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Mit dem Handwerk verflochten

Monika Frischknecht pflegt die alte Kunst des Weidenflechtens

Ob Korb, Sichtschutz oder Sessel: Als einzige eingetragene Korbmachermeisterin im Landkreis Reutlingen hält Monika Frischknecht das Handwerk des Weidenflechtens am Leben. Die alte Kunst erfordert jedoch viel Muskelkraft und Leidenschaft.

31.08.2015
  • maik wilke

Neuhausen. Mit gehörigem Schwung drückt sie die armdicken Bündel durch die beiden Pfosten. Die Weiden verlangen viel Kraft von Monika Frischknecht, der einzigen eingetragenen Korbmachermeisterin im Landkreis Reutlingen. Stramm müssen die Triebe sitzen – mit einem schnellen Griff holt Frischknecht die Weiden wieder hinter dem Pfosten hervor. Im Weg stehen sollten Zuschauer dabei nicht, denn die Weiden peitschen geradezu nach vorne.

Das beschmutzte T-Shirt beweist schon am frühen Morgen die Anstrengungen, die das alte Handwerk des Flechtens mit sich bringt. „Nach der Arbeit falle ich am Abend erschöpft ins Bett“, gesteht die 47-Jährige. Fünf bis sechs Stunden führt sie die flexiblen, aber ungemein zähen Weiden im Zick-Zack durch die Pfosten. Das muss reichen. Pro Quadratmeter verarbeitet Frischknecht, die sich vor 17 Jahren selbstständig gemacht hat, 18 bis 20 Kilogramm Weide, die sie teilweise auf den heimischen Ackerflächen in Neuhausen anpflanzt. Bei einem Sichtschutz von drei auf zwei Metern ergeben das fast 120 Kilo.

Auf der Stirn bilden sich erste Schweißperlen. Mit kraftvollen Schlägen mit dem Schlageisen klopft Frischknecht die Ruten auf die darunter liegenden Weiden. Der Sichtschutz soll schließlich keine Einblicke mehr zulassen. Wieder eine Runde geschafft. Mit geschultem Blick sucht Frischknecht die nächsten Triebe aus, die das Geflecht verlängern. Mal dünne, mal dicke, mal vier, mal sechs – eine genaue Regel gebe es nicht: „Das kommt mit der Erfahrung.“

Bis zu zwölf Arbeitsstunden braucht sie für so ein Geflecht, wie sie es gerade im Garten einer alten Schulkameradin anbringt. Doch bis die Weiden ihren Zweck erfüllen, haben sie einen langen Weg hinter sich: Während ihrer Saftruhe im Winter werden die 2 bis 2,6 Meter langen Stränge geschnitten und der Länge nach sortiert. Dann müssen sie ein komplettes Jahr trocknen, bevor sie vier Wochen vor ihrem Gebrauch in Wasser eingelegt werden. Durch diese Verarbeitung bleiben die Weiden biegsam und halten der Witterung länger stand. Sieben Jahre hält eine Wand aus Weiden – bei guter Pflege bis zu zehn. Die Körbe haben eine noch höhere Lebenserwartung: „Wenn man sie normal benutzt, halten die locker 20 bis 30 Jahre“, sagt die Flechtmeisterin.

Die Sichtschutzelemente halten neugierige Blicke aber nicht ab – sie ziehen sie auch an: „Ich habe hier vor Kurzem erst bei einer Nachbarin einen Sichtschutz angebracht und nun möchten andere Kunden auch einen haben“, erzählt die Korbmachermeisterin. Ihr Geschäft sei von Mundpropaganda abhängig. Ob nun bald alle Gärten in Neuhausen mit ihren Weiden ausstaffiert werden? „Das wäre natürlich toll, aber ich bezweifle es.“

Neben diesen Aufträgen vor Ort ist Frischknecht vor allem auf ihre Kurse angewiesen. Fast jedes Wochenende bringt sie ihren Besuchern bei, wie ein Korb auf traditionelle Weise geflochten wird. „Da sind Frauen und Männer ab 30 bis ins Rentenalter dabei, die sich gerne selbst einen Korb für den wöchentlichen Ausflug auf den Markt flechten“, erzählt die Neuhäuserin. Dann fänden sie Spaß daran und kämen zum nächsten Kurs wieder. „Ich habe Kunden, die schon seit zehn Jahren kommen.“

Wer bereits Übung hat, kann sich auch an komplexere Werke wagen: Dekosegel, Kugel im Chaosgeflecht, Serviertablett, Puppenwagen, Babywiege, Windlichter oder zu Weihnachten auch einen Tannenbaum – die Anwendung ist so flexibel wie der Rohstoff selbst. Frischknecht hat bereits ein Balkongeländer, ein Iglu und auch einen Römersessel aus Weide geflochten. Ihren Kirsch- und Obstbrechkörben passt Frischknecht auf moderne Anforderungen an und gibt ihnen einen ergonomischen Schnitt. Die Körbe schmiegen sich dank Nierenform an die Hüfte des Trägers, was den Komfort deutlich erhöhe.

Erst im Alter von 30 hat Frischknecht das Flechten als berufliche Chance wahrgenommen. Zuvor hat sie eine kaufmännische Ausbildung abgeschlossen. „Doch nur im Büro zu sitzen war mir auf Dauer zu langweilig“, erklärt sie. Sie wollte sich kreativ entfalten, obwohl die Selbstständigkeit ein großes Risiko für sie beinhalte. „Ich habe schon immer ein Händchen für kreative Aufgaben gehabt“, berichtet die 47-Jährige. Daher habe sie den Schritt trotz einiger Bedenken gewagt. Als Korbmachermeisterin hat Frischknecht nun einen Beruf gefunden, der ihr jeden Tag Spaß bringe.

Monika Frischknecht pflegt die alte Kunst des Weidenflechtens
Mit einem schwungvollen Flechtschlag führt Monika Frischknecht die Weidentriebe als dekorativen Sichtschutz um die Holzpfosten.Bild: Franke

Monika Frischknecht pflegt die alte Kunst des Weidenflechtens
Der Sichtschutz aus Weidengeflecht schirmt neugierige Blicke ab. Bild: Franke

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31.08.2015, 12:00 Uhr

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