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Der Schatz der Glatteisinsel

Mössinger Wirtin über Trucker, Tango und die zweispurige B 27

Brummifahrer kommen und gehen – Elselore Mader bleibt. Seit 50 Jahren hält die heute 78-Jährige mit ihrer „Grünen Au“ die Stellung an der B 27. Im Gespräch mit ihr wird man ein Gefühl nicht los: Früher war alles besser – und heute auch.

26.07.2012
  • Eike Freese

Als Elselore Mader mit dem Zapfen begann, damals, 1958 im Kusterdinger „Rössle“, fehlten der Schwäbin gewisse Kernkompetenzen im Gastronomie-Geschäft. Oder, wie die 78-Jährige heute analysiert: „Ich hatte mit 24 doch von Tuten und Blasen keine Ahnung!“

Heute ist das anders. Elselore Mader macht man als Wirtin kaum etwas vor. Ihre „Grüne Au“ in Bad Sebastiansweiler läuft und läuft. Seit 1962. Am heutigen Donnerstag kommt deshalb der Mann von der IHK vorbei und gibt ihr eine Urkunde. Mader ist stolz darauf. Denn 50 Jahre Pacht – „das gibt es heute doch gar nicht mehr“, sagt sie. Deshalb sitzt Elselore Mader an einem sonnigen Montagnachmittag mit ihrem Sohn Henry, 56, im schummrigen Licht des Gastraums an der B 27. Und erzählt, wie das geht: Zapfen und schwätzen, 50 Jahre lang.

TAGBLATT: Frau Mader, Herr Mader, seit 1962 gilt Ihre „Grüne Au“ an der B 27 als letzte Trucker-Kneipe vor der Alb ...

ELSELORE MADER: Trucker-Kneipe? Das stimmt doch nur noch halb! Die wilden Zeiten, als mein Mann die Sattelschlepper noch eigenhändig von der Straße auf unseren Parkplatz eingewiesen hat, sind lange vorbei.

HENRY MADER: Er ging ja noch weiter! Als ich ein Kind war, ist er ja abends immer raus und hat vorher noch die ganzen Privatauto-Fahrer vom Parkplatz gescheucht. Dann hatten bei uns vor dem Haus sechs, sieben Laster mit Hänger Platz – und der Rest hat an der Tanke geparkt.

Das ist heutzutage offensichtlich nicht mehr so. Wo sind all die Trucker hin?

HENRY MADER: Die kommen immer noch. Aber lange nicht so zahlreich. Die Fernfahrer haben heute Vorschriften und Ruhezeiten und enge Zeitpläne.

ELSELORE MADER: Die Zeiten ändern sich. Früher hockten die Trucker ja oft noch um 4 Uhr morgens bei uns am Tisch.

Bestimmt ein wildes Volk.

ELSELORE MADER: Nicht wirklich. Mit der Polizei hatten wir jedenfalls nie Probleme.

HENRY MADER: Die haben sich eher gegenseitig Streiche gespielt.

ELSELORE MADER: Ja! Wie das eine Mal, als sie einem Einzelfahrer den Hänger abmontiert haben. Der hat erst in Balingen gemerkt, dass ihm da hinten was fehlt.

HENRY MADER: Aber sie sind immer alle wiedergekommen.


Nur langsam haben sich die Maders in den 1950ern in die weite Welt der, nun ja, Wirtschaft hineingetastet. Haben sich Trends abgeschaut. Wie den der Kellerbar: So eine hatten sich die Tübinger Vespa-Freunde Ende der 1950er eingerichtet. „Eine tolle Idee, das wollte ich auch“, sagt Elselore Mader. Drei Tage später hatte sie eine – eine echte Kellerbar in ihrem Kusterdinger „Rössle“. „Das war genial. Und ist super angekommen“, freut sich die 78-Jährige noch heute. „In der Bar floss das Geld in rauen Mengen!“

Andere Lage, andere Sitten: In der „Grünen Au“ an der B 27 war schnell klar, dass hier weniger Vespas als vielmehr Vierzehntonner halten würden. Und statt verwurzelter Kusterdinger gab es plötzlich Gäste aus dem ganzen Land. Gäste mit dem Bedürfnis nach einfachen Gerichten.


Ein Dutzend Brummifahrer nach einem langen Arbeitstag. Das ist wahrscheinlich eine sehr lukrative Kundschaft ...

ELSELORE MADER: Naja. Durst hatten sie zumindest immer. Und volle Teller wollten die.

HENRY MADER: Und die große Schüssel mit den Soßenknochen.

Wie bitte?

HENRY MADER: Na, die Schüssel mit den Soßenknochen. Die hat mein Vater immer den Truckern hingestellt. Wenn er die Soße fertig gekocht hatte, mit den ganzen Knochen zum Soßenkochen, kam diese riesige Schüssel auf den Tisch. Mit den Knochen. Zum Abnagen für die Trucker.

