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Integration

Mittendrin: Türkin leitet Landfrauenverband

Nurcan Tetik ist in Istanbul geboren. Im Jagsttal leitet die umtriebige Türkin einen Bezirksverband der Landfrauen – ein Vorbild für andere?

13.10.2016
  • HANS GEORG FRANK

Möckmühl. Mit der Verwunderung des Besuchers hat Nurcan Tetik (49) wohl gerechnet. „Es täuscht vieles“, meint sie vielsagend, als sie bemerkt, dass der Verzicht auf ihr Erkennungszeichen nicht erwartet worden war. „Zuhause trage ich kein Kopftuch“, erklärt die Türkin mit den luftigen Locken. Dabei ist dieses Kopftuch bekannt geworden als ein Symbol des Trotzdems. Nurcan Tetik, in Istanbul geboren, seit dem zehnten Lebensjahr zuhause in Deutschland, hat sich trotz dieser Frisurverhüllung überall durchgesetzt, ist damit sogar zur Führungskraft in der wohl deutschesten aller Organisationen geworden: Sie leitet den Bezirksverband Jagsttal des Landfrauenverbands.

„Ich bin sozusagen die Retterin des Verbands“, erklärt Tetik schmunzelnd. Hätte sie nicht die Oberaufsicht über sechs Vereine mit insgesamt 360 Frauen übernommen, wäre für die Jagsttälerinnen die Fusion mit den Kochertälerinnen nicht mehr abzuwenden gewesen. „Ich wurde einstimmig gewählt“, sagt die Türkin frohgemut und lässt sich ihren berechtigten Stolz nicht anmerken. Die dreifache Mutter – Sohn Kürsad (28), Töchter Mihrisah (24) und Asya (16) – ist überzeugt, dass „ihre“ Landfrauen sie nicht nur zur Anführerin machten, um auf jeden Fall die Selbstständigkeit zu erhalten. Nurcan Tetik ist einfach eine derart patente Frau, dass der Pass überhaupt keine Rolle spielt. Die gelernte Friseurin passt bestens in das moderne Muster der Landfrauen, die Organisationstalente sind, zupacken wollen und mehr Lösungen haben als es Probleme gibt.

Schwäbischer Kartoffelsalat

Die Frau aus der Metropole Istanbul hat sich so angepasst, dass sie nach drei Wochen Urlaub in der Türkei Spätzle zum Gulasch vermisst. Daheim greift sie zur Presse, wenn es ihr Lieblingsessen geben soll. Beim Kartoffelsalat hält sie sich an das Rezept einer betagten Nachbarin, verwendet deshalb gekochte Knollen vom Vortag, „natürlich ohne Mayonnaise“.

Dass sie bei der Delegiertentagung als einzige mit dem Kopftuch auftauchte, weil sie damit den Respekt vor ihrer Schwiegermutter ausdrücken möchte, gab es nur anfangs irritierte Blicke. Inzwischen hat sich beim Landfrauenverband Württemberg-Baden herumgesprochen, dass Nurcan Tetik keine Exotin ist. „Ich schätze es sehr, dass sich Frau Tetik so engagiert“, lobt die Präsidentin Marie-Louise Linckh. „Wir freuen uns über ihre Ausstrahlung“, bestätigt die Geschäftsführerin Beate Krieg, „sie ist echt toll.“ Allerdings ist die pfiffige Türkin doch eine Exotin – als einzige Führungskraft mit Migrationshintergrund im ganzen Landesverband. Die aus Dänemark stammende Maj Britt Vorgrimmler an der Spitze des Ortsvereins in Munzingen im Landesverband Südbaden wird nicht wirklich als Ausländerin angesehen. Iranische Wurzeln hat Parvin Hemmecke-Otte, die den niedersächsischen Kreisverband im fernen Braunschweig lenkt.

