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Rüstung

Moskau zeigt Muskeln

Russland – nach wie vor Weltmacht Nr. 2 – droht mit militärischer Stärke wie dereinst die Sowjetunion. Dabei macht die Propaganda des Kreml oft mehr her als das Gerät.

22.11.2016
  • STEFAN SCHOLL

Moskau. Genau 75 Jahre nach der Schlacht um Moskau läuft in russischen Kinos „28 Panfilowzer“ an. Ein Film über 28 Rotarmisten, die im November 1941 vor Moskau mit Panzerbüchsen und Molotowcocktails die deutschen Panzerkolonnen aufhalten. „Der Feind will uns niederwalzen“, verkündet ihr Kommandeur. „Aber er kommt nicht durch, hier stehen wir.“ Russland beschwört die moralische Überlegenheit seiner Soldaten als Erbe der Sowjetzeit. „Die Rote Armee ist stärker als alle zwischen Taiga und Britischem Meer“, zitierte Kremlchef Wladimir Putin im April ein sowjetisches Kriegslied. Und fuhr in Bezug auf die moderne russische Armee fort: „Sie ist schon so allen überlegen, aber sie muss noch stärker werden.“

Russlands Presse feiert das vaterländische Militär als übermächtig. „Das Potenzial unserer erneuerten Streitkräfte übertrifft alle Truppen Europas zusammen“, jubelt die Zeitschrift Expert. Ziemlich unangenehm angesichts der Wahlkampfdrohungen Donald Trumps, die USA könnten europäischen Nato-Ländern den militärischen Beistand entziehen.

Obwohl Kerneuropa 2015 dreimal soviel für die Verteidigung ausgab wie Russland, trumpfen Moskauer Medien mit Wunderwaffen auf, die „allen westlichen Vergleichsmodellen weit überlegen sind“ – ein Standartzitat. Europa antwortet mit Zähneklappern. Der Londoner Telegraph veröffentlichte unlängst einen internen Bericht des britischen Geheimdienstes über den „revolutionären“ russischen Panzer T-14 „Armata“, der mit seiner gepanzerten Mannschaftskapsel und Flugzeugelektronik Anlass sei, die Verteidigungsstrategie des Vereinten Königsreich zu überdenken. Armata-Hersteller „Uralwagonsawod“ kündigte an, man werde in den kommenden vier Jahren 2300 „Armata“ bauen. Im russischen Internet wird diskutiert, wie viele Tage die erneuerten russischen Panzerkräfte bis Paris bräuchten.

„Computer auf Ketten“

„Ein feuernder Computer auf Ketten“: Auch der Moskauer Militärexperte Viktor Litowkin hält den T-14 für den weltbesten Kampfpanzer. Aber es gibt andere Meinungen. Litowkins Kollege Pawel Felgengauer etwa sagt, das Bordradar des „Armata“ enthalte westliche Bauteile und könne von elektromagnetischen Waffen der Nato ausgeschaltet werden. Was der Panzer im Kampf taugt, ist unklar, das Verteidigungsministerium gibt keine Antwort auf eine Anfrage, ob und wie viele T-14 in Dienst genommen seien. Im März hatte Vize-Verteidigungsminister Juri Borisow den Kauf von 100 „Armata“ angekündigt, bis auf weiteres wolle man aber nicht mehr bestellen. Nach Angaben der Internetzeitung gazeta.ru halten die Militärs es für sinnvoller, den seit Jahrzehnten eingesetzten T-72 zu modernisieren. Die Anschaffung von 2300 „Armata“ würde Russland jedenfalls umgerechnet zwölf Milliarden Dollar kosten, mehr als ein Viertel seines jährlichen Militäretats.

Der droht auch angesichts anderer spektakulärer Projekte aus den Nähten zu platzen. Etwa dem Mehrzweck-Kampfjet Pak-FA, mit ihm will Russland den US-Jets Konkurrenz machen. Pak-FA wird seit 2010 erprobt, das Programm hat bisher 2,8 Milliarden Dollar gekostet, seine Serienproduktion aber wird immer wieder verschoben, zuletzt auf Ende 2017. Russland hinkt auch in der elektronischen Kriegsführung zurück: Laut Pawel Felgengauer mangelt es an Radarsatelliten ebenso wie an Aufklärungsdrohnen aus eigener Produktion.

Umso lauter veranstaltet Russland Großmanöver am Don und Bombenangriffe in Syrien. Oder es baut neue Satan-2-Atomraketen auf, die aber nach Ansicht von Experten ihren Vorgängern ziemlich ähneln. „Der Overkill bleibt der gleiche“, kommentiert Igor Sutyagin vom Londoner Royal United Services Institut. „Die Idee ist, dem Westen Angst einzujagen.“ Angesichts der militärischen Unterlegenheit gegenüber der Nato verlege sich Russland massiv auf psychologische Kriegsführung.

Russische Strategen predigen seit Jahren den „Hybriden Krieg“. Es gelte, Bevölkerung und Streitkräfte des Gegners mit Hilfe von Massenmedien und Propaganda zu demoralisieren, den Siegeswillen der eigenen Truppen aber zu festigen. Schon jetzt vermutet Litowkin, die US-Öffentlichkeit sei inzwischen so nervenschwach, dass sie in einem Atomkrieg nach drei bis vier Nukleareinschlägen kapitulieren würde.

Ein russischer Werbeclip für die Streitkräfte aber verspricht Freiwilligen „hundert Sorten modernster Waffen“, „geheime Einsätze auf feindlichem Territorium“ und „große Schlachten gegen lebendige Feinde“. Mehr Angst als Russlands Armee macht zur Zeit die PR.

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22.11.2016, 06:00 Uhr

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