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Tagebuch eines Mediziners

Mössinger Gastroenterologe Eisold auf den Philippinen

Sechs Wochen behandelte der Mössinger Arzt Horst Eisold auf den Philippinen die Ärmsten der Armen. Tagsüber. Und abends schrieb er seine Eindrücke und Erlebnisse in ein Tagebuch, das er nun veröffentlicht hat.

27.08.2012
  • Susanne Wiedmann

Mössingen. Sein Zimmer sah so aus, wie er sich eine Gefängniszelle vorgestellt hatte: Eine Pritsche mit Matratze, ein Tuch, ein winziger Tisch ohne Stuhl, ein Schränkchen, das so klein war, dass man nur wenige Kleidungsstücke hineinlegen konnte. Alles war einfach, alt, aber sauber. Am 1. Juli 2011 war Horst Eisold im „Doktorhaus“ von Bagong-Silang angekommen, einem Slum-Vorort von Manila, nach vielen Flugstunden und einer abenteuerlichen Autofahrt durch Metro Manila. „Die Hölle ist harmlos dagegen (denke ich zumindest).“ Die Autos düsen kreuz und quer auf zehn Spuren und machen meist noch elf oder zwölf daraus.

Vom 1. Juli bis 13. August vergangenen Jahres arbeitete Horst Eisold ehrenamtlich mit den „German Doctors“ auf den Philippinen, organisiert von „Ärzte für die Dritte Welt“. „Welcome Doctor Horst!“, empfangen ihn die freundlichen einheimischen Helferinnen. Gemeinsam touren sie mit einer „Rolling Clinic“ umher, richten sich in Schulen, Kindergärten und Bambushütten ein, wo hin und wieder Katzen, Hunde, Ziegen und ein Schwein durchs Sprechzimmer marschieren. In einer heruntergekommenen Kirche breiten der Gastroenterologe und seine Assistentinnen ihre Utensilien auf dem Altar aus. „Davor die klappbare Liege und den kleinen Tisch mit drei Stühlen.“

In der Sprechstunde sind die meisten Patienten „sauber und adrett“ angezogen. Das überrascht Horst Eisold. Und er erfährt, dass manche sich Kleider von Freunden oder Verwandten leihen, um nicht durch ihre Armut aufzufallen. Auf der Insel Mindoro tragen hingegen unzählige Männer Lendenschurz und Machete. Dort steuern die „German Doctors“ 42 entlegene Dörfer im Wechsel an, die meisten ohne Strom und fließendes Wasser. Die Ärzte werden dringend erwartet, weil die einheimischen Mangyans sonst nicht medizinisch versorgt werden. Drei bis vier Stunden sind viele Patienten zu Fuß unterwegs, bis sie die „Rolling Clinic“ erreichen. Kinder mit Atemwegserkrankungen und bakteriellen Infektionen, die oft von Würmern und anderen Parasiten ausgelöst werden, Hautkrankheiten durch schlechte hygienische Bedingungen.

Erschüttert ist Eisold über eine 59 Jahre alte Frau mit einem 17 Tage alten Säugling. Bei der Geburt verblutete die Mutter. Und nun kümmert sich die Oma um das Enkelkind. Solche Schicksale gebe es in den Dörfern immer wieder, weil die Frauen ohne medizinische Betreuung entbinden, schreibt der 71-Jährige in sein Tagebuch. „Bei Komplikationen kommt dann jede Hilfe zu spät.“

Allein wie viele Kinder an Unterernährung, Durchfall und Infekten der Atemwege sterben! Lungenentzündung und Tuberkulose sind die häufigsten Todesursachen der Erwachsenen. Es bedrückt ihn, dass er manchen Kranken nicht helfen kann, weil die Infrastruktur des Gesundheitswesens fehlt.

Ausführlich beschreibt Horst Eisold die Tage seines Aufenthaltes vom Frühstück mit Instantkaffee, Toast und Marmelade bis zum Abend, wenn er sich ein „San Miguel“-Bier gönnt. „Die Arbeit als solche ist zwar nicht sehr anstrengend, aber die Begleitumstände sind es umso mehr“, resümiert er. Beispielsweise wenn sie durch Stein-, Lehm- und Matschpisten ihren Weg zu den Patienten bahnen, sich durch Flüsse kämpfen und im Schlamm stecken bleiben.

Eisold ist interessiert und aufgeschlossen gegenüber dem Land und seinen Bewohnern. Er ist angetan von der Gastfreundschaft der Philippinos. „Sie lesen mir viele Wünsche vom Mund ab und sind immer besorgt um mich, auch, dass ich genug zu essen bekomme, damit meine Frau bei der Rückkunft keinen Schreck bekommt.“

Der Mediziner ist jedoch erschüttert von der tiefen Armut, schreibt von Männern, Frauen und Kindern, die am Straßenrand auf Pappdeckeln schlafen, von mehreren hundert Menschen, die Müllabladeplätze durchwühlen. Viele tragen Stiefel, manche aber nur Flipflops. „Neben dem furchtbaren Schmutz herrscht auch noch ein entsprechender Gestank, und man kann sich vorstellen, was für furchtbare Wunden entstehen, wenn die Müllmänner sich verletzen, weil sie mit nicht oder kaum geschützten Füßen in Glas oder Blech treten.“ Trotz der Armut wirken die Leute auf ihn aber dankbar, geduldig und fröhlich.

Mössinger Gastroenterologe Eisold auf den Philippinen
Sprechstunde in einer Bambushütte auf der Insel Mindoro: Horst Eisold wird gleich einen Patienten abhören. Privatbild

Mössinger Gastroenterologe Eisold auf den Philippinen

Der Gastroenterologe Horst Eisold betrieb in Mössingen 32 Jahre lang eine eigene Praxis. Nachdem diese nun von seinem Sohn und einem Kollegen weitergeführt wird, reiste er für die Organisation „Ärzte für die Dritte Welt“ auf die Philippinen. Den nächsten Einsatz hat er für Februar 2013 geplant. Sein Tagebuch richtet sich insbesondere an Mediziner, die sich über den Aufenthalt als „German Doctor“ in der Dritten Welt informieren möchten. Illustriert ist das Tagebuch mit zahlreichen Fotos (auch vielen – im doppelten Sinn – Krankheitsbildern).
Horst Eisold: Als Arzt auf den Philippinen, Medizin unter Armutsbedingungen, 188 Seiten, 27,50 Euro.

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27.08.2012, 12:00 Uhr

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