„Ich möchte in der Mitte stehen, nicht am Rand“, betont Nurcan Tetik, die seit 20 Jahren in Züttlingen lebt, einem 1400-Seelen-Teilort der Stadt Möckmühl im Kreis Heilbronn. Für sie zählten Akzeptanz und Toleranz. Damit fühlt sie sich gut aufgehoben bei den Landfrauen. Auch wenn sie anfangs glaubte, „die backen doch nur Flammkuchen beim Dorffest“. Eine Nachbarin habe sie eines Tages angesprochen: „Nurcan, komm doch mal mit.“ Aus Höflichkeit, „sie hat mich ja persönlich eingeladen“, sei sie mitgegangen. Nun gut, die Deutschen hätten „schon ein bisschen komisch geschaut“, erinnert sie sich. Aber diese Blicke stufte sie als „neugierig, nicht ablehnend“ ein.

Immerhin war sie den meisten nicht ganz fremd. In der Gegend ist bekannt, dass Nurcan Tetik auch eine sportliche Frau ist, leitete sie doch als einzige Frau in Deutschland die Judoabteilung eines Sportvereins. Auch als Co-Trainerin hat sich die Trägerin des orangefarbenen Gürtels einen guten Namen gemacht, stand dabei auch in der Mitte, nicht am Rand. Beim Judo verzichtet sie auf das Kopftuch.

Ein Jahr nach dem ersten Kontakt mit den 40 Landfrauen im Dorf hatte sie sich so eingefügt, dass sie zu Höherem berufen schien. „Ich habe das Ding, mit den Leuten besser zu kommunizieren.“ Welches Ding? „Vielleicht Offenheit!“ Nur eine einzige Frau, „eine der ältesten“, war mit der Wahl zur Vorsitzenden nicht einverstanden: „Eine Türkin mit Kopftuch – spinnt ihr denn?“ Aus Protest trat sie aus. „Die kennt mich nicht“, sagt Nurcan Tetik unbeeindruckt. Sie ist gewählt bis 2017. „Wenn's niemand macht, mache ich weiter, ich möchte meine Damen nicht im Stich lassen.“

Der Landfrauenverband ist für sie nicht nur Herzenssache, er wurde auch zur Familienangelegenheit. Die älteste Tochter ist bereits Mitglied. Denn: „Wir brauchen frisches Blut, der Verein ist überaltert.“ Bei der Geschäftsstelle in Stuttgart ist über den Altersschnitt nichts zu erfahren. „Es gibt keine aktuelle Erhebung“, weicht Beate Krieg aus. Offiziell wird nicht einmal „60 plus“ bestätigt. Immerhin gibt es die „Zukunftsoffensive 2020“ zur Verjüngung der Organisation. „Die Herausforderung ist eben, dass heutzutage Frauen mit 20 oder 30 nicht mehr automatisch bei uns eintreten“, lässt sich die Geschäftsführerin entlocken.

Nurcan Tetik glaubt, dass die Vereine auch auf Frauen unter den Zuwanderern und Flüchtlingen zugehen sollten. „Die Integration wird erleichtert, weil keine Männer dabei sind“, sagt sie, „man kann miteinander kochen, ohne dieselbe Sprache zu sprechen.“ Präsidentin Linckh scheint vorsichtiger zu sein. Sie setzt auf Frauen, „die länger hier sind“, am besten in Deutschland geboren oder die Schule besucht haben: „Dann ist ihnen der Umgang mit unseren Frauen und unserer Kultur vertraut.“

Gerade bereitet Nurcan Tetik ein Begegnungsfest vor. Am 22. Oktober soll in der Stadthalle Möckmühl „Vielfalt als Chance“ verstanden werden. Dazu sind auch Akteure mit russischen und türkischen Wurzeln eingeladen. Zum Schluss will die Bezirkschefin in einem Judo-Schaukampf gegen ihren Mann Fikri (schwarzer Gürtel) antreten: „Er weiß noch nichts davon.“

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13.10.2016, 06:00 Uhr

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