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Gestern Mao, heute Schoko

Mössingens womöglich letzter Buchhändler manövriert in zunehmend schwierigem Gelände

Sein einziger Konkurrent vor Ort sitzt in Seattle: Wolfgang Schramm ist Mössingens letzter verbliebener Buchhändler. „Ein paar Jahre müssen noch sein“, sagt er. Dann müssen die Mössinger ins Internet statt in die Bahnhofstraße.

18.10.2011
  • Eike Freese

Mössingen. „Du bestellst mir nicht im Internet!“, hat eine Mössinger Kundin ihren Sohn kürzlich angeblich gemaßregelt. Wolfgang Schramm weiß nicht genau, ob die Geschichte wahr ist. Aber sie freut ihn. Es freut ihn, dass sich auch einige Mössinger offenbar Gedanken darüber machen, wie es mit dem Offline-Buchhandel weitergeht. Sorglos, so der 63-Jährige, würden in deutschen Läden nämlich nirgendwo mehr Bücher verkauft.

Seit über 40 Jahren ist Schramm Buchhändler. Bodelshausen – Frankfurt – Stuttgart – Ofterdingen – Mössingen. Einmal raus aus der Provinz und wieder zurück. In Mössingen mit seinen 20 000 Einwohnern ist Schramm der Platzhirsch. Er wirkt allerdings nicht wie einer. „Erfolg ist im Buchhandel sehr relativ zu sehen“, sagt er. Und: „Buchhändler würde ich immer wieder gerne werden. Selbständig allerdings nicht.“

Schramm bezweifelt, dass viele Buchhändler aus eigener Kraft, ohne Immobilienbesitz oder gutverdienende Verwandte allein mit ihren Läden zu Wohlstand kommen. Egal, wieviel sie arbeiteten. „Hätte ich alle meine Überstunden bei Daimler am Band gemacht statt hier im Laden“, sagt Schramm, „wäre ich jetzt Multi-Millionär.“

Wenn schon nicht finanziell, so sieht sich der gebürtige Bodelshäuser immerhin ideell für seine Arbeit entschädigt. Die Mössinger kaufen bei ihm ein – und verlassen sich teils blind auf seine Ratschläge, wie ein Blick auf die hauseigene Bestseller-Liste verrät: So steht etwa Eva Baronskys Geheimtipp-Roman „Herr Mozart wacht auf“ weit oben, während die protestantische Dauerbrennerin Margot Käßmann bei den Verkaufszahlen noch hinter den Schrammschen Glückskäfern aus Schokolade rangiert. „Wir empfehlen auch mal weniger Bekanntes“, sagt Schramm. „Aber lohnen muss es sich für die Leser. Sonst dürften wir das nie und nimmer machen.“

Der Buchhändler hält daran fest, dass persönliche Beratung die beste Hilfe im Kampf gegen Amazon ist, den großen Konkurrenten aus Seattle in den USA. Für sein Ladengeschäft, das mit seiner Lage an der grauen Bahnhofstraße fast keine Laufkundschaft anzieht, zählen vor allem langjährige Kunden. „Menschen, die bei Amazon Bücher im Internet kaufen“, mutmaßt Schramm über die einzige wirklichen Konkurrenz vor Ort, „gehen normalerweise nicht in kleine Buchhandlungen.“

Ähnliches wird allerdings auch über die großen Filialisten gesagt, zu denen etwa Thalia oder Hugendubel gehören: Menschen, die dort einkaufen, wären eh nicht in den traditionellen Buchhandel gegangen, heißt es oft. Einleuchtend klingt das nicht. Richtig ist dagegen, dass der Buchmarkt leicht wächst, die Zahl der kleinen Läden aber zurückgeht – obwohl die Kunden nach Studien des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels durchaus kleine Flächen und die persönliche Bekanntschaft mit dem Händler schätzen.

Langfristig wird auch in Deutschland darauf spekuliert, dass E-Books einen bestimmenden Marktanteil bekommen – deren Vertrieb „offline“ dann noch weniger eine Rolle spielen wird. Doch das wird Wolfgang Schramm als aktiver Händler wohl kaum noch erleben. Und er ist glücklich darüber, auch wenn seine eigene Sprache schon mächtig digitalisiert ist: „Ich war lange genug an der Verkäuferfront und habe bis in die 90er schwer getrommelt“, sagt Schramm. „Jetzt ist die Festplatte voll.“

Der Buchhändler selbst hat Eselsohren bekommen in vier Jahrzehnten Selbständigkeit und Kundenkontakt. „Der Betulichkeit der ‚Hanni und Nanni’-Generation trauere ich dabei noch am wenigsten nach“, sagt Schramm. Großen Schriftsteller-Kämpen wie Heinrich Böll oder Peter Härtling schon eher. „Die kauft bei mir heute leider keiner mehr“, sagt Schramm. „Dann schon eher mal einen neuen Walser mit all seinem Gejammer.“

Mao-Bibeln, wie noch zu seiner Zeit als Abteilungsleiter in einer Frankfurter Großbuchhandlung, verkauft Schramm heute nur noch selten. Dafür mehr Schoko-Käfer. Und Comics. Auch die Frage „Können Sie mir nicht ein dünnes Buch empfehlen?“ nimmt laut Schramm angeblich zu. Aber das müsse man aushalten als Händler in Zeiten wie diesen: „Früher war der Kunde im Buchhandel König“, sagt der 63-Jährige. „Heute ist er Kaiser.“

Mössingens womöglich letzter Buchhändler manövriert in zunehmend schwierigem Gelände
„Können Sie mir ein dünnes Buch empfehlen?“ – Kleinen Nackenschlägen zum Trotz will Wolfgang Schramm noch ein paar Jahre die Stellung halten.Bilder:Rippmann

Mössingens womöglich letzter Buchhändler manövriert in zunehmend schwierigem Gelände
Das liest Mössingen: Pixi-Bücher stehen auf Platz eins der hauseigenen Bestseller-Liste, gefolgt vom Bilderbuch „Das verlorene Schaf“. Die Plätze drei und vier sind Schullektüre, dann erst kommt mit „Schutzpatron“ der erste Krimi.

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe zum 40-jährigen Geschäftsjubiläum der Buchhandlung Schramm liest am Donnerstag, 20. Oktober, um 19.30 Uhr Hermann Bausinger in der Pausa-Tonnenhalle aus zwei seiner neueren Veröffentlichungen: In „Der herbe Charme des Landes“macht er sich „Gedanken über Baden-Württemberg“. Als Fabulierer und Satiriker lernt man den Nestor der Empirischen Kulturwissenschaft danach in seinen „13 Zappgeschichten“ mit dem Titel „Wie ich Günther Jauch schaffte“ kennen. Wie der Untertitel schon erahnen lässt, geht’s mit viel Witz und Hintersinn ums Fernsehen und darum, was dieses mit uns anstellt.

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18.10.2011, 12:00 Uhr

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