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Putins neue Antiterror-Allianz

Moskau: Absturz des russischen Airbus war Attentat - Kremlchef: Mit Frankreich gegen den IS

Wenige Tage nach den Anschlägen von Paris teilt der Kreml mit: Der Absturz des russischen Passagierjets über dem Sinai war ein IS-Attentat. Will Moskau nun sein angestrebtes Antiterror-Bündnis schmieden?

18.11.2015
  • STEFAN SCHOLL MARTIN GEHLEN

Wladimir Putins Rede war kurz, aber eindrücklich. "Die Ermordung unserer Menschen über dem Sinai gehört zu den blutigsten Verbrechen in der Geschichte. Und wir werden die Tränen nicht von unseren Seelen und Herzen wischen", sagte der Präsident. "Aber das hindert uns nicht, die Verbrecher zu finden und zu bestrafen." Er schwor den Attentätern, sie bis in den letzten Winkel der Erde zu verfolgen. Moskau setzte obendrein eine Belohnung von 50 Millionen Dollar aus für alle Hinweise, die "bei der Verhaftung der Kriminellen helfen". Über Syrien ordnete Putin verstärkte Angriffe mit Kampfjets und Cruise Missiles auf die Stadt Rakka an, das IS-Hauptquartier.

In einer Sitzung des Nationalen Sicherheitsrates hatte Russlands Führung zuvor festgestellt, dass der Absturz des russischen Airbus über dem Sinai am 31. Oktober Folge eines Terroraktes war. "An Bord explodierte ein Sprengsatz mit einer Stärke von bis zu einem Kilogramm Trotyl, der zum Zerbrechen des Flugzeuges in der Luft führte", erklärte Alexander Bortnikow, Chef des russischen Sicherheitsdienstes FSB. Damit hat Russland nach langem Zögern die westlichen Informationen bestätigt, dass die 321 getöteten Insassen der Passagiermaschine Opfer von Terroristen wurden.

Russland bleibt dennoch ruhig. Seit dem Start der Militäroperation in Syrien Ende September veranstalten Behörden und Medien in der Heimat einen bisher eher virtuellen Antiterrorkampf. In der U-Bahn und an Bushaltestellen hängen Fahndungsfotos mutmaßlicher IS-Terroristen. Die Zeitungen drucken Ratschläge zum Verhalten bei Geiselnahmen. Wenige Tage vor den Anschlägen in Paris stellten IS-Propagandisten ein Video ins Internet, auf dem sie Russland "sehr bald" ein "Meer von Blut" androhten. Dass dieses Blut dann in Paris vergossen wurde, ruft bei vielen Russen außer Betroffenheit auch das fatalistisch beruhigende Gefühl hervor, zurzeit lebe es sich in anderen Staaten noch gefährlicher.

Viele Beobachter glauben, für das offizielle Eingeständnis, auch die russischen Flugpassagiere seien Terroropfer geworden, sei die Situation zurzeit sehr günstig. "Irgendwann hätte man es doch zugeben müssen", sagt der Moskauer Nahost-Experte Ochran Dschemal unserer Zeitung. Nach dem Pariser Terrorfreitag aber lasse sich sogar außenpolitischer Nutzen daraus ziehen. "Das Pariser Blutbad ist so etwas wie ein zweiter 11. September. Russland bombardiert bisher in Syrien zwar zu 90 Prozent andere Anti-Assad-Rebellen und nur zu 10 Prozent Kämpfer des Islamischen Staates. Aber der Wert dieses Bombardements hat sich gleich um ein Vielfaches erhöht." Russland könne jetzt mit mehr Unterstützung für seine Syrienpolitik rechnen.

Wladimir Putin erklärte demonstrativ, man rechne bei der Fahndung nach den Tätern "auf all unsere Freunde", vorher hatte er es jahrelang vorgezogen, ironisch von "unseren westlichen Partnern" zu reden. Der Kremlchef ordnete zudem an, Frankreich im Kampf gegen den IS wie einen Verbündeten zu behandeln. Der Befehl richtet sich vor allem an den Kapitän des Kreuzers "Moskwa" im Mittelmeer. Ihn forderte Putin auf, direkt Kontakt mit einem französischen Verband, angeführt vom Flugzeugträger "Charles de Gaulle", aufzunehmen und mit ihm kooperieren.