Klingt rustikal.

HENRY MADER: Das funktionierte wie Spare Ribs.

ELSELORE MADER: Das würde es in der heutigen Gastronomie aber nicht mehr geben. Auch nicht für Fernfahrer.

Heute sind die Maders froh, dass ihr Laden läuft. „Etwas Neues gründen ist doch heute viel, viel riskanter als damals“, ist sich Henry Mader sicher. Stattdessen kann er weiter so kochen wie seit 1980, als er überraschend in den elterlichen Betrieb einstieg. „Der Senior wurde schwer krank und dann ging alles ganz ratzefatze“, sagt Mader Junior. „Ich konnte mich nicht lange in der Welt umschauen, so wie das andere Köche machen.“

Ganz offensichtlich haben Sie in all den Jahren immer sehr profitiert von der Lage hier, direkt an der B 27.

ELSELORE MADER: Bestimmt. Früher sogar mehr als heute.

HENRY MADER: Früher gab es die ganzen Autobahnen noch nicht. Da ging der ganze Verkehr in die Schweiz über uns hier. Man nannte uns hier „Die Glatteisinsel“.

„Die Glatteisinsel“? Klingt wie ein Roman.

HENRY MADER: „Glatteisinsel“ ist ein Trucker-Wort. Es bedeutet, dass man hier Halt machen konnte, wenn vorne auf der B 27 nichts mehr geht.

ELSELORE MADER: Wegen Glatteis.

HENRY MADER: Die nächste Glatteisinsel auf der Schweizer Straße war früher erst wieder in Böblingen. Wenn man mal vom Waldhorn in Tübingen absieht.


Die B 27 ist der Lebensnerv der Familie. Mit einem Auge haben die Maders immer beobachtet, wie die Politiker der jeweiligen Generation über einen Straßen-Neubau denken. „Das geht seit Jahren hin und her“, sagt Henry Mader. „Sicher ist allerdings: Wenn es hier vierspurig wird, sind wir abgehängt. Ob mit oder ohne Wall.“ Angst vor dem McDonalds in unmittelbarer Nähe haben die Maders dagegen überhaupt nicht. „Nie im Leben. Wir haben eine völlig andere Kundschaft“, sagt Henry Mader.


Was macht sie denn so sicher, dass trotz McDonalds nichts passiert?

ELSELORE MADER: Weil es immer schon auskömmlich war hier. Auch, wenn mal keine Fernfahrer oder Durchreisenden da waren, hatten wir ja das Haus oft voll. Zum Beispiel mit Kurgästen aus der nahen Klinik.

HENRY MADER: Morgens Fango, abends Tango.

Und die „Grüne Au“ war dann für den Tango zuständig ...

HENRY MADER: So in etwa. Jeden Tag ab 18.30 Uhr haben die Kurgäste hier gegessen. Sie mussten ja irgendwo hin und das möglichst schnell – denn schon um 22 Uhr hat die Klinik abgeschlossen.

Konnten Sie mit Kurgästen denn etwas verdienen? Die dürfen doch nicht mehr als ein kleines Bier am Tag trinken, oder?

HENRY MADER: Früher etwas mehr. Das waren ja Daimler-Arbeiter. Oft in den besten Jahren. Die konnten schon was vertragen.

ELSELORE MADER: Heute ist das ein bisschen anders. Die Leute, die nebenan in der Klinik sind, haben oft richtige Gebrechen.

Also nix mit Entspannungs-Touristen, die in ihrem Haus übernachten? Sebastiansweiler will ja auch eine Wellness-Oase sein.

ELSELORE MADER: Nein, die kommen nicht. Wir haben stattdessen viele Monteure. Und Vertreter. Aus anderen Bundesländern. Aber auch aus China zum Beispiel.

HENRY MADER: Diese Wellness-Geschichte wird kurzfristig eh nichts werden. Selbst wenn wir wollten: Die gebrechlichen Menschen in der Kurklinik und die Wellness-Freunde sind doch zwei völlig unterschiedliche Welten.

Gibt’s bei Ihnen denn wenigstens „Blumenstadt“-Touristen?

ELSELORE MADER: Die schon eher. Ein Regierungspräsident hat sogar mal bei uns übernachtet. Der ist nämlich hier vorbei gewandert.

Mössinger Wirtin über Trucker, Tango und die zweispurige B 27
Spezialität der „Grünen Au“: Samstags Ruhetag. Klingt verrückt. Ist aber so. Und ergibt auch Sinn: Elselore Mader (vorne) und ihr Sohn Henry von der „Grünen Au“ wissen nämlich, dass Monteure immer nur von montags bis freitags bleiben. Und dass Brummifahrer am Wochenende frei haben.

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26.07.2012, 12:00 Uhr

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