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„Unser Herz ist groß“

Mössingen und Kursk bleiben verbunden: Pax Christi hat wieder russische Kinder eingeladen

Bei einem Erwachsenenaustausch wurde Mössinger in Moskau angesprochen, ob es nicht möglich sei, Kinder aus der Umgebung von Tschernobyl, die an den Folgen der Reaktorkatastrophe zu leiden hatten, zur Erholung ins Schwabenland einzuladen. Das war 1993. Seither organisert die Gruppe „Russland-Partnerschaft“ in der Pax Christi-Gruppe Mössingen die Aufenthalte.

15.08.2014
  • Jürgen Jonas

Mössingen. „Ein Riesenaufwand“ sei der Austausch, sagt Lilli Beck. Sie und Johannes Kepplinger, Ursula Schieler, Irmgard Hornef und etliche andere Helfer haben ein umfangreiches Programm ausgetüftelt für die vierzehn Kinder, acht Buben und sechs Mädchen, die derzeit im Aible zu Gast sind. „Es sind Großstadtkinder“, sagt Kepplinger. Anders als vor drei Jahren, als die Schüler aus winzigen Dörfern kamen.

Nina Woronina und Ludmilla Alekina kennen sich in Mössingen gut aus. Sie unterrichten an der Schule Nummer 35, haben die Kinder in den vergangenen Jahren mehrfach begleitet. Diesmal ist auch die Konrektorin der Schule, Tatjana Stolpina, mitgereist. Sie kommen aus Kursk, einer Großstadt mit einer halben Million Einwohner, 500 Kilometer südlich von Moskau gelegen. Derzeit sind aus den Kriegsgebieten der Ukraine 13 000 Menschen zusätzlich in der Stadt. Im Juli und August 1943 fand, während des Raubkrieges der Hitler-Wehrmacht, in der Umgebung die größte Panzerschlacht in der Geschichte der Kriegsführung statt.

Die „Pax Christi“-Gruppe hat vorab Spenden gesammelt, um den Besuch zu ermöglichen. Busreisen wie in den vergangenen Jahren hatten die russischen Behörden nicht mehr erlaubt. Die Kinder und ihre drei Betreuerinnen sind am Montag in Moskau abgeflogen, waren kurz nach elf in Frankfurt, wo sie eine kleine Delegation Mössinger erwartete. Die ersten Etappen sind gut verlaufen. Im Aible wurde ein Begrüßungsessen aufgetischt: Soljanka, die traditionelle, gehaltvolle säuerliche Suppe, zubereitet von Beck nach dem Rezept eines russischen Musikers.

Beim Begrüßungsfest am Dienstagabend führen sie ungezwungen ihre Darbietungen vor und überreichen zumeist selbstgebastelte Geschenke an ihre Gastgeber. Drei Mädchen in hübschen Kostümen tanzen, Schüler Kirill Lukjanow zeigt einen Tanz um einen Flötenspieler, der sich anmutig in der Natur bewegt. Arina Christewa beeindruckt mit ihrer dunklen Stimme, die den Saal füllt.

Sie kommt aus Moldawien, gehört zu einer sprachlichen Minderheit, singt ein Lied in ihrer Muttersprache und eins auf Russisch. Beide Texte beschwören die Schönheit Russlands und seiner Landschaften. „Unser Herz ist groß“, übersetzt Woronina.

Arina tritt in einem Volkstrachtgewand mit Blumenkranz auf, wie es in ihrer Gemeinschaft getragen wird. Ihre Mutter hatte es ihr mitgegeben. Seit Generationen wird in der Minderheit das Liedgut tradiert, Arina hat dort an vielen Abenden das Singen erlernt. Die Lehrerinnen haben ihr Talent erst vor wenigen Monaten entdeckt und wollen es nun gezielt fördern.

