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Tübingens Ponte Vecchio

Mühlstraße: Schon früher über Brücken, Stege, Wege nachgedacht

Alles schon mal dagewesen: Schon vor über 60 Jahren sollte ein Gehweg über die Mühlstraßenmauer geführt werden. Schulberg und Österberg wollte man damals ebenfalls wiedervereinen. Allerdings nicht mit einem Steg, sondern – wenn schon, denn schon – per monumentaler Bogenbrücke.

13.09.2011
  • Wilhelm Triebold

Mühlstraße: Schon früher über Brücken, Stege, Wege nachgedacht
Wohin führte diese Treppe? Fotografiert hat sie Paul Sinner, dessen fotografischer Nachlass im Tübinger Stadtarchiv liegt. Bild: Stadtarchiv

Die Renovierung der Mühlstraße hat im Nachhinein mehr Zustimmung als Unwillen erfahren, auch wenn sie Tübingen erstmals einen Eintrag in das Schwarzbuch gebracht hat, mit dem der Bund der Steuerzahler jedes Jahr die Verschwendung von öffentlichen Mitteln anprangert. Die geplante Treppe über der Stützmauer scheint dagegen um einiges umstrittener zu sein.

Es gab allerdings schon früher die Idee, den Schulberg weiter zu erschließen. Ein Blick in die jüngere Stadtgeschichte ergibt: Es ging schon immer recht eng zu in dem Nadelöhr zwischen Neckar und Campusmeile. Manchen zu eng. War doch die Mühlstraße für längere Zeit die einzige Nord-Süd-Verbindung, durch die zwei Bundesstraßen geführt wurden.

So wurde Anfang der 1950er-Jahre vom Stadtplanungsamt angeregt, die Stützmauer zu einem Arkadengang umzubauen. Mitte der 1960er-Jahre sah ein Generalverkehrsplan vor, die Mauer komplett abzureißen und etlliche Gebäude, wie etwa das Haus „Schimpf“ am Lustnauer Tor, gleich mit. Danach wäre die Mühlstraße vierspurig ausgebaut worden, am Lustnauer Tor sogar sechsspurig.

Mühlstraße: Schon früher über Brücken, Stege, Wege nachgedacht
Und wohin führt diese Treppe? Vorerst ins Nichts, denn sie gehört nur zum aktuellen Baugerüst an dem Mühlstraßen-Eck, wo bald der Passantenweg hochgezogen wird. Bild: Sommer

Hübsch auch das anschließende Tunnelprojekt Schulberg: Hinter der Stützmauer sollte im Berg eine zweispurige Tunnelröhre entstehen, die den ganzen Verkehr abwärts aufnehmen sollte. Der öffentlich Gehweg wäre dann im ersten Stock an der Geschäftshäuser Häuserzeile verlaufen, in luftiger Plateau-Höhe.

Mit den 1970er-Jahren formierte sich allerdings eine Gegenbewegung, die Tübingens Hauptverkehrsader eher schonen als zusätzlich belasten wollte. Alles weitere ist bekannt, etwa der heroische Kampf der „Bürgerinitative Schimpf“ nicht nur um das hervorragende Jugenstilhaus an prominenter Lustnauer-Tor-Stelle.

Einen genaueren Blick verdienen aber Nachkriegsplanungen am Schul- und Österberg, vor allem vor dem Hintergrund der heutigen Diskussionen. Die untere Mühlstraße kurz vor der Eberhardsbrücke war am stärksten von den wenigen Bomben getroffen worden, die über Tübingen abgeladen wurden. Die ruinösen Schäden ließen die Phantasie von Stadplanern und Architekten für den Wiederaufbau gehörig ins Kraut schießen.

Mühlstraße: Schon früher über Brücken, Stege, Wege nachgedacht
Noch eine Treppe an der Mauer. Statt ebenfalls ins Nichts führte sie allerdings in die Wohnstube der Frisörs Otto Niske, der sich hier mit Familienangehörigen fürs Sinner-Bild aufgestellt hat. Das Haus Mühlstraße 5, das teilweise dort stand, wo heute die Lücke klafft, blieb ebensowenig stehen wie das spätere Haus Mühlstraße 3.Bild: Stadtarchiv (Nachlass Sinner)

Fünf Tübinger Architekten waren 1947 zu einem Wettbewerb eingeladen worden, der das Einfallstor der unteren Mühlstraße umgestalten sollte. Unter ihnen waren Karl Wägenbaur und Ulrich Reinhardt, der bald darauf nicht nur das Germanenhaus, sondern auch den flachen Bau links davor gestalten sollte, den die Stadt mittlerweile gerne überbauen möchte.

Reinhardt war es auch, der zuerst einen erhöhten Fußgängerweg auf der westlichen Stützmauer vorschlug. Das wurde als „konstruktiver Vorschlag zur Verbesserung der Verkehrssituation“ gelobt, wie dem auch sonst sehr aufschlussreichen Bändchen „Die Mühlstraße in Tübingen– Zierde der Stadt?“ (Kleine Tübinger Schriften, Band 13) zu entnehmen ist.

Das Preisgericht wurde von Martin Elsaesser angeführt, dem berühmten, bis dato verloren geglaubten Sohn der Stadt. Der renommierte Architekt brachte praktischerweise gleich selbst eine Variante ein. Nach Ansicht der Jury hatte weniger der Krieg, sondern bereits der Durchstich durch den Mühlgraben eine „in die bis dahin intakte Stadtlandschaft geschlagene Wunde“ verursacht. Die wollte Elsaesser dadurch heilen, indem er Schul- und Österberg wieder miteinander verband – auch auf die Gefahr hin, die Mühlstraße dadurch abzuwerten.

Mühlstraße: Schon früher über Brücken, Stege, Wege nachgedacht
Der kühne Brückenschlag des Martin Elsaesser über die Mühlstraße. Das Modell des Architekten, gleichzeitig Preisgerichtsvorsitzender und Wettbwerbsteilnehmer, wurde 1947 favorisiert. Und zwar in Kombination mit einem Fußgängerpfad auf der Mühlstraßen-Stützmauer.Aus dem Buch „Die Mühlstraße in Tübingen“

Deshalb sollte nach seinem Vorschlag eine Panoramabrücke, eine „horizontale Verbindung durch einen Torbau“ über der Mühlstraßenschlucht die beiden Hügel wieder zusammenführen. Und zwar als „wirksamer Straßenabschluss“ der „die beiden getrennten Teile des Höhenzuges Schulberg-Österberg wieder miteinander verbindet.“

Dieses „eigentliche Neckartorgebäude“, ein eigenartig riegeldummes, nachträgliches Stadttor, hätte nach den Vorstellungen seiner Planer sogar Gewerberäume aufnehmen sollen. Tübingens Ponte Vecchio wurde dann aber ebensowenig realisiert wie Ulrich Reinhardts Fußgängerweg über der Stützmauer. Der wird erst jetzt, 64 Jahre später, in Angriff genommen.

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13.09.2011, 12:00 Uhr

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