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Ölsardinen zum Frühstück

Morgendlicher Schienenverkehr an der Kapazitätsgrenze

Die Klagen häufen sich: Im HZL-Frühverkehr kommen sich die Fahrgäste meist näher als gewünscht. Von „Viehtransport“ und „Ölsardinen“ ist die Rede. Die HZL sagt, sie tue alles, was in ihrer Macht steht.

28.11.2012
  • Eike Freese

Steinlachtal. Am Morgen ist es besonders voll: Pendler und Pennäler, Berufsschüler und Studenten. Sie alle drängen sich im 7.28-Uhr-Zug Richtung Tübingen. Fünf Waggons maximal. Viele stehen. Spätestens ab Dußlingen mehren sich die Flüche. Manchmal bleiben Passagiere am Bahnhof zurück. Und wenn eine Seniorin mit Rollator oder ein Vater mit Kinderwagen einsteigen, fangen die Probleme richtig an.

Auch Kurt Räuchle ist das Problem bekannt. Der Fachbereichsleiter Verkehr bei der Stadt Mössingen war jüngst nach Tübingen unterwegs. „Es war voll“, bestätigt Räuchle. „Neben mir stand einer, der war klein. Er hat deshalb gut unter meinen Arm gepasst. Ansonsten wäre kein Platz mehr gewesen.“ Räuchle freut sich im Grunde darüber, dass die Bahnen eine gute Auslastung finden. „So selbstverständlich ist es nicht, dass das Angebot so gut angenommen wird“, meint er. „Aber das Kapazitäts-Problem ist bei uns immer latent ein Thema.“ Die Stadt Mössingen hat sich deshalb bei den Beratungen um den jüngsten Nahverkehrsplan zu Wort gemeldet. „Aber als Stadt können wir nicht mehr als Signale geben, politisch oder in Richtung Bahn.“

„Es ist voll, vor allem der 7.28- Uhr-Zug“, bestätigt Martina Guizetti, Sprecherin im Tübinger Landratsamt. „Wir beobachten das. Für die Engpässe sind kurzfristige Lösungen aber nicht absehbar. Und immerhin kommen ja immer alle Leute mit.“

Eine Einschätzung, die Renate Schelling nicht teilt. Die SPD-Kreisrätin und Dußlinger Gemeinderätin fährt täglich morgens mit dem Zug zur Landtags-Fraktion nach Stuttgart. Kreisweit ist sie dafür bekannt, der HZL besonderes Augenmerk zukommen zu lassen. In jüngster Zeit häufen sich die Klagen, sagt sie. „Es kommt durchaus vor“, so Schelling, „dass ‚Reisende, die es nicht eilig haben‘ in Dußlingen auf den nächsten Zug verwiesen werden.“

Dieses spezielle Problem ist René Dera von der Hohenzollerischen Landesbahn neu. „Das ist noch nicht zu uns durchgedrungen“, sagt der HZL-Mann. Den Rest der Klagen kann er aber nachvollziehen: „Spätestens ab Dußlingen ist es sehr eng. Das tut uns unermesslich leid – aber wir haben keine Ad-Hoc-Lösungen für das Problem.“

Die HZL als Hauptdienstleister auf der Strecke gibt teils sprunghaft gestiegene Fahrgastzahlen als einen Grund an: „Tübingen hat in diesem Jahr tausende Studenten mehr, viele mit Semesterticket“, so Dera. „Das schlägt sich nieder – und allein so ein Anstieg kann nicht abgefedert werden.“

Weitere Fahrzeuge kann die HZL zumindest nicht einsetzen – sie hat schlicht keine. Zukaufen kann sie keine, denn die aktuellen Wagen sind nicht kompatibel zum Bestand. Ein komplett neuer Zug müsste her, und damit Investitionen bis zu zehn Millionen Euro. Aus zwei Gründen können auch nicht mehr Waggons am frühen Morgen eingesetzt werden: Zum einen reichten, so HZL-Mann Dera, die Bahnsteige nur für fünf Wagen. Zum anderen ist die IT-Technik in den derzeitigen Wagen nur für fünf Waggons ausgelegt. Derzeit wird allein noch geprüft, ob ein Manövrieren mit dem derzeit Möglichen Entlastung bringt: Statt eines Dreier- und eines Fünfer-Zugs vielleicht zwei Viererzüge in der Früh. Dass auch mal kurzfristig ein Wagen im Zug fehlt, kann Dera nicht ausschließen. TAGBLATT-Leser hatten der Redaktion jüngst darüber berichtet. „Manchmal ist etwa eine Tür defekt“, so Dera. „So ein Fahrzeug wird abgehängt.“ Viele Klagen darüber habe er noch nicht entgegennehmen müssen.

Über die Frage, ob zusätzliche Busse die Lage entspannen könnten, habe die HZL „allein im Rahmen der Jobticket-Diskussion nachgedacht“, so Dera. Er findet eine solche Lösung kompliziert: „Busse sind langsamer, sie müssen am Bahnsteig auf diejenigen warten, die nicht im Zug mitfahren. Aber wer soll unterteilen, wer wo mitfährt?“ Die HZL rechnet sogar mit künftig steigenden Gästezahlen – und hofft auf einen Fahrzeug-Pool des Landes, dessen Einrichtung Verkehrsminister Hermann im Frühjahr angestoßen hat.

Morgendlicher Schienenverkehr an der Kapazitätsgrenze
7.28 Uhr ab Mössingen: Von jetzt an kann’s nur voller werden. Fahrgäste Richtung Tübingen finden oft nur Stehplätze – und manchmal nicht mal das.Bild:Franke

Die Deutsche Bahn fährt zwar auf der Strecke Mössingen-Tübingen, die meisten Züge aber betreibt die Hohenzollerische Landesbahn mit Sitz in Hechingen (im Internet unter www.hzl-online.de). Sie gehört dem Land sowie den Landkreisen Sigmaringen und Zollernalb. Im Jahr 2011 hat sie mit 67 Fahrzeugen rund 12,9 Millionen Passagiere befördert.

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28.11.2012, 12:00 Uhr

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