ – hier in der Raff’schen Scheune. Bild: Rippmann

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21.09.2012, 12:00 Uhr

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