„Endlich sind wir hier“, sagt Worinina zur Begrüßung in dem „Märchenhaus“. Sie unterrichtet Englisch und Deutsch, das bald als zweite Fremdsprache verpflichtend werden soll. Die Freude ist groß, dass die Schüler, die aus armen Familien kommen, in so freundlicher Umgebung ihren allerersten Auslandsaufenthalt verbringen können. Sie hofft, dass auch einmal deutsche Kinder zu einem Gegenbesuch kommen werden. Auch Stopina, die kein Deutsch spricht, drückt den Wunsch der gesamten Schule aus, dass die Zusammenarbeit weitergehen möge. „Wir haben viele talentvolle Kinder an unserer Schule“, sagt Woronina. Auch ein begabter Fußballer ist darunter, Kirill Schelemej, der auf dem Rasen im Aible seine Künste vorführt. Es war für Woronina und ihre Kolleginnen nicht einfach, eine Auswahl zu treffen, wer mitfahren darf und wer nicht. Aber, sagt sie, niemand sei neidisch auf die Bevorzugten gewesen. Sie wurden als Stellvertreter für die ganze Schule angesehen, die von 1200 Schülern besucht wird.

Den Kindern gefällt Mössingen. Auch die vielen Blumen. Ein Schüler fragte: „Frau Lehrerin, warum pflückt niemand diese wunderbaren Blumen?“ Ihr absoluter Lieblingsaufenthaltsort – das hat sich bei den vergangenen Besuchen gezeigt – ist das Freibad. Wenn das Wetter es zulässt, sind sie im Wasser. Über die Rutsche freuen sie sich am meisten. Jegor Grebennikow, der jüngste Reisende, ein Erstklässler, hatte beim ersten Mal noch Angst. Jetzt flitzt er so rasend hinunter wie die größeren Kinder. Die Stadtverwaltung hat Freikarten zur Verfügung gestellt.

Mit Wladislaw Volobujew ist auch ein begabter Schwimmer mit dabei, der zahlreiche Wettbewerbe gewonnen hat. Wegen der Wasserbegeisterung hat man, im Gegensatz zu früher, das sonstige Programm reduziert. Es gibt in Kursk Schwimmhallen, aber, so Woronina, sie sind unter den veränderten Bedingungen zu teuer für die armen Leute und nur „höheren Herrschaften“ vorbehalten.

Im Rathaus wurden die Kinder von Oberbürgermeister Michael Bulander empfangen. Gestern leitete Beck einen Kurs zum Seidenmalen an: ein Programmpunkt, der mit erstaunlichem Eifer und Kunstfertigkeit seitens der Kinder absolviert wurde. Am heutigen Freitag ist Gottesdienst in der Marienkirche, ab 18 Uhr, wiederum mit Darbietungen der Kinder, danach gibt es ein Abendessen im Gemeindehaus. Weiter ist der Besuch bei der Feuerwehr obligatorisch, schon seit vielen Jahren führen Wehrleute die Besucher in die Arbeit und die Geräte im Feuerwehrhaus ein. Eine Fahrt im Leiterwagen ist dann auch schon mal drin.

Wieder einmal geht es auch nach Dotternhausen im Zollernalbkreis, zum Fossilienmuseum mit seinen 1000 Exponaten, wo man auf dem Klopfplatz, mit Hämmerchen und Meißel, den Ölschiefer aus dem Lias Epsilon untersucht, ob nicht Ammoniten auffindbar wären. Und der römische Gutshof in Stein bei Hechingen wartet, ebenfalls immer einer der Höhepunkte der Besuche.

Dann soll es noch ins Maislabyrinth nach Wolfenhausen gehen und in die Wilhelma nach Stuttgart. Familie Käpernick bittet die Kinder an einem Tag zu sich nach Hause zu einem Mittagessen. Es gibt Maultaschen mit Salat.

Ein Schüleraustausch wäre ein Wunschtraum der russischen Gäste. Dem stehen auf deutscher Seite einige Schwierigkeiten entgegen. Aber, so hofft die „Pax Christi“-Gruppe, vielleicht finden sich engagierte Lehrer, zum Beispiel in einer Grundschule, die einen Austausch mitorganiseiren wollen.

Der Aufenthalt dauert bis zum 29. August. Von Mössingen geht es dann morgens um halb acht mit dem Zug nach Frankfurt, kurz nach fünf sind die Kinder schon in Moskau. Am Mittwoch, den 27. August, ist im CVJM-Haus ab 18 Uhr das Abschiedsfest angesetzt. Wer Arina Christewa singen hören möchte, ist herzlich eingeladen.

Mössingen und Kursk bleiben verbunden: Pax Christi hat wieder russische Kinder eingeladen
Alina Christewa singt zur Begrüßung mit kraftvoller Stimme russische Weisen. Bild: Franke

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15.08.2014, 12:00 Uhr

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