Russische Medien feiern Putins Auftritt beim G-20-Gipfel bereits als Ende der russischen Isolation. Auch das liberale Internetportal Medusa zitiert westliche Agenturen, um zu belegen, dass Europa und die USA drauf und dran sind, Russlands neue Rolle in der Syrienfrage anzuerkennen. So stimme Obama einer politischen Regelung ohne äußere Einmischung und unter UN-Ägide zu, ein russischer Plan.

Allerdings halten Fachleute die Diskussion über eine politische Lösung in Syrien für verfrüht. "Das ist ein diplomatisches Spiel, tatsächlich ist es noch ein weiter Weg bis zum Beginn eines politischen Prozesses. Und niemand erklärt, wie man dorthin gelangt", sagt der Moskauer Politologe Alexander Schumilin. Noch geht der Vielfrontenkrieg weiter. Und trotz der Erfolgsfernsehmeldungen ist es der russischen Luftwaffe offenbar nicht gelungen, die Lage zu ändern. "Es wird um die gleichen Orte gekämpft wie vor sechs Wochen", stellt Nahost-Experte Dschemal fest.

Weniger liberal gesonnene Russen hoffen darauf, dass der Westen in Folge des IS-Terrors auch im Verhältnis zu Russland entscheidend geschwächt wird. "Wenn in Frankreich zum Beispiel Marie Le Pen an die Macht kommt, wird Russland einen sehr mächtigen Verbündeten in Europa haben", schreibt der nationalbolschewistische Schriftsteller Sachar Prilepin. Auch der Oppositionspolitiker Wladimir Ryschkow glaubt, der Kreml setze seine Konfrontation mit dem Westen fort. Putin ziehe Obama mit Hilfe Syriens am Zopf, wie ein Flegel ein Mädchen, mit dem er anbändeln will. "Aber dann zeigt das Staatsfernsehen angeblich versehentlich Projektfotos eines Riesentorpedos, das bis zur US-Küste vordringen und dort 200 Millionen Menschen töten kann". Da zeige sich Putin wieder als Flegel, der mit laufender Motorsäge hinter dem Mädchen herläuft.

Ägypten hatte hingegen bis zuletzt versucht, die verheerende Realität zu verdrängen oder zu bestreiten. Zwei Wochen lang ergingen sich Medien und Talkshow-Runden in immer neuen Verschwörungstheorien. Zuletzt stellte das Außenministerium einen Kommentar mit dem Titel "Absichtliche Verunglimpfung" der staatlichen Zeitung "Al Ahram" auf seine Website, der die Hinweise auf einen möglichen Terrorakt gegen den russischen Charterjet als Verschwörung abtut.

Doch nun gibt es nichts mehr zu beschönigen. Für Ägyptens Regime und Ägyptens Tourismus sind die Nachrichten aus Moskau verheerend. Mehr als ein Drittel aller Touristen kommen aus Russland. Drei Millionen Feriengäste ließen sich 2014 durch günstige Pauschalangebote anlocken, Ägypten stieg zum Lieblingsziel russischer Urlauber auf. In dem Land am Nil hängen 1,5 Millionen Arbeitsplätze vom Fremdenverkehr ab, der neben den Einnahmen aus dem Suezkanal zu den Devisenbringern gehört.

Die mörderische Terrortat offenbart auch, dass Ägyptens Armee die Lage auf dem Sinai nicht in den Griff bekommt. Noch zwei Tage vor dem Absturz behauptete Innenminister Magdy Abdel Ghaffar, die Halbinsel sei "völlig sicher". Ausländische Fachleute wie Omar Ashour von der britischen Universität Exeter kommen hingegen zu anderen Einschätzungen. Die IS-Krieger der "Provinz Sinai" hätten eine Kampfkraft, wie es sie in der Geschichte des ägyptischen Terrorismus noch nie gegeben habe, schrieb er in der Zeitschrift "Foreign Affairs".

Moskau: Absturz des russischen Airbus war Attentat - Kremlchef: Mit Frankreich gegen den IS
Techniker überprüfen auf der syrischen Luftwaffenbasis bei Latakia einen russischen Kampfjet: Moskau verstärkt die Angriffe gegen den IS. Foto: afp

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18.11.2015, 12:00 Uhr

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